Kalkas Jahresverrücktblick - und die Lehren für 2021

06.01.2021
 
 

Von kommunikativen Blüten aus Marketing und Medien - und was wir für 2021 daraus lernen können. Von Jochen Kalka.

Beginnen wir mit dem Ende. Mit Wuhan. Dem kommunikativen Finale eines verrückten Jahres: Wer seit dem Jahreswechsel die Werbung von WMF wahrgenommen hat, landet in der Wuhan-Pfanne. Genauer gesagt im "Winter-Sale" bei der Silit Wuhan Wok-Pfanne. Ja, es klingt wie ein Witzle aus dem schwäbischen Geislingen an der Steige, wo die Württembergische Metallwarenfabrik beheimatet ist. Eine Wuhan Wok-Pfanne im Sale, was sind das für kommunikative Spaßvögel, die sich das fast exakt zum Wuhan-Jahrestag ausgedacht haben? Immerhin hat die Wuhan-Pfanne einen Durchmesser von 28 Zentimetern. Zum Vergleich: Die Flügel der gemeinen Fledermaus haben eine Spannweite von 26 Zentimetern. Deckel drauf, passt!

Am Anfang war die Nichtkommunikation

Wer bei "Wuhan" nicht gerade an eine WMF-Pfanne denkt, könnte andere Erinnerungen damit verbinden, etwa die große Nichtkommunikation zu Beginn der Pandemie in der chinesischen Stadt, in der elf Millionen Menschen leben. Wenn jemand viral kommunizierte, etwa wie eine chinesische Bloggerin, die laut FAZ in Wuhan kritisch berichtete, dann konnte das in einer Verurteilung zu einer vierjährigen Haft enden. Das sind Menschen mit Mut, die ihr Leben riskieren, um offen zu kommunizieren.

So auch der Geschäftsmann Fang Bin, der anfangs aus Wuhan Videos von überfüllten Krankenhäusern veröffentlichte und seit Februar spurlos verschwunden ist, wie das Handelsblatt schreibt. Ganz zu schweigen vom "Corona-Whistleblower" (Tagesspiegel) Li Wenliang, dem Arzt, der ganz am Anfang auf das Virus aufmerksam machte, bevor er zum Schweigen gezwungen worden war. Und dann an dem Virus starb.

Corona führt so vieles vor Augen, etwa, wie mutig Menschen in Staaten wie China Kommunikation wagen, aber auch, wie dumm Menschen in Staaten wie Deutschland Kommunikation missbrauchen.

Querdenker-Raub

Wenn sich das jemand vor dem Jahr 2020 ausgemalt hätte: Da gibt es Menschen, die skrupellos den wunderschönen Begriff "Querdenker" geraubt haben. Das ist das erste Delikt, das strafrechtlich verfolgt gehört, der Raub eines positiv belegten Wortes. Einfach gestohlen aus privaten Wortschatzkammern, auch aus meiner eigenen.

Schlimmer noch ist aber, dass die meisten unserer Medien stur von den "Querdenkern" berichten, statt "von den sich fälschlicherweise so nennenden - oder so genannten Querdenkern". Denn diese Menschen sind keine Querdenker! Wer per se nicht denkt, kann kein Denker sein und schon gar kein Querdenker. 

Wenn überhaupt quer, dann Querulant, aber deutlich näher sind sie mit ihren Einstellungen und Demonstrationen an einer verachtungswürdigen braunen Brühe, die aktiv mit ihrem fahrlässigen Tun dafür sorgt, dass Läden und Restaurants länger geschlossen bleiben müssen und das Zurück zur Normalität mit all den fatalen wirtschaftlichen Folgen massiv in die Länge gezogen wird. 

"Wir nehmen Schenkungen an"

Aus Sicht des schwäbischen obersten Quernichtdenkers, dem Michele B, läuft es perfekt. Denn seine Querdenkmaschine ist wohl eine Gelddruckmaschine der perfidesten Art, wie glücklicherweise einige Medien wie netzpolitik.org und das ZDF Magazin Royale thematisierten. Demnach behauptet das Querdenk-Plazebo dreist in einer Pressemitteilung, es lebe lieber in einer freien Welt ohne Geld als in einer unfreien Welt mit viel Geld. Die Wahrheit liegt aber laut netzpolitik und ZDF darin, möglichst viel Geld zu scheffeln, über Fanartikel und Spenden, die keine Spenden sind, da "Querdenken-711" keine festgelegte Rechtsform habe. Zitat aus einer Pressemitteilung von jener schwäbischen mutmaßlichen Geldgier-Initiative: "Anders als Parteien unterliegt der ´Querdenken´-Gründer als Privatperson keiner Transparenzpflicht." Meister B "sammle keine Spenden", sagte er wohl ernsthaft dem ARD-Magazin Kontraste, "Wir nehmen Schenkungen an".

