Debatte um Clubhouse-Plauderei: Warum der Journalist Johannes Boie den Politiker Bodo Ramelow auffliegen ließ

25.01.2021
 

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat in der scheinbar vertraulichen Atmosphäre der Social-Media-App Clubhouse aus dem Nähkästchen geplaudert. Kurz darauf werden seine saloppen Aussagen über die Bundeskanzlerin und Handy-Spiele bei Corona-Konferenzen öffentlich - auf Twitter und in einem Beitrag von Chefredakteur Johannes Boie in der WamS.

"Ich habe nachts @bodoramelow auf #Clubhouse gehört. In @WELTAMSONNTAG schreibe ich darüber", kündigte Johannes Boie, Chefredakteur der Welt am Sonntag, am Samstag auf Twitter an.

In dem WamS-Meinungsbeitrag von Boie heißt es dann:

"In der Nacht von Freitag auf Samstag erzählte Bodo Ramelow (Linke), der Ministerpräsident des Landes Thüringen, dass er in der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) ausgiebig auf seinem Handy Spiele zocke. Bis zu 'zehn Level Candy Crush schaffe ich', sagte er über die MPK. Das Gremium ist eines der wichtigsten des Staates in der Pandemie. Dort werden die Grundrechte der Bürger ausgesetzt, dort wird über die schlechte Impfstrategie gesprochen. Salopp sprach Ramelow über verstorbene Bürger. 'Zu viele Tote"'habe sein Land gerade, erklärte der Ministerpräsident, als dass er derzeit in Debatten Punkte machen könne. Ramelow nannte die Bundeskanzlerin 'das Merkelchen'."

Wenngleich die Worte in lockerer Atmosphäre fielen, sei offensichtlich gewesen, dass Ramelow sie ernst meinte, erklärt Johannes Boie. Ramelow habe erzählt, was ihm in den Kopf gekommen sei, "wohl wissend, dass ihm zeitweise mehr als 1000 Menschen zuhörten, darunter sehr viele Journalisten, dass mit Manuela Schwesig (SPD) eine weitere Ministerpräsidentin, und weitere bekannte Politiker anwesend waren".

Für WamS-Chefredakteur Boie ist es "journalistische Pflicht" über Ramelows politische Äußerungen,"sein von ihm selbst beschriebenes Verhalten in der Pandemie zu schreiben", zu schreiben. Öffentliches Interesse bestehe auch daran, dass der Spitzenpolitiker in der zum Teil von Teenagern organisierten Runde zweideutige Anspielungen von sich gab.

Auf Twitter bekräftigte Boie seinen Schritt: "Weil es an den Worten des Politikers öffentliches Interesse gibt und die Menschen das Recht haben, zu erfahren, was in der Politik-Medien-Blase geredet wird." Er habe kein schlechtes Gewissen und würde den Artikel exakt so wieder veröffentlichen. Clubhouse sei eine neue Art der Kommunikation.

Clubhouse ist eine Social-Media-App aus den USA, die in Deutschland derzeit einen Hype erlebt. Man kann sich damit an Talkrunden beteiligen, es gibt aber auch geschlossene Gesprächsrunden. Sehen kann man sich in der App nicht, es ist ein Audio-Format.

Laut dem Medienjournalisten Daniel Bouhs steht in den AGB von Clubhouse vor allem, dass bei Tonaufnahmen der Gespräche alle Teilnehmer schriftlich zustimmen müssten, damit diese verwendet werden können. Bei Zitaten aus den Runden sei die Regelung dagegen nicht so klar. Wahrscheinlich sei, dass vor deutschen Gerichten das öffentliche Interesse höher eingeschätzt werde als die Geschäftsbedingungen der App, diskutiert Bouhs auf seinem Twitter-Account.

"Das Mitschneiden und Transkribieren von Gesprächen aus dem sozialen Netzwerk ist laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der App verboten. Aber hat Ramelow wirklich gedacht, er könne mit Hunderten von Zuhörern ein Hintergrundgespräch wie mit einem kleinen Kreis von Journalisten führen?", fragt Christian Teevs bei Spiegel Online.

