Zu früher Abschied: Welche Chancen haben Medienprofis ab Mitte 50 noch?

 

Zu jung für die Rente, zu alt für viele Arbeitgeber: Inzwischen gilt schon der Jahrgang 1966 als "rentennah" und soll möglichst freiwillig gehen. Doch bis zur Rente fehlen in Wirklichkeit noch 13 Jahre. Mediencoach Attila Albert über verbleibende Optionen für Medienprofis ab Mitte 50.

Bei der Meldung zum geplanten Stellenabbau bei der Spiegel-Gruppe war es besonders ein Aspekt, der viele Medienprofis verblüffte: Die beschlossenen Maßnahmen würden vor allem "rentennahe" Mitarbeiter treffen, hieß es da, und zwar diejenigen der Jahrgänge 1966 oder älter. Wer kurz überschlug, wunderte sich: Mit 54 Jahren ist man angeblich der Rente nahe? In Wahrheit gilt für diesen Jahrgang das Rentenalter von 67 Jahren. Nur, wer mindestens 45 Jahre in die gesetzliche Versicherung eingezahlt hat, darf zumindest noch mit 65 Jahren in Rente - oder mit 63 Jahren zum hohen Preis einer Rentenkürzung von 14,4 Prozent.

So liegen hier also bis zu 13 Jahre zwischen der nur halb freiwilligen Verabschiedung und der Rente. Das überbrückt die beste Abfindung nicht, zumal sie für "rentennahe" Mitarbeiter niedriger ausfallen darf. Doch wurde hier einmal offiziell benannt, was für viele Medienprofis über 50 eine Realität ist: Sie sind zu alt für Medienhäuser, die sich "jünger aufstellen" und Lohnkosten senken wollen. Führungskräfte sollen heute eher Mitte 30 bis Anfang 40 sein, Redakteur oder Reporter gern jünger. Auch, wenn das in keiner Stellenanzeige steht, weil das in Deutschland verboten ist (in der Schweiz sind Altersgrenzen erlaubt und üblich.)

Notgedrungen selbstständig gemacht

So ist es kein Zufall, dass sich viele ehemalige Chefredakteure, Geschäftsführer, Anzeigen- oder Verkaufsleiter und leitende Redakteure in dieser Altersgruppe auf einmal selbstständig machen. Das geschieht weniger aus spät entdecktem Unternehmergeist, der sich aber durchaus einstellen kann. Ausschlaggebend ist meist die Einsicht, dass es wohl keine vergleichbare feste Stelle mehr geben wird und die Abfindung nach rund einem Jahr weitgehend aufgebraucht ist - die Rente aber noch weit entfernt. Dann kann die eigentlich nicht gewünschte Selbstständigkeit doch sinnvoll und persönlich bereichernd sein.

Ein nur begrenzt empfehlenswerter Weg ist es, freiberuflicher Berater, Coach, Trainer oder Magazin- oder Formatentwickler werden zu wollen. Das kann ein erfolgreicher Weg sein, wenn es mehr als eine Notlösung wider Willen und mit einer echten Idee verbunden ist. Ansonsten stapeln sich bei den Medienhäuser inzwischen die Bewerbungsmappen und Konzepte ehemaliger Mitarbeiter, die auf diesem Weg wieder einsteigen wollen. Es gibt schlicht den Bedarf nicht mehr. Derartige Leistungen (z. B. Workshops, Magazin-Konzepte) werden heute oft intern an angestellte Mitarbeiter - damit kostenneutral - vergeben.

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Wer sich für diesen Weg interessiert, sollte sich zweifach spezialisieren: In Bezug auf das Angebot (welches Problem Ihrer Kunden lösen Sie) und die Zielgruppe (an wen wollen Sie sich wenden, ist diese Gruppe interessiert und zahlungsfähig). Je spezifischer, desto besser. Verlieren Sie nicht Zeit und Geld mit wahllosen Ausbildungen, Trainings und Zertifikaten, die sich hinterher häufig als nutzlos herausstellen. Erst aus der konkreten Geschäftsidee, einem groben Business-Plan und eventuellen Partnern ergibt sich, welche Erfahrungen Sie sofort einsetzen können und wo eine Weiterbildung oder Zertifizierung sinnvoll wären.

Wechsel in die PR mit realistischen Vorstellungen

Die klassische Alternative ist immer noch die PR - vom Unternehmenssprecher bis zum Content Marketing, also der Produktion journalistischer Formate (z. B. Artikel, Reportagen, Interviews) für werbliche Zwecke. Manchem Journalisten ist schon bei dem Gedanken daran unwohl, andere schätzen gerade die Nähe zur Wirtschaft bzw. zu einem bestimmten Zweck. Die Branchen, in die ein Medienprofi wechseln könnte, sind unüberschaubar. Ebenso die möglichen Organisation: Start-ups, Mittelständler, Konzerne, Parteien, Stiftungen, NGOs. Klären Sie für sich, was davon zu Ihren Überzeugungen und Interessen passen könnte.

