Bodo Ramelow über Clubhouse: "Ich habe zu keiner Sekunde vergessen, dass das öffentlich ist"

28.01.2021
 

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow spricht offen über seinen umstrittenen Clubhouse-Auftritt. Im Interview mit der Zeit sagt er, warum ihn die Atmosphäre bei dem neuen sozialen Netzwerk begeistert, warum er nicht in eine Journalisten-Falle getappt ist und warum er sich über Bild-Redakteure ärgert.  

Bodo Ramelow hatte im sozialen Netzwerk Clubhouse davon berichtet, in der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK), dem entscheidenden Gremium der Corona-Zeit, mitunter Candy Crush auf dem Handy zu spielen, eine Art digitales Puzzlespiel. Im Interview mit der aktuellen Zeit sagt Ramelow, warum er die Methode der "Zerstreuung" nicht für sich behalten habe.

"Ich habe keinen Grund gesehen, es zu verheimlichen. Der Spiegel hat vor einigen Wochen berichtet, dass es in den MPKs jemanden gebe, der nebenbei Candy Crush spielt. Ich wurde bei Clubhouse gefragt, ob das wahr sei. Also antwortete ich: 'Ja, das stimmt! Ich bin derjenige, der es tut!' Das hatte ich bereits im Stadtfernsehen von Gotha erzählt. Jetzt wird so getan, als hätte ich gedacht, es höre niemand zu. Aber das stimmt nicht. Ich wusste, dass wir in einem öffentlichen Raum sind", betont Ramelow.

Bei der Audio-App Clubhouse muss man eigenladen werden, um mitmachen zu können. Das führt dazu, dass Journalisten und Politiker noch weitgehend unter sich sind. Cathrin Gilbert, verantwortliche Redakteurin im Ressort Politik bei der Zeit, und Martin Machowecz, Leiter des Leipziger Zeit-Büros, vergleichen das Interview mit einer Hotelbar-Atmosphäre, nur mit Publikum. Sie haken bei Ramelow deshalb noch mal nach, ob er nicht in eine Falle vorgegaukelter Vertrautheit getappt sei.

"Es entsteht eine Atmosphäre der Vertrautheit, ja, und die ist verführerisch. Aber ich bin nirgends hineingetappt", stell der Linken-Politiker klar. Ihn habe das gerade begeistert. Da seien viele junge Menschen am Start gewesen. Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, war auch unter den Zuhörern. "Ich habe zu keiner Sekunde vergessen, dass das öffentlich ist", so Ramelow.

Zur Erinnerung: Am Wochenende hatte Johannes Boie, Chefredakteur der Welt am Sonntag, ausführlich über Ramelows Clubhouse-Plaudereien berichtet - und löste eine Medien-Debatte aus. Boie führte an, dass es seine "journalistische Pflicht" gewesen sei, Ramelows Äußerungen aufzuschreiben. "Weil es an den Worten des Politikers öffentliches Interesse gibt und die Menschen das Recht haben, zu erfahren, was in der Politik-Medien-Blase geredet wird.", so Boie. Er habe kein schlechtes Gewissen und würde den Artikel exakt so wieder veröffentlichen. Clubhouse sei eine neue Art der Kommunikation.

Bodo Ramelow erzählt im Interview mit der Zeit auch, wie es zu der Formulierung "Merkelchen" kam: Bild-Vizechefredakteur Paul Ronzheimer, der ebenfalls am Clubhouse-Abend teilnahm, habe angeregt, in Zukunft die MPK auf Clubhouse abzuhalten. Wenn doch ohnehin alles an Bild durchsickere. Das habe ihn geärgert, sagt Ramelow. Ich fand das unanständig und habe spontan und sinngemäß geantwortet: "Ja, klar, und dann kommt das Merkelchen auf die Bühne. Eigentlich meinte ich: Wir sind doch keine Darsteller, das ist doch keine Show! Ich hätte von Ramelowchen oder Söderchen oder Kretschmännchen sprechen sollen. Stattdessen habe ich von einer Frau gesprochen. Das war dumm und wirkte despektierlich." Ramelow beteuert, sich bei Merkel inzwischen entschuldigt zu haben.

In der Zeit breitet er auch folgende Geschichte aus: Einmal in einer MPL-Sitzung habe ihm ein Bild-Redakteur in die Sitzung gesimst, dass er gerade einen starken Auftritt gehabt hätte und ob er ob er dazu live bei Bild Stellung beziehen wolle. "Ich habe dann in der MPK seine Nachrichten vorgelesen – und bekam direkt eine empörte SMS: Es sei unanständig, dass ich seine Nachrichten vorlesen würde! Jemand hatte ihn auf dem Laufenden gehalten. Im Vergleich dazu finde ich Candy Crush oder Sudoku als Gehirnjogging eher harmlos", findet Ramelow.

Und dann geht der 64-Jährige noch mal auf Clubhouse ein: Vielleicht erfordere das soziale Netzwerke einen anderen Umgang. Twitter, Facebook, TikTok hätten die Kommunikation schon grundlegend verändert. Jetzt bringe Clubhouse Tausende in eine gemeinsame Live-Situation. Er habe Lehrgeld bezahlt, sagt Ramelow.

Für die Clubhouse-App sei er nun beides: Werbe- und Warnschild. Die Nutzungskompetenz werde künftig in der Einheit Ramelow gemessen. Der Freitagabend sein ein Null-Ramelow gewesen. Aber er wollte eben diesen Versuch wahrnehmen, um unter Leute zu kommen, erklärt Bodo Ramelow.

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Indes haben sich Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) und Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) am Mittwoch Fragen in Clubhouse gestellt, um die neue Digitalstrategie der Bundesregierung zu erläutert. Der Auftritt warf zuvor angesichts der Kritik an den Datenschutzbestimmungen von Clubhouse Fragen von Journalisten auf. Bär verteidigte den Gang zu Clubhouse und forderte mehr Mut beim Ausprobieren neuer Kommunikationswege: "Mir fällt auf, dass wir Innovationen selten eine Chance geben."

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) hat die Anbieter der neuen Social-Media-App Clubhouse wegen gravierender rechtlicher Mängel angemahnt. Das teilte der Vorstand des VZBV, Klaus Müller, am Mittwoch via Twitter mit. In einem Schreiben an die Alpha Exploration Co. in Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien bemängeln die Verbraucherschützer laut dpa, dass der Dienst in Deutschland ohne das erforderliche Impressum betrieben werde. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen und die Datenschutz-Hinweise lägen nicht wie vorgeschrieben auf Deutsch vor, sondern nur auf Englisch.

In der Abmahnung geht es dpa zufolge in der Sache aber auch um den Datenschutz. So reklamiere der Clubhouse-Betreiber das Recht für sich, die von den Anwendern hochgeladenen Kontaktinformationen aus den Adressbüchern der Smartphones umfassend zu nutzen und beispielsweise mit Werbung zu behelligen. Damit verstoße Clubhouse gegen die Europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). In der Abmahnung an den Betreiber von Clubhouse fordere der VZBV die Abgabe einer "strafbewehrten Unterlassungserklärung".

Sollte die Alpha Exploration Co. in Kalifornien nicht auf die Abmahnung reagieren oder sich weigern, die Unterlassungserklärung zu unterzeichnen, könnte der deutsche Verband eine Klage vor dem Landgericht Berlin anstrengen und dort ein Bußgeld verhängen lassen.

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