Köpfe-Interview: Wie Megaherz-Geschäftsführer Fidelis Mager überlebenswichtige Corona-Aufklärung betreibt

 

Ein Unterhaltungsprofi im Kampf gegen gefährliches Halbwissen: Fidelis Mager, zusammen mit Franz Xaver Gernstl Chef der Münchner Produktionsfirma Megaherz, hat zuletzt im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die aufrüttelnden Clips der #IchhatteCorona-Intitiative gedreht. Alles andere als ein alltäglicher und schon gar kein leichter Job, wie er im kress Köpfe-Interview berichtet.

kress.de: Herr Mager, mit den Filmen der Reihe #IchHatteCorona beteiligt sich Ihr Haus an wichtiger Aufklärungsarbeit in Pandemie-Zeiten. Wie kamen Sie eigentlich an so einen Auftrag?

Fidelis Mager: Wir haben uns dieses Jahr in einigen unserer Programme mit dem Thema Corona beschäftigt und festgestellt, dass viel zu viel über Fall­zahlen und Inzidenzraten gesprochen wird, aber viel zu wenig über die Menschen, die von COVID-19 betroffen sind. Mit diesem Gedanken sind wir auf das Bundesministerium für Gesundheit zugegangen. Das Ministe­rium war von dem einfachen, aber klaren Ansatz begeistert und hat un­se­ren Vorschlag sofort in die laufende Kampagne #ZusammenGegenCorona integriert, die von Scholz & Friends orchestriert wird.

"Immer noch hält sich ein gefähr­liches Halbwissen in der Bevölkerung."

kress.de: Was war denn die Grundidee zu den kurzen, sehr bewegenden Beiträgen?

Fidelis Mager: Corona ist zwar in aller Munde, aber immer noch hält sich ein gefähr­liches Halbwissen in der Bevölkerung. Abgesehen von denen, die die Existenz von Corona schlichtweg abstreiten, gibt es auch viele, die COVID-19 für eine bessere Erkältung halten, die nur für Risikogruppen gefährlich ist. Wir wollten herausfinden, wie sich das wirklich verhält und haben zunächst 100 Interviews mit Menschen geführt, die sich mit dem Virus infiziert haben. Dabei kam eines klar heraus: Schwere Verläufe gibt es auch bei jungen Menschen – zum Teil auch mit heftigen Langzeit­folgen. Die Grundidee war: Betroffene erzählen ihre Geschichte. Aus den 100 Interviewpartnern haben wir 15 herausgegriffen, die ihre Geschichte ausführlich erzählen.

Tipp: Registrieren Sie sich bei kress Köpfe - und werden Sie leichter gefunden.

kress.de: Lassen Sie einmal ein wenig hinter die Kulissen blicken: Corona ist ja so ein ernstes Thema, das Kreative durchaus auch befangen machen und lähmen könnte. Wie wählten Sie im Gespräch mit ihren Teams gute Ansätze aus: Wie lang hatte es gedauert, bis Sie beim richtigen Dreh waren?

Fidelis Mager: Das hat nicht lange gedauert, durfte es auch gar nicht. Von der Auftrags­vergabe bis zur ersten Ablieferung hatten wir nur vier Wochen Zeit. Aber unsere Idee war von Anfang an klar: Betroffene erzählen ihre persön­liche Geschichte. Wir konnten uns also voll darauf konzentrieren, Fälle zu recherchieren und Protagonistinnen sowie Protagonisten zu finden. Uns war wichtig, diese in allen Bevölkerungsschichten, Altersgruppen und Regionen zu finden.

"Was wir bewusst vermieden haben, ist künstliche Dramatisierung."

kress.de: Worin lag die größte Gefahr: Nicht zu krawallig, nicht zu kitschig, nicht zu platt zu werden?

