Ex-BamS-Chef Walter Mayer über seinen Rauswurf und Träumen unterm Orangenbaum

 

Er war viele Jahre Chefredakteur von B.Z. (Berlin) und Bild am Sonntag. Sein Abgang bei Springer kam für ihn sehr überraschend. Im kress pro-Interview spricht Mayer ungewöhnlich offen über die Hintergründe, sein Scheitern als Unternehmer, wie er zu sich selbst fand und es jetzt als Journalist wieder wissen will.

kress pro: Was machen Sie im Moment?

Walter Mayer: Ich berate bereits seit 2016 meinen Freund Robert Schneider, den Chefredakteur von "Focus". Mitte Oktober 2020 habe ich nun - gemeinsam mit Gudrun Dometeit - die kommissarische Leitung des Politik- und Wirtschaftsressorts von "Focus" übernommen. Themen entwickeln, redigieren, kritisieren, motivieren, produzieren, ausstatten - ich genieße es sehr, nach einigen gemächlicheren Jahren wieder klassische, intensive Redakteursarbeit zu machen.

kress pro: ... aus der Sie 2013 ausgestiegen sind ...

Mayer: Hm, was heißt "ausgestiegen" ...

kress pro: Da waren Sie Chefredakteur der "Bild am Sonntag". Sie seien "auf eigenen Wunsch" gegangen, so die offizielle Verlautbarung. Dabei soll es eher ein Rauswurf gewesen sein. Was stimmt?

Mayer: Es stimmt beides. Man hat mir an einem unfassbar heißen Donnerstag im August sehr überraschend mitgeteilt, dass ich die Chefredaktion von "Bild am Sonntag" abgeben müsse, und gleichzeitig angeboten, im Verlag zu bleiben, um ein neues digitales Objekt zu entwickeln. Nach ein paar schlaflosen Nächten wurde mir aber klar, dass eine Lebensphase zu Ende gegangen war. Ein jegliches hat seine Zeit. Ich wusste zwar nicht, was mich draußen erwartet, aber ich hatte das Bedürfnis, es kennenzulernen. Also habe ich entschieden, Axel Springer nach 15 Jahren zu verlassen.

kress pro: Was haben Sie gemacht?

Mayer: Erst habe ich begonnen, ein altes Haus in der Medina von Marrakesch zu renovieren, Schutt weggeräumt, mich mit überlieferten Bautechniken beschäftigt und unter meinem Orangenbaum das Träumen wieder erlernt. Dann konnte ich endlich das Buch schreiben, das schon lange in meinem Kopf lag: über Brot, das universelle Lebensmittel, in dem unsere ganze Menschheitskultur eingebacken ist. Ach ja, und zwischendurch meinte ich, ein Start-up gründen zu müssen, und entwickelte mit "Bookaffairs" eine Onlineplattform für von Amazon gepeinigte, unabhängige Buchhandlungen.

Tipp: Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen.

kress pro: Hat nicht geklappt?

Mayer: Vielleicht habe ich zu früh aufgegeben. Vermutlich verfüge ich aber auch einfach nicht über die nötigen Unternehmer-Skills.

kress pro: Haben Sie viel Zeit und Geld versenkt?

Mayer: Zeit kann man ja gar nicht versenken, man lernt mit jedem Umweg besser laufen.

kress pro: Als gelernter Buchhändler und Spross einer Bäckersfamilie haben Sie mit beiden Projekten auch zwei Lebenslinien zusammengeführt.

Mayer: Ich fürchte, meine Lebensfäden ergeben ein ziemlich wirres Knäuel. Aber, es stimmt schon: je älter man wird, umso mehr wird man der, der man war.

kress pro: In einem Beitrag zum Tod Ihres Kollegen Marc Fischer, eines legendären Reporters mit unkonventionellen Arbeitsmethoden, haben Sie den Nachwuchs als "crossmediale Contentproduzenten" bezeichnet. Steckt da auch Kritik drin, weil die Kollegen von heute keine Typen mehr sind?

Mayer: Ich habe in diesem Text über Marc nicht den journalistischen Nachwuchs in Zweifel gezogen, sondern mich über den Change-Speak mancher Manager lustig gemacht. Im Journalismus geht es immer darum, gute Geschichten zu erzählen, egal in welchem Format und in welcher Vertriebsform, ob analog oder crossmedial. Das hat sich nicht verändert. Was sich verändert hat, sind die Arbeitsbedingungen. Weil mit Journalismus immer weniger Geld verdient wird, schrumpfen auch die Spielräume der Reporter und Redakteure, und mit den Möglichkeiten wird auch das Selbstbewusstsein kleiner. Was im Übrigen gelegentlich auch ganz heilsam sein kann.

kress pro: Leben Sie eigentlich noch in Marrakesch?

Mayer: Zur Zeit pendle ich zwischen Wien und Berlin. Aber ich hoffe, bald wieder unter dem Orangenbaum zu sitzen und vielleicht ein neues Buch zu schreiben.

Zur Person: Walter Mayer, geboren 1959 in Salzburg, war nach Stationen bei den Zeitschriften Tempo, Bunte und Prinz viele Jahre Chefredakteur von BZ (Berlin)und Bild am Sonntag. Er ist gelernter Buchhändler und stammt aus einer Bäckerfamilie. Der Autor lebt in Wien, Berlin und Marrakesch.

...

Das Interview mit Walter Mayer ist in kress pro 10/2020 erschienen. Darin sagt der Medienmanager des Jahres, Nicolas Fromm, wie er 1.000 Digitalabos pro Tage verkauft und Sie können checken, welche 101 Köpfe das Medien-Jahr 2020 prägten. kress pro in unserem Shop kaufen.

Ebenfalls in kress pro 10/2020: Axel Springer: Rote Zahlen im Printgeschäft erwartet. Wie Funkes Media Partisans mit ihren Food-Videos Millionen Nutzer erreichen und damit in den sozialen Medien Geld verdienen. Moritz von Laffert, lange Condé-Nast-Geschäftsführer und nun Partner bei Proventis, verrät im Interview, was jetzt im M&A-Geschäft wichtig ist und wie sich die Preise entwickeln. Wie sich das Traditionshaus Badische Neuesten Nachrichten radikal wandelt. "Das geht zu weit!" - Tops und Flops aus 5 Jahren kress pro. Das aktuelle kress pro gleich in unserem Shop bestellen.

Ein kress pro-Abo können Sie in unserem Shop ebenfalls abschließen. Es bietet Ihnen unlimitierten Zugriff auf mehr als 200 Best-Cases aus Vertrieb, Vermarktung, Personal, Redaktion und Strategie und mehr als 50 Strategie-Gespräche mit den Top-Leadern der Branche. 40 Dossiers sind zudem im Abo inklusive.

Sie sind bereits Abonnent? Dann loggen Sie sich bitte unter Mein kress ein und lesen das aktuelle E-Paper.

kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.