Das erklären Sie mal Ihrem Finanzamt: Nein, mein Arbeitgeber zahlt kein Gehalt, er ist so lieb, dass er mir monatlich steuerfreie Schenkungen überweist!

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Ja, die Kraft der Kommunikation zeigte sich im Corona-Jahr facettenreicher denn je. Dumm genug, wer sich solchen Wortführern und ihren Bewegungen anschließt. Wäre diese Ansammlung von Dummheit irgendwo hinter dem Mond aufgekommen, könnte sie uns allen egal sein, aber solange sie dazu beiträgt, die Corona-Zahlen hoch zu halten und Massen von fahrlässigen Tötungen zu provozieren, müssen wir dagegen kämpfen. Aber Dummheit ist wie eine wabbelige, ausfließende Hirnmasse, oder sagen wir, wie ein sich schnell ausbreitendes Virus, das kaum aufzuhalten scheint und, wie wir 2020 schmerzlich erfahren haben, weltweit in diversesten Mutationen zu finden ist. Was in diesem Fall dramatisch ist, ja, menschenverachtend, da Ergebnis reiner Egozentrik. Denn jeder dieser Egomanen kommuniziert gleich Amokgeschossen durch die Gesellschaft, bei der es jede Menge unschuldige Opfer geben kann.

Dennoch erstaunt es, dass ein derartiges Kommunikationskonzept funktionieren kann, mit stilistischen Blüten, wie uns Jana aus Kassel eindrucksvoll gelehrt hat, die sich mit ihrem Querschnittsgehirn mit Sophie Scholl verglichen hatte. Wie verquert ist das denn? Was einmal mehr zeigt, Bildung würde helfen.

Bildung fernhalten

Aber während eine Lufthansa im ersten Schritt 9 Milliarden vom Staat erhielt, TUI eine Milliardenhilfe nach der anderen einsacken durfte, könnten sämtliche Schulen durch eine relativ kleine Investition von deutlich unter einer einzigen Milliarde Euro mit Filteranlagen ausgestattet werden, die das Virus von der Bildung fernhalten würden. Lieber aber halten wir die Bildung von den Kindern fern. Schade, dass hier Medien nicht mehr Druck wagen. Studien darüber, wie etwa von der Universität der Bundeswehr München, sind weitgehend ungefiltert verpufft.

Ach ja, umgerechnet wären es keine 100 Euro, die uns jeder Schüler wert sein müsste, um eine beinahe hundertprozentige Abdeckung von Luftfiltern in Schulen zu erreichen. Wer Luftreiniger googelt, findet sogar auf Amazon professionelle Lösungen für umgerechnet unter 10 Euro pro Kind. Aber lieber vertrauen wir Firmen, die Zukunft und sich versprechen, wie Wirecard, die immer transparent kommunizieren. Wollten. Wo ein Wille Wille bleibt, riecht es nach Lüge. Wirecards Kommunikation war so glaubwürdig, dass die Firma an der Börse weit mehr als 14 Milliarden Euro wert war, bevor eine Aktie von 200 Euro auf unter 50 Cent zerbröselte. Auch hier regierte die Gier. Was einmal mehr zeigt, Bildung würde helfen.

Hätten die Wirecard-Investoren also lieber auf Hersteller von Luftfiltern setzen sollen? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Jedenfalls hielten sich jene Filter-Firmen kommunikativ so zurück, dass deren Aktien ebenso einbrachen wie die meisten anderen auch. Geringste Pressearbeit hätte hier zu ähnlichen Höhenflügen führen können wie bei den Impfstoffherstellern, die extrem gute PR betrieben haben. Womöglich ist es kein Zufall, dass eines der Luftreinigungsunternehmen ausgerechnet aus Heinsberg, dem deutschen Ischgl, stammt. 

Sätze des Jahres

Sätze, von denen man nie geahnt hätte, dass man sie mal schreibt - oder liest. Heinsberg, das deutsche Ischgl etwa. Oder: Aldi leiht sich Mitarbeiter bei McDonald´s aus. Beruhigend war, dass die Terrormiliz Islamischer Staat im März vor Reisen in Risikogebiete gewarnt hat. Und, auch schwierig, unseren Enkeln eines Tages zu erklären: Hierzulande gab es im Jahr 2020 "Null Toleranz gegen Picknicker", wie die Welt schreibt.