Fidelis Mager: Für uns war die größte Gefahr, dass wir in der Kürze der Zeit nicht genug Menschen finden könnten, die bereit sind, offen über sich und ihre Krankheit zu sprechen. Deshalb haben wir einige der besten Journa­listinnen und Journalisten dieses Landes beschäftigt und es tatsächlich geschafft, bereits nach fünf Tagen über 100 Interviews geführt zu haben. Ausgewählt haben wir dann leichte, mittlere und schwere Verläufe. Aber Sie haben vollkommen recht: Die Tonalität war natürlich auch eine Gefahr. Wir haben uns für einen Filmstil entschieden, der den Protago­nistinnen und Protagonisten auf Augenhöhe begegnet. Wir haben ein Setting geschaffen, in dem sie sich auf das Erzählen ihrer Geschichte konzentrieren konnten. Was wir bewusst vermieden haben, ist künstliche Dramatisierung.

"Unsere Filme sind sofort ins Kreuzfeuer der Corona-Leugner geraten."

kress.de: Wenn man die Betroffenen in Ihren Filmen sprechen hört, dürfte über den Ernst der Lage kein Zweifel mehr herrschen. Wie sehr schmerzt es dann, wenn man wieder die vielen aufgeregten, unsinnigen Debatten der Corona-Verharmloser mitbekommen muss?

Fidelis Mager: ­­­Das schmerzt nicht nur, das macht auch wütend. Unsere Filme sind ja sofort ins Kreuzfeuer der Corona-Leugner geraten. Der Verschwörungs-Fanatiker Attila Hildmann und andere Wirrköpfe haben im Nazi-Jargon zu einem "Blitzkrieg" gegen die Kampagne aufgerufen mit der Folge, dass es wenige Minuten nach der Veröffentlichung schon Zehntausende "Daumen runter" gab. Ganz perfide wurde in den Raum gestellt, dass es sich bei den Betroffenen um Schauspieler handelt. Der Ton dieser Kommentare war widerlich. Aber das ist eine Gruppe, die man mit Argumenten nicht mehr erreichen kann. Und es ist zum Glück eine zu vernachlässigende Minderheit, die sich durch ihr Verhalten selbst ins Abseits stellt. Ich will das mal so sagen: Am Ende ist es der Erde egal, wenn manche Leute immer noch denken, sie sei eine Scheibe. In Bezug auf Corona trifft das auch zu: Wir haben zwei ehemalige Corona-Leugner nicht mehr interviewen können, weil sie vorher an COVID-19 gestorben sind. Sie haben sich aber vorher ihrem Arzt offenbart.

kress.de: Wie in vielen Megaherz-Produktionen sprechen Ihre Protagonisten eine unmissverständliche Sprache, die nichts beschönigt: "Der Erste hat ein bissl Fieber, der Zweite ist im Krankenhaus, der Dritte liegt am Friedhof". Wie kommen solche Texte zustande?

Fidelis Mager: Das ist vielleicht eine unserer großen Stärken: Wir haben ein gutes Händchen bei der Auswahl von Protagonisten. Davon leben all unsere Produktionen. Den starken Satz hat die ehemalige Wiesn-Bedienung Inge von ganz allein rausgehauen. Stimmt, der hätte auch gut in einen Dialog von Patrick Süßkind und Helmut Dietl gepasst.

kress.de: Wie schwer war es denn, Menschen mit ihren Corona-Erlebnissen vor die Kamera zu bekommen?

Fidelis Mager: Das war ein Kraftakt. Vor allem aufgrund der vom Ministerium gefor­der­ten Schnelligkeit.

kress.de: Wie stark ist bei den Betroffenen das Bedürfnis, auch wirklich mit ihren Geschichten Gehör zu finden?

