Nach dem Krisenjahr: Was Medienprofis 2020 über sich selbst gelernt haben

 

Effektiver im Homeoffice. Keine Sehnsucht nach Chef und Kollegen. Zu wenig Unterstützung vom Partner. 2020 war das Jahr vieler Einsichten und auch eine Prüfung, wie krisenfest das eigene Leben ist. Mediencoach Attila Albert über fünf Fragen, die bei den Vorhaben für 2021 helfen.

Für viele Medienprofis stellen die kommende Feiertage eine dringend nötige Atempause dar. 2020 war für sie das anstrengendste Jahr ihres Lebens. Andere blicken, selbst erstaunt, auf entspannte Monate zurück. "Es mag merkwürdig klingen", schrieb mir eine Klientin. "Aber für mich war dieses Jahr voller Selbsterkenntnis und Erleichterung." Das Krisenjahr hat jedem vor Augen geführt, woran er wirklich ist: Wie tragfähig das eigene Lebensmodell tatsächlich ist, wo die persönlichen Stärken und Schwächen liegen, aber auch welche Chancen.

Es ist verständlich, solch einen Stresstest möglichst schnell wieder vergessen zu wollen. Vor allem, wenn das Ergebnis unangenehm ausfiel. Doch in meiner letzten Kolumne in diesem Jahr möchte ich Sie anregen, mit ein wenig Abstand über das nachzudenken, was Sie 2020 über sich und Ihre Lebenssituation gelernt haben. Persönlich gehe ich davon aus, dass auch das nächste Jahr weitgehend diesem ähneln wird. Es kann also nicht schaden, einige gute Vorsätze aus den konkreten Erfahrungen abzuleiten, um nicht unnötig Zeit zu verlieren.

Haben Sie Ihre Chefs und Kollegen vermisst?

Die unterschiedlichsten Einsichten haben sich für Medienprofis nach den ersten Monaten im Homeoffice ergeben. Einige fühlten sich in ihrer Wohnung bald einsam oder fast depressiv, manchmal auch genervt vom Partner und den Kindern. Für andere war es die beste Zeit ihrer Karriere: "Ich habe gemerkt, dass ich so viel effektiver arbeiten", "Endlich nicht mehr diese ewigen Meetings", "Ich bin so froh, dass ich meine Kollegen nur noch ganz selten sehe". Wollen Sie zurück in die Redaktion, wenn einmal alles wieder normal ist?

Verdienen Sie genug für etwas Sicherheit?

In vielen Redaktionen musste in diesem Jahr Kurzarbeit eingeführt werden, nicht immer mit vollem Lohnausgleich. Manchen Medienprofis war die zusätzliche Freizeit sehr willkommen, um sich eigenen Projekten zu widmen, und der Gehaltsverlust war verkraftbar. Für andere waren schon zehn Prozent weniger schmerzhaft. Manchem Freien brachen praktisch alle Auftraggeber weg. Überlegen Sie hier: Verdienen Sie genug, um sich etwas Sicherheit und Flexibilität schaffen zu können - oder wird es Zeit, nachzuverhandeln oder zu wechseln?

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Haben Sie eine Beziehung, die Sie trägt?

In der Krise stellten sich einige Beziehungen als doch nicht so partnerschaftlich heraus, wie die Beteiligten geglaubt hatten. Häufig ging es um fehlende Rücksichtnahme im Homeoffice und bei der Aufgabenteilung (z. B. Kinderbetreuung). Vieles war so organisiert, dass es nur bei ständigem "Outsourcing" funktionieren konnte. Hier lohnt der Rückblick: Genießen Sie auch viel Zeit zusammen, können Sie miteinander reden und Probleme lösen - oder muss sich da 2021 einiges ändern? Für Singles: Waren Freunde da - und genügt das?

Können Sie mit hohen Belastungen umgehen?

Gerade auf Twitter und Facebook fiel auf, wie verhärtet, angespannt oder fixiert auf die immer gleichen Themen mancher in der Krise geworden war. Kein Kommentar mehr ohne hämische Anfeindungen, persönliche Angriffe oder unsachliche Belehrungen. Andere hätten sich am liebsten verkrochen, kamen teilweise kaum noch aus dem Bett und waren ständig müde und erschöpft. Was haben Sie 2020 über Ihre innere Stärke in Zeiten von Belastungen und Unsicherheiten gelernt - genügen Ihre bisherigen Ansätze und Methoden?

Ist Ihr Alltag gut genug auch ohne Urlaub?

Selbstverständlich fiel es uns allen schwer, auf Urlaubsreisen, Ausflüge und Besuche bei Verwandten und Freunden zu verzichten. Doch für manche war es mehr: Sie sahen sich auf einmal mit der Einsicht konfrontiert, dass sie ihr Alltagsleben ohne regelmäßige Fluchten kaum aushalten. Häufige Gründe: Eine schwierige Beziehung, eine ungünstige Wohnung, ein ungeliebter Ort - und kein Ausweichen durch Reisen oder auch Pendeln mehr möglich. Hier bietet sich die Überlegung an: Ist es Zeit für einen Wechsel, etwa einen Umzug?

Jede Krise bringt eine Klarheit, die der Alltag niemals schafft: Plötzlich ist unbestreitbar, das sich etwas ändern und das ewige Verschieben ein Ende haben muss. 2020 war für viele Medienprofis voll solcher Momente. Was wollen Sie daraus folgern: Weniger auf Social Media unterwegs sein, in Teilzeit wechseln, Ihre Beziehung anders angehen (oder endlich eine finden)? Erlauben Sie sich über die Feiertage, ein wenig abzuschalten - vor allem aber, mit neuem Mut daran zu glauben, dass 2021 wirklich besser werden kann. Ich wünsche Ihnen erholsame Weihnachtsfeiertage und ein gutes neues Jahr.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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