Starke Verkaufserfolge, neue Arbeitsformen: Wie Anke Helle und Mateja Mögel die Freundin umgekrempelt haben

 

Vier Quartale in Folge ein Plus bei den Einzelverkäufen: Burdas neue Freundin-Chefredakteurinnen scheinen vieles richtig zu machen. Im kressköpfe-Interview erklären Anke Helle und Mateja Mögel ihre Erfolgsgeheinmnisse. Zur Präsenzpflicht im Büro wollen sie nie wieder zurückkehren.

kress.de: Frau Helle, Frau Mögel, man muss das ja leider fragen dieser Tage: Wie geht es Ihnen, wie geht es der Redaktion gesundheitlich, seelisch, von der Belastung her?

Anke Helle: Das ist sehr nett, dass Sie das wissen wollen. Ich finde, wir fragen gerade im Jobkontext immer noch viel zu selten, ob es uns eigentlich gut geht. Dabei ist genau das doch die Voraussetzung, damit man überhaupt gut arbeiten kann.

Mateja Mögel: Natürlich ist die Belastung im Moment außergewöhnlich. Aber ganz ehrlich: Wir sind in der Redaktion alle gesund, wir haben alle noch unseren Job, wir mussten nie Kurzarbeit anmelden, wir können im Homeoffice arbeiten – da haben wir im Vergleich zu vielen anderen großes Glück, und dessen sind wir uns sehr bewusst! Und selbst unsere Verkäufe sind sehr gut und die Anzeigen sind stabil geblieben.

"Wir haben bei der Freundin seit unserem Antritt so ziemlich alles auf den Kopf gestellt."

 kress.de: Sie haben Ihr Team, aber natürlich auch die Leserinnen zuletzt durch Wochen und Monate begleitet, in denen sicher dem einen oder anderen der Sinn oft nach ganz anderen Themen, aber nicht unbedingt nach Redaktionsroutine stand. Wie richtet man sich selbst auf, wie motiviert man das Team zur Freude an der Arbeit – trotz allem?

Mateja Mögel: Wir sind überzeugt davon, dass zwei Dinge entscheidend sind für die Motivation: Vertrauen und Anerkennung. Wir haben bei der Freundin seit unserem Antritt so ziemlich alles auf den Kopf gestellt: Nicht nur das Magazin, sondern alle Prozesse, Abläufe und die gesamte Arbeitskultur. Wir haben viel von der Redaktion abverlangt – haben ihnen aber dafür Vertrauen und Anerkennung gegeben und immer transparent kommuniziert. Alle im Team haben die Veränderungen und die damit verbundenen Erfolgserlebnisse ständig vor Augen.   

"Wir konnten jetzt in vier Quartalen hintereinander die Einzelverkäufe steigern. Das macht natürlich Spaß und schweißt auch als Team zusammen."

Anke Helle: Wir konnten jetzt in vier Quartalen hintereinander die Einzelverkäufe steigern. Das macht natürlich Spaß und schweißt auch als Team zusammen. Wir haben außerdem neue Wege entwickelt, um uns als Team zu fühlen, auch wenn wir uns nicht sehen. Ein Beispiel: Jeden Dienstag werden wir in zufälligen kleinen Gruppen zusammengewürfelt, in denen über ein vorgegebenes Thema gesprochen wird. Mal offizieller sein wie eine Blattkritik, aber auch mal eine persönliche Frage wie: Geht es dir gerade gut? Alle in der Gruppe haben 5 Minuten Redezeit, damit ganz sicher auch die Praktikantin etwas sagt, erst danach dürfen alle miteinander sprechen. Das mag künstlich klingen, aber funktioniert sehr gut.

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kress.de: Als Sie die Chefredaktion der Freundin übernahmen, sind Sie ja bewusst als Duo-Team angetreten. In wie weit hat sich das Konstrukt über die Monate bewährt und wie sehr gibt es Halt in härteren Tagen?

Anke Helle: Es gab in den letzten anderthalb Jahren keinen einzigen Tag, an dem ich nicht froh war, dass wir zu zweit sind. Wenn man sich als Team nicht mehr sieht, ist es als Führungskraft umso wichtiger, mit jedem einzelnen im Gespräch zu bleiben. Das schaffen wir deshalb gut, weil wir zu zweit sind. Darüber hinaus sind wir beide Mütter und haben wie alle anderen Eltern auch die Herausforderung aus Homeschooling, Homeoffice und Betreuung. Da wir beide immer in allen Themen drin sind, können wir auch gut mal sagen: Ich muss mich jetzt zwei Stunden um die Kinder kümmern, kannst du solange übernehmen?

Mateja Mögel: Das Konstrukt Doppelspitze zeigt schon von innen heraus, wie wir arbeiten wollen – es gibt keine reinen Von-oben-Herab-Entscheidungen. Alles ist Dialog, alles ist Teamwork. Dasselbe erwarten wir von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Sie sollen diskutieren und hinterfragen – gerne auch uns. Und Anke und ich kennen uns inzwischen so gut, dass wir die Stimme der anderen in all unseren Entscheidungen mitdenken können. Dabei hat unsere gemeinsame Mailadresse sehr geholfen, weil wir immer genau wissen, was die andere tut.