Fidelis Mager: Sehr stark. Gerade bei den Schwerstbetroffenen ist das Sendungs­bedürfnis groß. Klar, wenn der eigene Vater an Corona gestorben ist, dann ist es für ein junges Mädchen natürlich besonders unerträglich, wenn da draußen immer noch Leute rumlaufen, die sagen, die Krankheit gibt es gar nicht. Alle Protagonisten haben uns ihre Geschichte gerne erzählt. Sie alle wollten aufklären. Keinen musste man dazu lange überreden.

kress.de: Wie steckte Ihr Team eigent­lich die nervenaufreibende Arbeit an solchen doch recht existenziellen Themen weg?

Fidelis Mager: Ich glaube, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an diesem Projekt tief beeindruckt sind von den Geschichten, die uns erzählt wurden. Zum Glück waren die aber nicht nur schockierend, sondern zum Teil auch hoffnungsspendend. Wir haben es ja durchweg mit sehr starken Charakteren zu tun. Einige sind dem Tod gerade nochmal von der Schippe gesprungen. Ich glaube, die Beschäftigung mit solchen Themen ist am Ende für alle bereichernd. Und einen besonderen Effekt hatte das Ganze: Die Einhaltung der AHA-Regeln ist für alle, die an diesem Projekt mitgewirkt haben, ganz selbstverständlich geworden. Gar kein Problem gegenüber dem, was man sich mit dem Virus einfangen kann.

kress.de: Die Stärke vieler Megaherz-Produktionen, etwa der beliebten Repor­tage-Reisen mit Ihrem Geschäftspartner Franz Xaver Gernstl, liegt ja im direkten Gespräch und in der Vor-Ort-Begegnung. Inwieweit hat Corona ihrer Firma in diesem Jahr einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht?

Fidelis Mager: Der Anfang war hart. Zwei große Projekte konnten nicht realisiert werden. Das war zum einen der zweite Teil unseres Kinoabenteuers "Checker Tobi". Wir wollten in Vietnam, Brasilien und in der Mongolei drehen, alles bis heute unmöglich. Auch den Film über die Passions­spiele in Oberammergau für BR/ARTE konnten wir nicht fertigstellen. Die Premiere der Passion wurde auf 2022 verschoben. Von April bis Juni hatten wir einen dramatischen Umsatzrückgang und mussten in dieser Zeit auch das Instrument Kurzarbeit anwenden. Wir haben die Zeit aber gut genutzt, haben Hygienekonzepte für unsere Produktionen entwickelt und konnten die Sender damit überzeugen. Am Ende haben wir alle unsere Reihen durchziehen können.

kress.de: Waren Ihre Produktionen auch konkret von Corona-Fällen betroffen?

Fidelis Mager: Es gab Corona-Fälle unter den Mitarbeitern. Der erste, der krank wurde, war mein Kompagnon Oliver Gernstl. Das ist der jüngere Sohn von Franz. Aber durch konsequente Quarantäne führte das zu keinen weiteren Problemen. Und zum Glück hatte er einen leichten Verlauf. Eine Regisseurin unserer Landfrauenküche ist ebenfalls erkrankt. Aber auch dies führte nicht zu Problemen, weil wir es bei den routinemäßigen Corona-Tests vor Drehstart erkannt haben. Schwierig war es vor allem, mit den zahlreichen Verdachtsfällen umzugehen. Sobald ein Team­mitglied ein Kratzen im Hals hat, löst das sofort die ganze Kette an Maßnahmen aus: Quarantäne bis zum Testergebnis, Nachverfolgung der Kontakte und natürlich: vorläufiger Drehstopp. Das war manchmal nicht einfach. Inzwischen haben wir aber gelernt, wie man in Corona-Zeiten produzieren muss. Am Ende des Jahres hat sich das als großer Wettbewerbsvorteil erwiesen. Wir konnten den Umsatz gegenüber 2019 sogar deutlich verbessern. Mit dem Bayerischen Fernsehpreis für die „Landfrauenküche“ und dem inhaltlich unheimlich spannenden Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit geht das Jahr 2020 für uns insgesamt sehr gut zu Ende.

