Politik-Talkshows: Totalausfall bei ARD und ZDF

23.12.2020
 
 

In diesem Jahr waren die Politik-Talks von ARD und ZDF Leuchttürme im Chaos, das das Virus anrichtet. Umso bitterer, dass sich Will, Plasberg, Maischberger, Lanz oder Illner gerade jetzt in den Winterschlaf verabschieden - in der bisher dramatischsten Phase der Pandemie. Warum eigentlich? Ein Debatten-Beitrag von Friedrich Roeingh, Chefredakteur Allgemeine Zeitung / VRM.

Über die Polit-Talkshows von ARD und ZDF ist schon viel gestritten worden. Ersetzen Sie den parlamentarischen Diskurs? Jazzen sie die immergleichen populistischen Themen hoch? Schwingen sich die immergleichen Gäste zu Welterklärern auf? In der Corona-Pandemie haben sich die abendlichen Debattenformate allerdings als Leuchttürme durch das Chaos erwiesen, das das Virus anrichtet. Wie gefährlich ist das Virus? Wie steht es um die Verhältnismäßigkeit von Gesundheitsschutz und Freiheitsrechten? Ist die Impfung unsere Rettung? In all diesen Fragen geben die Polit-Talkshows genauso wie die seriösen Zeitungen wertvolle Orientierung zur eigenen Meinungsbildung: Maybrit Illner besser als Anne Will, Frank Plasberg besser als Sandra Maischberger. Und Markus Lanz hat sein ehemaliges Menschen-Tiere-Sensationen-Format zu einem der wichtigsten Debattenplätze in Zeiten der Pandemie aufgemöbelt. Mit den politischen Talkshow-Formaten rechtfertigt der aktuell so scharf angegriffene öffentlich-rechtliche Rundfunk seine verfassungsrechtlich garantierten Privilegien.

Umso bitterer ist sein Totalausfall in der aktuellen Phase der Pandemie - der wohl dramatischsten bisher: Ist das Auf- und Abflackern der unterschiedlichen Brandherde in Europa nur durch einen EU-weiten Lockdown in den Griff zu bekommen? Welche Gefahr stellt die außergewöhnliche britische Virusmutation dar? Wiederholen wir mit den Grenzschließungen die Fehler vom Beginn der Pandemie oder sind sie unausweichlich? Ist die Fortführung des Lockdowns über den 10. Januar hinaus nicht längst beschlossen? Wann endet das Sterben in den Pflegeheimen? Fragen über Fragen, die die Bürger dringend nachverfolgen können sollten.

Und obwohl auch das politische wie wirtschaftliche Drama des wahrscheinlich ungeregelten Brexits so absehbar wie nichts anderes war, sind Illner und Will, Plasberg und Maischberger und auch der sonst unermüdliche Lanz in den Winterschlaf verfallen. "Kommen Sie gut und gesund durch die Zeit", heißt es auf der Homepage von Maybrit Illner: Stille Nacht bei ARD und ZDF. Komme was wolle, die hochbezahlten Talkshowkönige gehen erst wieder Mitte Januar auf Sendung. Und - wetten dass - mindestens eines der Formate wird spätestens im Februar fragen: "Hat die Regierung die Winterpause verschlafen?"

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Natürlich müssen auch Moderatoren Auszeiten und Urlaube planen können. Aber auch sie sind ersetzbar, wie jüngst Matthias Fornoff als ZDF-Einspringer bei Maybrit Illner bewiesen hat. Wer sich fragt, warum die riesigen redaktionellen Apparate der Öffentlich-Rechtlichen zwischen den Jahren keine der Lage angepasste öffentlich-rechtliche Grundversorgung gewährleisten können (die Debattenressorts von FAZ, Süddeutscher und Spiegel Online sind ja auch nicht geschlossen), wird darauf gestoßen, dass alle Talkformate an private Produktionsfirmen ausgelagert sind - die zum Teil von den Moderatoren selbst betrieben werden. Was ad-hoc-Entscheidungen der Sender - sofern an diese überhaupt gedacht ist - deutlich erschweren dürfte.

Aus der Nachfrage unserer Zeitungen winden sich ARD und ZDF unterschiedlich heraus. Während die ARD behauptet, die Redaktionen der Talkshowformate seien "jederzeit in der Lage, flexibel auf die aktuelle Lage zu reagieren" - Na dann mal los, möchte man sagen  -, fällt die Antwort des ZDF ehrlicher aus: Für aktuelle Lagen außerordentlicher Relevanz gebe es "ZDF-spezial". Ansonsten sei die Illner-Pause auch darauf zurückzuführen, "dass dem ZDF-Publikum von Weihnachten bis über Neujahr hinaus ein auf die Feiertage ausgerichtetes Programmangebot gemacht wird". Krise und staatsbürgerliche Beteiligung also machen Pause zugunsten vom Kleinen Lord. Wenn das das Selbstverständnis von öffentlich-rechtlicher Grundversorgung ist, müssen sich ARD und ZDF für die wieder entflammte Debatte um Auftrag und Finanzierung des Acht-Milliarden-Euro-Blocks warm anziehen. Wenn das - nach der Winterpause - mal ein Thema für eine der Talkshows werden sollte, biete ich mich gerne als Gast an. Einen Agent Provocateur braucht schließlich jede Talkshow.

Eine glossierende Analyse zum Ausfall der öffentlich-rechtlichen Talkshowformate von Friedrich Roeingh, Chefredakteur Allgemeine Zeitung / VRM. Diese ist an diesem Mittwoch auch in den Zeitungstiteln der VRM erscheint (Allgemeine Zeitung; Wiesbadener Kurier; Darmstädter Echo; Wetzlarer Neue Zeitung und Gießener Anzeiger).

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