Ramelow habe die Situation falsch eingeschätzt. Als Politiker bewege er sich immer im öffentlichen Raum, vor allem in einem sozialen Netzwerk mit Tausenden Teilnehmern. "Zwar gibt Clubhouse seinen Nutzern das Gefühl, privat unterwegs zu sein. Doch Ramelow sollte eigentlich Profi genug sein, um zu wissen, welche Wirkung seine Worte entfalten können", so Teevs.

Aurelie von Blazekovic ordnet es in der SZ so ein: "Die App, in der sich seit vergangener Woche auch Spitzenpolitiker wie Manuela Schwesig und Christian Lindner regelmäßig mit Journalisten zum halböffentlichen Quatschen treffen, wirft schon jetzt neue Fragen der Distanz zwischen Journalismus und Politik auf. Ist es eine gute Sache, wenn sich nun allabendlich Redakteure und Bundestagsabgeordnete zum Plaudern treffen? Wie locker sollte das sein? Und wer darf zuhören? Der Umgang von Politikern mit sozialen Medien ist ohnehin ein schwieriges Feld."

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Auf Twitter löste der Ramelow-Clubhouse-Auftritt eine Medien-Debatte aus:

Medienanwalt Jörn Claßen schreibt: "An diesem Beispiel werde ich meinen Studenten erklären, wie Journalismus funktioniert (@johannesboie), Politiker Vertrauen verspielen und falsche Krisenkommunikation zum Desaster wird. Ein Fall. Alles drin."

Kai Diekmann gibt Bodo Ramelow einen Lesetipp: "Lieber Herr Ramelow: Lesen Sie mal hier: gq-magazine.co.uk/lifestyle/article/clubhouse-app... @joinClubhouse ist am Ende kein privater Raum, sondern eine neue Bühne, auf der Sie gestern gestanden und über 1000 Menschen Ihren sehr persönlichen Äußerungen zugehört haben."

Nikolaus Blome (RTL/ntv) rechnet: "Wenn du aus Steuerkassen das Fünffache des Durchschnittsverdienstes kriegst, 10 level candy crush während deiner Arbeitszeit schaffst und die Kanzlerin wegen Deiner Fehler öffentlich um Entschuldigung bittest, um sie hintenrum 'Merkelchen' zu nennen... dann bist Du @bodoramelow."

Marc Felix Serrao von der NZZ twittert: "Wäre "@bodoramelow ein konservativer oder liberaler Politiker, dann würde die versammelte Berliner Blase für die Dinge, die er in den vergangenen Nächten in der Schnatter-App öffentlich von sich gegeben hat, seinen Kopf fordern."

Ex-FAZ-Korrespondent Hendrik Wieduwilt sagt im Deutschlandfunk-Interview - auf Johannes Boie angesprochen: "Der Journalist ist komplett im Recht, da habe ich keinen Zweifel."

Und Bodo Ramelow erklärt der dpa: "Die einen spielen Sudoku, die anderen spielen auf ihren Handys Schach oder Scrabble, und ich spiele Candy Crush." Das sei für ihn eine Methode zu entspannen. Bei den teils zehn Stunden langen Marathon-Sitzungen mit häufigen Unterbrechungen sei dies kein Aufreger. Es sei auch kein Geheimnis. Bei seinem neuerlichen Clubhouse-Auftritt am Sonntag äußerte er sich ganz ähnlich.

Zu späteren Behauptungen, er habe die Kanzlerin in der Talkrunde als "Merkelchen" bezeichnet, sagt Ramelow der dpa, es seien Versatzstücke aus dem Kontext gerissen worden. Auf Twitter bezeichnete er seine Aussage nach einem erneuten Gespräch in der App am Sonntag als "Akt männlicher Ignoranz". "Dafür meine ehrliche Bitte um Entschuldigung."

Ramelow macht deutlich, dass er mit dem Audio-Portal Clubhouse künftig vorsichtiger umgehen werde. "Ab sofort, wenn ich jetzt dieses Format anmache, merke ich, im Hinterkopf habe ich jetzt die Lernkurve von vorgestern und gestern", sagte der Linke-Politiker am Sonntag. Die Analyse eines Mediendienstes, dass der Feind stets mithöre, habe er nun hinsichtlich der App verinnerlicht.

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