Mai Thi Nguyen-Kim: Welche Frage die Journalistin des Jahres immer wieder stellt

22.12.2020
 

Ihr erstes Video im April wurde der meistgeklickte YouTube-Clip des Jahres und sie zum vielgefragten Star im Wissenschaftsjournalismus. Selbst die Bundeskanzlerin zitierte sie namentlich im Bundestag. Im Interview mit dem medium magazin erklärt Mai Thi Nguyen-Kim ihr Erfolgsrezept und sagt, welche einfache Frage wir alle öfter stellen sollten.

medium magazin: Was verändert die Welt nun mehr: Corona oder der Quantencomputer?

Mai Thi Nguyen Kim: (lacht) ... mmh. Langfristig der Quantencomputer. Obwohl, man möchte ja fast hoffen, dass Corona die Welt auch nachhaltig verändert.

medium magazin: Warum?

Nguyen-Kim: Abgesehen von den negativen Folgen gibt es ja auch positive Effekte: Allein schon die breite Anerkennung von Homeoffice-Arbeit. Oder von "systemrelevanten Berufen" und dass deren Wertschätzung nicht mit Applaus Genüge getan ist.

medium magazin: 2020 hat sich auch Ihre eigene Welt drastisch verändert: Sie sind im Januar Mutter geworden, Ihr erstes MaiLab-Video im April wurde der meistgeklickte Youtube-Clip desJahres und Sie zum vielgefragten Star im Wissenschaftsjournalismus. Selbst die Bundeskanzlerin zitierte Sie namentlich im Bundestag. Wie erklären Sie sich selbst Ihren enormen Erfolg in diesem Jahr?

Nguyen-Kim: Ganz ehrlich, ich habe das alles bis jetzt noch gar nicht wirklich realisieren können. Das begann ja mit der riesigen Resonanz aufdas Video "Corona geht gerade erst los", mit der wir wirklich nicht gerechnet hatten. Man hört ja immer wieder von Schwierigkeiten für Youtuber, wieder sichtbar zuwerden, wenn man mal länger pausiert hat. Also wollte ich, nachdem wir am 2. April das Video hochgeladen hatten, erst mal in Ruhe meine E-Mails aus fünf Elternzeit-Monaten beantworten, doch daraus wurden ichts. Jetzt ist es ein interner Running Gag, dass ich immer noch nicht zu meinen E-Mails gekommen bin. Aber davon mal abgesehen: 2020 war ja grundsätzlich ein gutes Jahr für Wissenschaftsjournalismus. Vielleicht hatte ich den Vorteil, dass Youtube schon seit Langem meine Hauptplattform ist, über die ich viele Menschen erreichen kann, die nicht mehr linear fernsehen. Viele Wissenschaftsjournalisten sind aber noch vor allem in klassischen Medien aktiv. Ich glaube allerdings auch, es hat sich 2020 gelegentlich gerächt, dass Wissenschaftsjournalismus bisher eher ein Nischendasein in den Medien geführt hat. Eine Folge davon war, dass viele Leute nicht wissen, wie Wissenschaft wirklich funktioniert. Das hatte zum Teil fatale Auswirkungen.

medium magazin: Was meinen Sie mit fatal?

Nguyen-Kim: Eine der ganz wesentlichen wissenschaftlichen Arbeitselemente ist einfach: Man muss sich "vorwärtsirren". Die Suche nach Antworten muss völlig ergebnisoffen sein, denn die meisten Hypothesen erweisen sich im laufenden Forschungsprozess erst mal als falsch. Das ist aber sogar eine Stärke. Nur von der Öffentlichkeit wird das oft missverstanden - nach dem Motto: "Diese Wissenschaftler sagen gestern so und heute so, die haben eh keine Ahnung. Also müssen wir auch nicht auf sie hören." Das hat sicher auch Verschwörungsmythen Auftrieb gegeben. Dem müssen wir mit transparenter Aufklärung noch viel mehr und klarer gegenhalten.

medium magazin: "Wir Journalisten müssen besser darin werden,vernünftigen Stimmen mehr Aufmerksamkeitzu geben", haben Sie mal gesagt.Wie sollte das aussehen?

Nguyen-Kim: Gerade bei wissenschaftlichen Themen wird immer wieder der Fehler einer sogenannten False Balance, also falschen Balance, gemacht: Im traditionellen Journalismus stellt man für gewöhnlich Meinungen gegenüber, um verschiedene Standpunkte abzubilden. Das ist in derWissenschaft nicht immer sinnvoll, wenn eine Person einen mehrheitlichen Konsens vertritt gegen jemanden, der ziemlich allein dasteht, und dieser Unterschied nicht erklärt wird. Bei einem Laien kommt dann aber nur an: Der eine sagt so, der andere sagt so. Das hat Auswirkungen bis in die Politik, wenn es dann heißt: Die Wissenschaft ist sich uneinig, also muss ich nicht darauf hören. Wir Journalisten sind alle aufgefordert, das Standing eines Protagonisten zu recherchieren, bevor man ihn zitiert oder interviewt. Mich stört massiv, wenn schlichtweg falsche Aussagen als Meinungsäußerungen einfach stehen gelassen werden. Das kann echt fatal sein,denn so geraten Wissenschaftler ins Rampenlicht,denen Fakten und Sachlichkeit - um es vorsichtig auszudrücken - vielleicht nicht das Allerwichtigste sind.

medium magazin: Wie gehen Sie da selbst vor?

Nguyen-Kim: Das beginnt schon mit einer ganz einfachen Frage, die viel zu selten gestellt wird: "Woher wissen Sie das?" Bei MaiLab stellen wirExperten seit jeher immer wieder diese Kernfrage zur Methodik: "Können Sie unserklären, wie Sie zu dieser Ansicht kommen, damit wir das alle verstehen können?" Wir wollen nicht nur Zusammenhänge erklären, sondern auch, warum beispielsweise die eine Messung genauer ist als die andere. Ohne solche Informationen ist wissenschaftliche Forschung nicht richtig einzuordnen.

Was sind gute Methoden, um die Fakten richtig zu platzieren? Welche Rolle spielt dabei Emotionalität? Wie wird bei MaiLab recherchiert? Was verstehen Sie unter Haltung? Was halten Sie von konstruktivem, lösungsorientierten Journalismus? Ihnen stand eine vielsprechende Karriere als Chemikerin bevor - was hat Sie dann zu YouTube gebracht? Was würden Sie dazu jungen Leuten heute empfehlen?

...

Sie möchten das komplette Interview von Annette Milz mit der Journalistin des Jahres 2020 Mai Thi Nguyen-Kim lesen. Dann kaufen Sie bitte das neue medium magazin im Oberauer-Shop.

Das medium magazin erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Annette Milz gibt die Chefredaktion des medium magazin zum Jahresende ab - Alexander Graf übernimmt.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.