"Gerade in der Krise ist der Dialog wichtig."

kress.de: Dass aus den Corona-Erfahrungen unter anderem weniger Dienstreisen, Pflichtmeetings und mehr Homeoffice-Freiheiten bleiben sollten, gilt jetzt schon als Binse. Wie gut gelang es Ihrer Redaktion, sich auf räumliche Distanz und neue Organisationsformen einzustellen?

Mateja Mögel: Wir haben zum 1. September 2019 in der Chefredaktion angefangen und sofort begonnen, alle Abläufe auf digitale Strukturen umzustellen: weil wir auch schon vor Corona daran glaubten, dass es egal ist von wo das Team arbeitet, wenn die Prozesse funktionieren. Dadurch konnten wir sofort ins Homeoffice wechseln. Entscheidend war, weiterhin die Kommunikation aufrecht zu erhalten. Gerade in der Krise ist der Dialog wichtig.

"In allen Konferenzen sind Kinder willkommen. Inzwischen kennen wir alle Redaktionskinder und Partner und freuen uns, wenn sie zum Winken vorbeikommen."

kress.de: Im Verlag sitzen sie ja im Zweier-Gemeinschaftsbüro mit einer Offenen-Tür-Politik für die Redaktion: In wie weit ist so ein Stil auch Homeoffice-tauglich?

Anke Helle: Wieso sollte er das nicht sein? Früher hat man eben an unsere Tür geklopft und gefragt, ob es gerade passt und heute ruft man auf Teams an. Ich habe festgestellt, dass Video-Gespräche oft intensiver sind als früher im Büro. Weil eben nicht schon der nächste vor der Tür steht. Außerdem lernt man viel über die Kolleginnen. Mateja und ich haben von Anfang an gesagt, dass in allen Konferenzen Kinder willkommen sind. Inzwischen kennen wir alle Redaktionskinder und Partner und freuen uns, wenn sie zum Winken vorbeikommen.

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kress.de: Wo knirscht es gelegentlich trotz allem, etwa wenn sich die Grenzen verwischen und Privates sowie Berufliches aufeinanderprallen?

Mateja Mögel: Natürlich gibt es auch bei uns Konflikte. Wir appellieren deshalb regelmäßig an die Redaktion: Ruft einander an! Ruft uns an! Sprecht miteinander, damit sich Missverständnisse und Unmut nicht verselbständigen. Ein wichtiges Learning für uns als Chefinnen war im ersten Lockdown, dass auch wir Pausen brauchen. Wenn die einen morgens um sechs anfangen und die anderen wegen kleiner Kinder eher spät abends arbeiten können, bekommt man quasi rund um die Uhr Mails. Da muss man sich vom eigenen Anspruch, immer sofort zu antworten, lösen.

"Die alte Präsenzkultur wollen wir nicht mehr."

kress.de: Sollte sich – was ja sehr zu hoffen ist – im Laufe des Frühjahrs durch Impf-Erfolge die Sicherheitslage im Lande deutlich entspannen: Wie rasch wird die Arbeit in der Freundin-Redaktion wieder eins zu eins zu den alten Mustern zurückkehren?

Anke Helle: Eins zu eins werden wir nie wieder zurückkehren. Wir freuen uns sehr darauf, wenn wir uns als Redaktion wieder regelmäßig im Büro treffen können, die alte Präsenzkultur wollen wir nicht mehr.

Mateja Mögel: Im Gegenteil – wir freuen uns darauf, wenn wir die Vorteile unserer neuen Prozesse kombinieren können mit "normaleren" Umständen, wenn etwa flexibel gearbeitet wird und man die Kinder in der Schule betreut weiß. Das wird noch mehr Möglichkeiten eröffnen.

"Wir haben neue, zeitgemäße Themen, eine neue Bildsprache und eine neue Art von Texten ins Heft geholt – ohne dabei die Leichtigkeit der alten Freundin zu verlieren."

kress.de: Die Verkäufe der Freundin haben sich zuletzt sehr erfreulich entwickelt: Wie erklären Sie sich den Zuspruch nicht nur von Stamm-, sondern offenbar auch von neuen Leserinnen?

Mateja Mögel: Wir glauben, die Leserinnen spüren, dass wir sie ernst nehmen und vor allem mit all ihren Schwächen und Stärken mögen – weil wir selbst eine von ihnen sind. Wir haben neue, zeitgemäße Themen, eine neue Bildsprache und eine neue Art von Texten ins Heft geholt – ohne dabei die Leichtigkeit der alten Freundin zu verlieren.

Anke Helle: Fast noch stolzer macht es uns, dass die alten Leserinnen diesen Weg auch mitgehen. Wir bekommen ganz tolle Briefe von langjährigen Abonnentinnen, die uns schreiben, wie gern sie das Heft jetzt mögen und wie viel Neues sie gerade darin entdecken.

kress.de: Welche Akzentuierung ist in diesen Zeiten aus Chefredaktionssicht besonders wichtig?