"Ein Gernstl muss raus zum Drehen, sonst wird er wahrscheinlich unleidlich."

kress.de: In der jüngsten "Gernstl unterwegs"-Folge, zuletzt im BR-Fernsehen ausgestrahlt, wurde Corona ja auch selbst zum Thema, und Franz Xaver blieb, weil er altersbedingt zur Risiko­gruppe gehört, erst mal zuhause und schickte seinen Sohn auf Fahrten. Wie steckte der Senior eigentlich diese ungewohnten Momente der Sesshaftigkeit weg?

Fidelis Mager: Der Franz ist zwar ein geübter Auf-dem-Kissen-Sitzer, er hat das an­läss­lich der Dreharbeiten zu "Erleuchtung garantiert" bei den japanischen Zen-Mönchen gelernt – zusammen mit Doris Dörrie. Aber ein Stuben­hocker ist er ganz bestimmt nicht. Ein Gernstl muss raus zum Drehen, sonst wird er wahrscheinlich unleidlich. Man hat das im Film ja schon gesehen: verwahrloster Haarschnitt, 5-Tage-Bart, leichte Ansätze einer Depression…

kress.de: Wie schaffen Sie  eigentlich selbst in aufwühlenden Zeiten Ihren ganz persönlichen Ausgleich, wo tanken Sie die Batterien wieder auf?

Fidelis Mager: Erstmal ist es halb so anstrengend, wenn man Dinge macht, die einen Sinn haben. Dieses Gefühl habe ich bei allen unseren Produktionen. Und dann achte ich in meinem Alter schon auch ein bisschen auf gesun­de Ernährung und Sport. Weil die Fitness-Studios so lange geschlossen waren, habe ich Therabänder mit Türanker für mich entdeckt. Prima Sache. So bin ich topfit durch das Corona-Jahr gekommen.

"Seit ich aufgehört habe, jeden guten Einfall selbst haben zu wollen, bin ich in der Lage, wirklich gute Ideen zu erkennen."

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Fidelis Mager: Ganz ehrlich? Meistens sind das meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit ich aufgehört habe, jeden guten Einfall selbst haben zu wollen, bin ich in der Lage, wirklich gute Ideen zu erkennen. Man könnte sagen, die besten Ideen entstehen dann, wenn man selbst keine hat.

kress.de: Sie führen ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken, vielleicht sogar gerade in Corona-Zeiten, wenn so viele übliche Kontakt- und Austauschwege beschnitten sind, für Sie?

Fidelis Mager: Ohne ein großes Netzwerk hätten wir die Corona-Kampagne niemals stemmen können. Ich persönlich mag aber den Begriff "Netzwerken" nicht. Es geht ja nicht darum, Freunde und Follower zu sammeln und mit möglichst vielen Menschen lose in Kontakt zu sein, es geht darum, sich in der Zusammenarbeit mit Partnern sehr gut zu bewähren. Durch Leidenschaft, Qualität und Verlässlichkeit. Bei einem Auftrag denken wir deshalb nie an den maximalen Gewinn, sondern immer an die maximale Kundenzufriedenheit. So entstehen langfristig automatisch Netzwerke, die dann auch wirklich belastbar sind.

Hintergrund: Die Filme der Kampagne #IchhatteCorona, entstanden im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, sieht man hier im Netz.

kress.de-TippSie arbeiten in der Medien- und Kommunikationsbranche? Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.de und legen in der Personen-Datenbank "Köpfe" ein Profil an. Ihren Köpfe-Eintrag können Sie mit einem Passwort bequem selbst pflegen und aktualisieren. Mit Ihrem Profil können Sie sich auf kress.de - beispielsweise mit Kommentaren - präsentieren und sind zudem - wenn gewollt - auch im Netz leicht auffindbar. Wir als Redaktion verknüpfen die Kopf-Profile mit Personalmeldungen und präsentieren am Wochenende die populärsten Köpfe der Woche.  

Alle Neuzugänge bei den "Köpfen" finden Sie hier.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.