Unser alter Bekannter, der Ex-Gruner+Jahr-Chef Bernd Buchholz, durfte als FDP-Mann und Tourismusminister allen Touristen die Einreise verweigern, was zur Schlagzeile "Urlaub an Nord- und Ostsee verboten" führte. Die Gesundheitsbehörde der Stadt New York hat laut Welt "zu Masturbation geraten", da mit dieser Maßnahme Covid-19 nicht verbreitet würde. Unbedingt sei demnach Gruppensex zu vermeiden. Eine freundliche Empfehlung Ihrer New Yorker Behörde.

Besonders schön auch die Schlagzeile "Bildungsministerin will Abiturprüfung verbieten", als Schleswig-Holsteins Schulministerin Karin Prien angeregt hatte, jene Prüfungen aus Sicherheitsgründen auszusetzen. 

Und in Berlin ist behördlich das Ablecken von Türklinken verboten worden. Es solle "jedoch nach Möglichkeit auf das absolut erforderliche Maß reduziert werden", heißt es laut B.Z. in einem Informationsschreiben des Bezirksamts Neukölln. Wieso, frage ich mich als Halbneuberliner, sollte ich das Ablecken von Türklinken auf das absolut erforderliche Maß reduzieren? Was ist hier denn das absolut erforderliche Maß?

Aber auch scheinbar völlig normale Headlines werden wir nie mehr vergessen, etwa aus Spanien Ende April: "Kinder dürfen eine Stunde raus" (ZDF) oder "Angst um Jena: Wir stehen vor Bergamo" (Jenaer Nachrichten). Und selbst der Duden soll mit rund 1500 neuen Begriffen gefüllt worden sein, darunter mit Worten wie: Lockdown, Risikogebiet, AHA-Regel, systemrelevant, Kontaktbeschränkung, Geisterspiele, Beherbergungsverbot,... Jedes dieser Worte erscheint uns heute als völlig normal. Normal aber ist das nicht!

Ja, bei allem Leid muss man zugeben, sprachlich war es ein herausragendes Jahr. Bei so viel Wortakrobatik ist das Wort des Jahres 2020 so was von unkreativ und langweilig: Corona-Pandemie, gefolgt von Lockdown und Verschwörungserzählung.

Aus Marketingsicht hätten 2020 ausschließlich negative Begriffe an der Jurytür zur Gesellschaft für deutsche Sprache Schlange gestanden. Etwa "Budget-Pandämlichkeit", "Retainer-Reduzierer" oder "Kundenverweigerer". Dass so viele Markenartikler mit der Corona-Krise plötzlich ihre Werbebudgets panikartig heruntergefahren haben, muss kein Konsument verstehen, außer freilich, es handelte sich zum Beispiel um Touristikkonzerne. Media- und Marketingentscheider dürften manche unreflektiert-bornierten Spontansparentscheidungen inzwischen bereut haben, da gerade in unsicheren Zeiten alles, was Marke ausmacht, Heimat und Vertrauen bedeutet und dem Menschen am Ende das Gefühl von Sicherheit gibt. Nur wenige Marken haben das erkannt und für sich genutzt. Aber das haben wir ja damals schon auf kress.de geschrieben.

Kommunikative Höhepunkte lieferten 2020 natürlich Trump, der weltweit einzige Mensch, der nie lügt oder die Kirche, die sich mit Trump ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Verleumdung von Straftaten lieferte.

Was aber lehrt uns das Jahr 2020 für das noch so frische neue Jahr?

Zunächst einmal, dass völlig neue Situationen völlig neue Wortschöpfungen erfordern. Sprachlich gesehen war 2020 wie die Entdeckung einer neuen Galaxie mit endlosen Sternen. Wir haben aber auch viel gelernt, etwa dass wir unseren Mitarbeiter:innen viel mehr vertrauen dürfen als gedacht, denn auch via Home Office läuft der Laden. Reisen ist doch nicht so nötig wie bisher angenommen, Pitches und Besprechungen funktionieren international via Zoom und Teams. Die Digitalisierung machte in vielerlei Hinsicht riesige Sprünge, doch der regionale Einzelhandel wird weitere zehn Lockdowns verschlafen, um digital zu reagieren.

Wir haben aber auch gelernt, wie wichtig Bildung wäre, damit sich weniger Verquerte mit Widerstandskämpferinnen vergleichen. Damit weniger Egomane nur ihren eigenen Vorteil erkämpfen oder verteidigen wollen. Damit Altruismus und Empathie zu mehr Menschlichkeit und nachhaltiger Verantwortung führen.

Zum Schluss noch ein aktuelles Zitat der Heute-Show: Der Lockdown soll bis zum 31. Januar verlängert werden. Die Jahreszahl wird noch bekanntgegeben.

 

Ein Gastbeitrag von Jochen Kalka, Mitglied der Geschäftsleitung bei schoesslers und langjähriger w&v-Chefredakteur.

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