Erzbistum Köln: Journalisten brechen Gespräch ab - Debatte um Hintergrundgespräche

06.01.2021
 

Ein beim Erzbistum Köln geplantes Gespräch mit Journalisten zum Thema Missbrauch ist abgebrochen worden. Die Reporter sollten eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Dazu waren sie nicht bereit. Der WDR berichtet.

"In dem Gespräch sollten die Reporter eigentlich die Möglichkeit erhalten, ein teilweise geschwärztes Exemplar eines Rechtsgutachtens zu lesen, das sich mit Fällen sexuellen Missbrauchs durch Priester in den zurückliegenden Jahrzehnten befasst", heißt es beim WDR. Der Kölner Erzbischof soll sich demnach letztes Jahr entschieden haben, dieses nicht zu veröffentlichen, weil es methodische Fehler habe.

Die Journalisten sollten sich laut WDR an diesem Dienstag rechtlich verpflichten, weder Tathergänge aus dem Gutachten zu veröffentlichen noch darin benannte Verantwortungsträger zu nennen. Das hätten alle anwesenden Journalisten abgelehnt.

Das Kölner Erzbistum sei der Meinung, dass es aus rechtlichen Gründen nicht anders ginge, so der WDR weiter. Bis zur kommenden Woche wollen die Verantwortlichen jetzt prüfen, ob sie unter anderen Bedingungen den Journalisten doch noch einen Einblick in das Gutachten über Sexualstraftäter im Kölner Erzbistum und deren Mitwisser ermöglichen.

Auf Twitter facht die Meldung eine Debatte an:

Medienjournalist Daniel Bouhs schreibt: "Grundsätzlich ist es sehr zu begrüßen, wenn Journalist*innen Einschränkungen und Kontrollen verweigern. Das alles läuft über Vertrauen an journalistische Standards - oder besser gar nicht."

Chefredakteur Georg Löwisch dankt den "besonnen Kolleginnen und Kollegen". Er empfindet es "als Auszeichnung, dass @RaoulLoebbert & ich gar nicht erst eingeladen waren am Hofe #Woelki".

Beim DJV NRW ist man aufgebracht: "Es war unglaublich, was sich heute beim Pressetermin im @Erzbistum_Koeln abgespielt hat, aber die Reaktion unserer Kollegen bildete genau die richtige Antwort."

Die jungen Journalistinnen und Journalisten im DJV twittern: "Pressegespräche sind keine Geheimtreffen. Die Kölner Journalistinnen und Journalisten haben richtig gehandelt!"

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Für Carsten Brennecke, Rechtsanwalt für Presserecht, Marken- und Medienrecht, ist der Vorfall viel Rauch um nichts: "Dass Journalisten nur dann Einblick in Hintergrundinformationen bekommen, wenn das Ganze als Hintergrundgespräch ohne bzw mit eingeschränkter Verwertbarkeit vereinbart wird, ist gang und gäbe und jedem erfahrenen Investigativjournalisten bekannt." Und Brennecke weiter: "Investigativjournalisten akzeptieren das quer durch alle führenden Blätter regelmäßig. Wenn ein Journalist also eine Aufregung über eine Vereinbarung der Verwiegenheit im Hintergrundgespräch öffentlich inszeniert, dann kennt er wohl den Investigativjournalismus nicht." Für Brennecke schwächen Hintergrundgespräche mit Vereinbarung beschränkter Verwertbarkeit die Pressefreiheit nicht, sondern stärken sie: "Journalisten kommen so an veröffentlichungsfähige Informationen, an die sie sonst nie gekommen wären und die die Öffentlichkeit sonst nie erfahren hätte."

Licht in die Sache will auch Joachim Frank (DuMont) bringen, der bei dem Gespräch dabei war und auf seiner Facebook-Seite ausführlich berichtet. U.a. schreibt Frank: "Mir leuchtet nicht ein, warum die presserechtlichen und standesethischen Standards nicht ausreichen sollten. Die 'Vertraulichkeit' so weit auszudehnen, dass am Ende nur mehr die angeblichen, vom Erzbistum hinlänglich geltend gemachten 'methodischen Mängel' des WSW-Gutachtens Gegenstand der Berichterstattung sein könnten, halte ich jedenfalls für nicht akzeptabel. Ich habe zudem deutlich gemacht, dass ich eine Auswahl einzelner Journalisten zu solch einem Termin für fragwürdig halte, nicht zuletzt übrigens für die Ausge-/-erwählten selbst. Alle, die es wollen, sollten Gelegenheit bekommen. Und zwar möglichst gleichzeitig." 

Für WDR-Investigativreporter Massimo Bognanni sind vertrauliche Hintergrundgespräche enorm wichtig: "Sie dienen dazu, Informationen zu sammeln, an die man sonst nie käme. Neue Ansätze zu erkennen und durch weitere Recherchen zu bestätigen. Eine Verschwiegenheitserklärung würde ich jedoch nie unterzeichnen. Schließlich würde die Verschwiegenheitserklärung ja gerade nicht ermöglichen, gewonnene Infos weiter zu vertiefen und zu veröffentlichen. Die Verschwiegenheitserklärung würde bestimmte Themen von der Veröffentlichung ausschließen. Ich hätte sie auch nicht unterschrieben."

Volker Votsmeier, Investigativredakteur beim Handelsblatt, findet die Reaktion der Kollegen bei diesem Thema und in diesem Rahmen "absolut richtig und nachvollziehbar. Die Konditionen waren inakzeptabel". Annette Dowideit von der Welt sieht das genauso: "Es ging hier schließlich nicht um ein gewöhnliches Hintergrundgespräch, sondern einen Termin aus aktuellem Anlass, und zu dem Thema besteht ein außergewöhnliches, akutes öffentliches Interesse", so Dowideit.

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