Kurt Kister - bei der SZ immer noch ein König

 

Im Sommer gab SZ-Chefredakteur Kurt Kister seinen Posten auf, blieb aber Autor des Blatts. Jetzt ist er wieder leitender Redakteur. Warum ihn die Redaktion wie einen König verehrt und wie er selbst die Sache sieht. Zur kress pro-Geschichte.

Wie wäre es wohl, wenn Angela Merkel als Bundeskanzlerin abdankte und dann als Bundestagspräsidentin zurückkäme? Oder als Staatssekretärin? Oder wenn Uli Hoeneß wieder die FC-Bayern-Lizenzspielerabteilung übernähme? So ungefähr erscheinen manchen Beobachtern die Verhältnisse bei der "Süddeutschen Zeitung" zu sein. Kurt Kister war bis im Sommer Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" und blieb dem Blatt als Autor verbunden. Seit Anfang Dezember allerdings ist er als leitender Redakteur ins Impressum zurückgekehrt. Damit ist er wieder ein Impressionist, was eine große Bedeutung in München hat.

Kister hat sein ganzes Leben bei der "Süddeutschen Zeitung" verbracht: Reporter in der Innenpolitik, Chef der Seite Drei, USA-Korrespondent, Chef der Außenpolitik. 2011 wurde er als Nachfolger von Hans Werner Kilz zum Chefredakteur berufen. Bis 2015 durfte Kister allein regieren, dann wurde ihm das Organisationstalent Wolfgang Krach zur Seite gestellt.

Als bayrisch-barocker Potentat führte und beschützte der Grantler seine "SZ" und seine Redakteure liebten ihn dafür. Das galt besonders, als 2008 die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) die Zeitung übernahm. Kister schaffte es, sein Blatt vor den kleinkrämerischen Provinzlern weitgehend unbeschadet zu halten und ihnen lange Zeit ihren schwäbischen Sparwillen auszureden. SWMH-Geschäftsführer Richard Rebmann, heißt es, habe immer bei Kister um einen Termin nachgesucht und nicht andersherum. Auch als Autor ist Kister hochangesehen. Ob Glosse, Analyse, Reportage oder Kommentar: Kister brilliert in den Augen vieler Kollegen in jedem Genre, zuletzt sogar in so etwas scheinbar Profanem wie den "Abonnentenbriefen".

Allerdings nahmen die Kollegen auch zur Kenntnis, dass Kister in den letzten Jahren mit seiner baldigen Demission kokettierte, ohne dieser Androhung je Taten folgen zu lassen. Vielleicht dachten viele in der Redaktion, das ginge ewig so weiter. Doch aus den Auseinandersetzungen um die in der Printredaktion unbeliebte Digital- und Co-Chefredakteurin Julia Bönisch im vergangenen Jahr ging auch Kister nicht unbeschadet hervor. Als er abdankte, war er 63. Judith Wittwer kam vom Züricher "Tages-Anzeiger" und ersetzte ihn im Sommer. Seither klafft in den Augen mancher eine publizistische Lücke, die seine Nachfolgerin kaum wird füllen können. Von seiner Redaktion wird Kister wie ein alter König verehrt. Die einflussreichen Impressionisten waren begierig, ihn in ihrem Kreis zu wissen. Aus der Redaktion heißt es, leitender Redakteur sei ein Ehrentitel, der bei der "SZ" den ganz Großen wie Ex-Wirtschaftschef Nikolaus Piper oder dem Feuilleton-Papst Joachim Kaiser und nun Kurt Kister vorbehalten sei. 

Wie sieht Kister die Sache selbst? "Es hat aktuell kein Wechsel meiner Position stattgefunden", teilt er kress pro mit. "Ich bin im Sommer 2020 auf eigenen Wunsch und nach sorgfältiger, langer Vorbereitung des Wechsels aus der Chefredaktion der 'Süddeutschen Zeitung' ausgeschieden. Seitdem bin ich bei der ,SZ' ohne Ressort- oder disziplinarische Führungsverantwortung weiterhin als fest angestellter Redakteur tätig; mein Status entspricht dabei dem eines 'Redakteurs in besonderer Stellung'", erläutert er weiter. Der Herausgeberrat und die Chefredaktion hätten gewollt, dass sein Name weiterhin im Impressum stehe. Seit Sommer sei er so gut wie ausschließlich als Autor von Kolumnen, Kommentaren, Essays etc. tätig. Dies entspreche genau dem, "was ich nach 15 Jahren Zugehörigkeit zur ,SZ'-Chefredaktion wollte. Es gab also seit Juli weder einen Wechsel noch ein 'Comeback', wie dies fälschlicherweise gemeldet wurde."

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