Jan-Eric Peters: Social Media tut dem Journalismus einfach nicht gut

26.01.2021
 

Die langjährige Axel-Springer-Führungskraft, Jan-Eric Peters, jetzt Managing Director bei NZZ Deutschland, heizt die Debatte um Social Media und Journalismus an. Warum Peters Medienprofis in deutlichen Worten warnt, sich von Twitter nicht verführen zu lassen.

"Twitter ist die Selbstentzauberungs-Plattform des Journalismus. In meinen Augen. Jede Redaktion, jeder Journalist muss eine grundsätzliche Haltung haben, die als Kompass dient. Aber nicht zu allem und jedem eine Meinung, schon gar nicht impulsiv" leitet Jan-Eric Peters, frischgebackener Geschäftsführer von NZZ Deutschland, seinen Beitrag auf seinem Twitter-Account ein.

Twitter verführe dazu, zugespitzt zu jedem Thema seinen Senf dazuzugeben, sich in Meinungsschlachten zu verwickeln. Das untergrabe die Glaubwürdigkeit von Journalisten und Medien. "Weil es Voreingenommenheit offenbart, auch wenn es als Transparenz verklärt wird", so Peters, der Chefredakteur der Welt-Gruppe, der Berliner Morgenpost und von WeltN24 war.

Nutzern von Twittern wird laut Peters auf diese Weise Parteilichkeit suggeriert ("die es nicht selten auch ist"). Dabei seien Unabhängigkeit, Fairness und das Bemühen um Objektivität Voraussetzung für Journalismus. Sie seien auch Voraussetzung für die Wirksamkeit von Journalismus. "Werden Journalisten, werden Medien als unfair und parteiisch wahrgenommen, verlieren sie nicht nur ihr Ansehen, sondern auch ihre Kraft", meint Peters.

Für ihn ist die Farbe des Journalismus grau. Zuspitzungen seien aber meist schwarz oder weiß. "Die Welt ist halt komplex, auch wenn sie im Kampf um Aufmerksamkeit auf einfache Wahrheiten in wenigen Zeichen zusammenzimmert wird. Das Werkzeug des Journalisten sollte nicht der Hammer sei."

Tweets vergleicht Peters in seinem Beitrag mit Schlagzeilen: Deren Funktion sei es, die Aufmerksamkeit auf einen Inhalt zu lenken, der dann differenzierter dargelegt werde. Das Problem bei Twitter sei offensichtlich: Kaum einer lese diese Inhalte. Es tue aber nicht gut, nur in Schlagzeilen zu sprechen

"Ein weiteres Problem, vielleicht sogar das wesentliche Problem ist, dass bei Social Media Identifikation häufig über Abgrenzung stattfindet, auch bei Journalisten. 'Haltung wird dann dadurch demonstriert, dass man sich über andere aufregt." Das sei für alle Menschen ungesund - für Journalisten aber praktisch der Wegfall der Geschäftsgrundlage, wird Peters deutlich. "Wenn Du nicht mehr sachlich sein kannst, weil du zu einem Team gehörst, kannst - und solltest! - du als Journalist gleich aufgeben."

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Dann reflektiert Peters, dass seine Anmerkungen auf Twitter natürlich auch schwarz-weiß seien, weil es das Format verlange - und selbstreferenziell, was ebenso nerve. Selbstverständlich lasse sich Social Media auch von Journalisten, von Medien sehr gut nutzen, und viele tun das auch.

Twitter sieht Peters als Plattform gut geeignet, um (real-time) News und Fakten zu liefern, um zu recherchieren oder Recherchen zu präsentieren, um Informationen zu kuratieren und eigene Geschichten zu promoten oder sich mit Nutzern auszutauschen. Vor allem: um aufzuklären

Was Tweets für Journalisten nicht sein sollten, sei PR für die persönlichen Marke. "Klar, es ist schnell gelernt, dass Differenzierung weniger Resonanz bringt als sich fest auf eine Seite im Kulturkampf zu schlagen. Das ist aber das Gegenteil von journalistischer Arbeit." Deshalb ist Peters "tatsächlich der Meinung, dass man sich als Journalist pure Meinung (anders als News-Analysis) besser verkneift". Zumindest sofern man nicht auf einen dahinterliegenden differenzierten Kommentar verweisen könne. Zu einem Thema, von dem man etwas verstehe.

Am Ende seines Beitrags zitiert Jan-Eric Peters "drei vorbildliche Sätze" aus den Guidelines der New York Times zur Nutzung von Social Media.

"In social media posts, our journalists must not express partisan opinions, promote political views, endorse candidates, make offensive comments or do anything else that undercuts The Times's journalistic reputation."

"Our journalists should be especially mindful of appearing to take sides on issues that The Times is seeking to cover objectively. We consider all social media activity by our journalists to come under this policy."

Zur Person: Jan-Eric Peters verantwortet das Deutschland-Geschäft der NZZ-Mediengruppe. Er nimmt Einsitz in der erweiterten Geschäftsleitung der NZZ-Mediengruppe und berichtet an Felix Graf. Peters war fast 20 Jahre Chefredakteur bei Axel Springer, zehn Jahre davon bei der Welt-Gruppe, deren digitale Transformation zur Multimedia-Marke er gestaltete. Zuletzt entwickelte er als Co-Gründer und Deputy CEO den News-Service Upday von Axel Springer mit.

"Die NZZ ist seit 240 Jahren ein Ort für Journalismus mit liberaler Perspektive, ein Leuchtturm in der europäischen Medienlandschaft. Ich schätze sie schon lange als Leser und freue mich sehr, das Team nun unterstützen zu können, in Deutschland noch stärker zu wachsen. Das Potenzial ist groß", kommentierte Peters seinen Wechsel.

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