Thomas Knüwer rät Medienprofis: Sei ein Büffel!

14.01.2021
 
 

"Das Jahr wird in die Geschichte eingehen als eines der wichtigsten in Sachen Medienwandel", sagt Thomas Knüwer, Founding-Partner der Digitalberatung kpunktnull. Für das kress pro-Dossier "Trendreport 2021" hat Knüwer sieben Entwicklungen aufgezählt, die für Medienhäuser relevant sind. Darunter das "vielleicht spannendste Geschäftsmodell dieser Tage".

Das chinesische Schriftzeichen für Krise besteht aus zwei Bestandteilen. Der eine lässt sich ins Deutsche übersetzen mit "Gefahr", der andere mit "Wendepunkt". Und so mangelt es in diesem Krisenjahr nicht an Propheten, die sowohl Gefahren wie Wendepunkte vorhersagen wollen. Beispiel: Zukunftsforscher Matthias Horx bloggte im März, dass wir uns schon ein halbes Jahr später im Café sitzend daran erfreuen, dass ein Covid-Medikament entwickelt wurde.

Sagen wir: Es gab schon treffendere Vorhersagen. Doch ist die Nachfrage nach solchen Prognosen immens, wie immer in Krisenzeiten. In diesem kress pro-Dossier möchten wir Ihnen Indikatoren dafür liefern, wie es 2021 in der Medienwelt weitergehen könnte. Denn all die Meldungen über Inzidenz-Werte, PCR-Tests und Homeofficeisierung haben die Aufmerksamkeit weggezogen von einer anderen Entwicklung: Das kommende Jahr wird in die Geschichte eingehen als eines der wichtigsten in Sachen Medienwandel.

Zwar konstatierte eine Studie von Deloitte Deutschland im späten Frühjahr, dass 44 Prozent der Befragten mehr lineares Fernsehen und 30 Prozent mehr Radio konsumierten. Doch gleichzeitig beschleunigt sich die Hinwendung zu digitalen Nachrichten: 31 Prozent der Auskunftgeber investierten mehr Geld in Online-Abos. Dies deckt sich mit der Entwicklung in den USA: Dort sammelte der schon tot geglaubte "Atlantic" innerhalb eines Jahres über 325.000 Digitalabos ein, mit seinen spektakulären Titel-Grafiken über Donald Trump verschaffte sich "Time" neue Relevanz und übertraf seine Ziele. Und die "New York Times" nimmt erstmals digital mehr ein als mit der Kohlenstoffausgabe. Das zeigt schon: Weder reicht ein Tunnelblick auf Deutschland noch einer auf die Nachrichtenbranche, um die Zukunft zu antizipieren. Denn auch in anderen Bereichen des digitalen Raums tut sich für Medienhäuser Relevantes:

1. Zoom

Sehr viele Menschen verstehen seit dem Frühjahr unter "Zoomen" keine Kameraeinstellung mehr, sondern Videotelefonie. Zoom steht so sehr für seine Produktkategorie wie das Tempo-Taschentuch oder der Walkman. Simpler Grund des Erfolgs: Zoom funktioniert störungsfrei. Diesen Schwung will das Unternehmen, dessen Börsenkurs sich in diesem Jahr bislang verachtfachte, weiter nutzen: Aus Zoom wird 2021 eine Plattform, die den Markt für Live-Events erobern will.

2. Livestreaming

Aus der Not geboren verlagerten viele Konferenzveranstalter ihre Events ins Netz. Nach anfänglichem Schwung aber nerven viele dieser Web-Kongresse. Es ist wenig inspirierend und noch dazu physisch anstrengend, Rednern mit schlechten Mikros, schlechten Kameras und schlechtem Licht zu folgen. So kann und wird das nicht weitergehen. Die Digitalkonferenz Republica setzt erste Zeichen, wie professionelle und gleichzeitig interaktive Digitalkonferenzen aussehen könnten, weitere werden folgen.

3. Social Commerce

Livestreaming verschiebt auch Geschäftsmodelle. So erlebten Weinhändler, dass ihre Kunden sich für digitale Tastings begeistern, für die sie Weinpakete ordern müssen. Und das Hamburger Modehaus Unger brachte seine Kundschaft zusammen bei live gestreamten Produktvorstellungen.

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4. Twitch

Als Amazon 2014 Twitch für 970 Millionen Dollar übernahm, hielten viele dies für verrückt. Was will ein Händler mit einer Plattform, auf der Onlinegamer sich beim Spielen streamen? Inzwischen ist Twitch ein Social Network mit Bewegtbild-Schwerpunkt geworden. Kürzlich übertrug sich der US-Politstar Alexandria Ocasio-Cortez im Wahlkampf live - in der Spitze schauten 435.000 Zuschauer zu. 26,6 Millionen Nutzer verzeichnet Twitch täglich und Amazon baut den Dienst zum Ort für Werbung auf: Vor allem Food-Marken wie General Mill oder Chipotle nutzen Twitch, um eine junge Zielgruppe zu erreichen.

5. Instant Messaging

Während Whatsapp zur Nervenbahn von Kita-Eltern und Fußballvereinen geworden ist, versammeln Verschwörungsschwurbeler wie Xavier Naidoo ihre Anhänger in Telegram-Kanälen. Weitgehend ohne Beteiligung von Redaktionen haben sich beide Messenger zu Verteilstationen von Nachrichten entwickelt.

6. Peloton

Das vielleicht spannendste Geschäftsmodell dieser Tage fliegt noch immer unter dem Radar der Massenmedien. Peloton hat sich von einem Anbieter von Spinningrädern mit Kursen auf dem Bildschirm zu einem Fitnessstudio zu Hause entwickelt. Aktuelle Lieferzeit für die neue Generation der Peloton-Räder in Deutschland: vier Monate. Was das mit Medien zu tun hat? Die Peloton-Trainer sind Social-Media-Superstars mit aktiver Kommunikation zu ihren Fans. Fitness- und LifestyleMagazine bekommen hier eine neue Form der Konkurrenz.

7. Podcast

Keine Medienform wurde in Deutschland so gepusht wie Podcasts. Mit einer Million Hörer pro Ausgabe erreichte das NDR-"Coronavirus-Update" 2020 einen historischen Wert und zeigte, dass die These von der sinkenden Aufmerksamkeitsschwelle der Medienkonsumenten schlicht falsch ist. Davon zeugt auch der Erfolg des Zeit-Formats "Alles gesagt" - trotz einer Länge von bis über die 8-Stunden-Marke hinaus.

Es wird 2021 nicht aufhören mit dem Verändern und den Wendepunkten. 2021, das ist in China das Jahr des Büffels, der mit Fleiß und Methodik Herausforderungen überwindet. So wie Trendscout Rohit Bhargava, mit dem wir in dieser Ausgabe ausführlich sprechen (Seite 8). Seine Methode: Er sammelt Innovationen aus allen möglichen Bereichen und fügt sie zu Mustern zusammen. Dieses kress pro-Dossier soll Ihnen Futter liefern für Ihre eigene, methodische, büffelige Mustererkennung. Denn: Das Jahr des Büffels ist, so behauptet das chinesische Horoskop, auch immer ein Glückliches.

Autor: Thomas Knüwer, Founding-Partner der Digitalberatung kpunktnull

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kress pro erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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