Realistisch ist zu sehen, dass die PR inzwischen viele Entwicklungen des Journalismus nachvollzogen hat. Das gilt für die Arbeitsweisen und Einkommenshöhen, aber auch für die Personalauswahl. Wer sich mit Mitte 50 erfolgreich bewerben will, sollte eine ausgewiesene Fach- oder Führungskraft sein - und muss Geduld mitbringen, denn höher angesiedelte Stellen sind auch hier knapp. Sollte Ihr Abschied aus der Redaktion absehbar sein, nutzen Sie deshalb die verbleibende Zeit: Erarbeiten Sie sich ein inhaltliches Profil und Kontakte, damit Sie nicht später als völliger Quereinsteiger ganz von vorn beginnen müssen.

Alternativ zu kleineren Medienhäusern

Ein Ausweg ist gelegentlich der Wechsel zu einem kleineren Unternehmen, etwa zu einem Regional- oder Fachverlag. Eventuell bleibt das Gehalt gleich oder ist 20 bis 30 Prozent niedriger. Dafür erlebt mancher einen späten hierarchischen Aufstieg (z. B. vom leitenden Redakteur bei einem Großverlag zum Chefredakteur beim Kleinverlag). Das kann eine interessante Erfahrung mit neuen Lernerfahrungen und Möglichkeiten sein. Die häufigen Nachteile: Pendeln an den neuen Arbeitsort, ein kleineres Team und Budget für Recherchen, Reisen und Fotos sowie Eigentümer, die sehr in das Tagesgeschäft einwirken wollen.

Immerhin erlaubt diese Alternative, weiterhin ein solides Einkommen zu erzielen, mehr Zeit für die fortgesetzte Stellensuche zu gewinnen und für mögliche Verhandlungen eine gute Ausgangsbasis zu schaffen. Interessant ist sie vor allem für diejenigen, die bisher wenig oder keine Führungserfahrung haben (z. B. ehemalige Chefreporter). Sie qualifizieren sich so für offene Stellen in höheren Hierarchieebenen, die ihnen bisher wegen ihres Alters in Kombination mit fehlender Erfahrung nicht zugänglich wären. Wer sagen kann, dass er Chefredakteur war, wenn auch bei einem kleinen Titel, ist plötzlich wieder im Spiel.

Freie Mitarbeit lohnt sich manchmal

In einigen Fällen ist der Schritt zurück gewünscht und möglich: Wieder als reguläres Mitglied einer Redaktion beispielsweise recherchieren und schreiben. Oft hilft ein Titel wie "Autor", "Berater der Chefredaktion", "Sonderkorrespondent" oder "Redakteur für Sonderaufgaben", den Abstieg in der Hierarchie ein wenig zu kaschieren und damit akzeptabel zu machen. Manchen gelingt es, ihr bisheriges Gehalt (oft ca. 90 000 bis 110 000 Euro im Jahr) zu halten. Doch viele Medienhäuser sind langfristig nicht mehr dazu bereit und drängen auf "freiwilligen" Gehaltsverzicht - bei Weigerung droht eine Änderungskündigung.

Mancher Medienprofi findet sich mit Mitte 50 in der Situation wieder, in der er zuletzt als Berufsanfänger war: Bei Redaktionen einzelne Texte oder die freie Mitarbeit anbieten, sei es bei überregionalen Titeln oder der lokalen Tageszeitung. Das lohnt sich finanziell häufig wenig, ist aber für manche durchaus eine Alternative. Nicht wenige Medienprofis sind in diesem Alter finanziell unabhängig oder haben niedrige Kosten, weil das Haus geerbt oder abgezahlt ist und sie keine Kinder haben. Auch ein gut verdienender Partner oder geerbtes Vermögen schaffen die Freiheit, nicht zwingend für den Verdienst arbeiten zu müssen.

Für diese Medienprofis ist es oft eine Überwindung, diese Option überhaupt zu erwägen. Denn sie fühlt sich ein wenig wie ein endgültiger Ausstieg aus dem Berufsleben an, wenn auch unter angenehmen Umständen. Doch sie bietet die Gelegenheit, ohne existenzielle Sorgen einen Lebenstraum (z. B. eigenes Geschäft) zu verwirklichen, lockeres Arbeiten mit einem Ehrenamt zu verbinden oder mehr Zeit mit Partner oder Familie zu verbringen. Wer ewig "im Hamsterrad" gesteckt hat, empfindet diesen Luxus oft fast als frivol. Doch er ist ebenso erlaubt wie ein Berufs- oder Branchenwechsel in den letzten Karriere-Jahren.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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