Mateja Mögel: Das vergangene Jahr war so außergewöhnlich, dass uns klar war, dass wir so aktuell wie möglich arbeiten müssen. Die Gefühlslage der Menschen schwankt von Woche zu Woche zwischen Angst, Hoffnung, Freude, Aufbruchstimmung. Unser relativ kurzer Vorlauf erlaubt es uns, auf dem Cover das jeweils vorherrschende Lebensgefühl aufzugreifen – und das trifft die Leserinnen offensichtlich.

"Gerade unter Frauen gibt es eine große Sehnsucht nach Ehrlichkeit."

kress.de: Welche neuen Themen und Schwerpunkte kamen Ihrer Erfahrung nach zuletzt besonders an?

Anke Helle: Generell gibt es in der Gesellschaft und gerade unter Frauen eine große Sehnsucht nach Ehrlichkeit. Zu einer Zeitschrift, die auch noch den Namen Freundin trägt, passt das natürlich sehr gut. Wir haben auch deshalb inzwischen wesentlich mehr Ich-Texte im Heft und beschäftigen uns mit früheren Tabu-Themen wie Einsamkeit oder Fehlgeburten. Darauf bekommen wir viel Resonanz. Aber natürlich sehnen sich die Leserinnen gerade auch besonders nach guten Rezepten und Tipps zum Verschönern der Wohnung oder zum Selbermachen. Auch diese Bereiche haben wir verstärkt.

"Nie war uns allen bewusster als jetzt, wie sehr wir die Gesellschaft anderer brauchen. Und genau dieses Gefühl der Gemeinschaft können wir als Marke vermitteln."

kress.de: Sie haben zuletzt sogar den Claim der Freundin geändert. Warum das?

Anke Helle: Weil der alte Claim "Glücklicher leben" einfach nicht mehr zu uns, zum Heft und vor allem zu dieser Zeit gepasst hat. Frauen wollen heute nicht mehr einfach nur "glücklicher" sein – quasi ohne Rücksicht auf Verluste. In Zeiten von Corona, Fridays for Future, Präsidenten wie Trump, aber auch Debatten wie MeToo haben wir alle verstanden, dass wir nicht einfach nur so weitermachen können wie bisher.   

Mateja Mögel: Der neue Claim heißt: "Für mehr Wir im Leben." Denn genau dafür wollen wir als Marke stehen - für Frauen und generell Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, aufeinander achtgeben und sich gemeinsam für Ziele einsetzen. Nie war uns allen bewusster als jetzt, wie sehr wir die Gesellschaft anderer brauchen. Und genau dieses Gefühl der Gemeinschaft können wir als Marke vermitteln. Im Rahmen der Marktforschung sagen unsere Leserinnen, das Lesen der Freundin tue ihnen einfach gut – was Schöneres kann es doch für uns als Chefredakteurinnen gar nicht geben.  

kress.de: Sie pflegen einen engen Austausch mit der Freundin-Leserschaft. Wie wichtig ist dieses offene Ohr für die alltägliche Redaktionsarbeit?

Mateja Mögel: Sehr wichtig, so bleiben wir auf dem Laufenden. Wir bekommen viele Mails und Anrufe und sind natürlich auf unseren Social Media Kanälen im engen Austausch mit den Leserinnen: Wir stellen ihnen Fragen wie "Wonach roch deine Kindheit?" oder lassen sie von ihrem #kleinenglück erzählen und veröffentlichen die Antworten im Heft.

Anke Helle: Gleichzeitig sind wir aber beide auch im Alltag ständig mit potenziellen Leserinnen in Kontakt und nutzen das: Im Plausch vor dem Kindergarten oder im Sportverein entstehen neue Themenideen und wenn wir bei einem Cover unsicher sind, posten wir sie in die Whatsapp-Gruppen unserer Freundinnen. Diese klare Trennung Leserin/Wir gibt es bei uns nicht.

kress.de: Letzte Frage: Sie sind ja auch als kressköpfe eng mit der Branche verdrahtet. Wie wichtig ist das Netzwerk für Sie, wie knifflig ist es manchmal in Zeiten, in denen man sich "in echt" wenig sehen kann?

Anke Helle: Auch da sind wir erstaunt, wie gut das bislang funktioniert. Ich finde zum Beispiel immer öfter Themen von freien Journalistinnen auf Instagram: Neulich postete die Autorin Michèle Loetzner eine Umfrage über Einsamkeit und so kam ich darauf, sie zu bitten einen Text darüber zu schreiben.

Mateja Mögel: Das einzige, das über die digitalen Kommunikationswege wirklich nicht stattfindet, sind zufällige Treffen. Früher hat man auf Veranstaltungen ständig spannende Leute kennen gelernt und sich vernetzt, das fällt natürlich weg. Deshalb muss man das jetzt aktiver anstoßen – und auch mal Menschen miteinander vernetzen, die sich nicht kennen, aber von denen man weiß, dass sie gerade dasselbe Thema beschäftigt.

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