"Ein stern ohne Politik am Konferenztisch ist ein sterbender stern"

29.01.2021
 

Das gemeinsame Hauptstadtbüro, in dem Redakteure und Reporter von Capital und aus dem bisherigen Berliner stern-Büro künftig arbeiten werden, soll für Streit innerhalb der stern-Redaktion sorgen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet von "heftigen Turbulenzen". Chefredakteur Florian Gless gibt sich kämpferisch.

Die gesamte Berichterstattung über die deutsche Politik und die Wirtschaft in stern, Capital und Business Punk kommt in Zukunft aus dem gemeinsamen Hauptstadtbüro, in dem Redakteure und Reporter von Capital und aus dem bisherigen Berliner stern-Büro arbeiten werden. Die Redakteure im Ressort Politik und Wirtschaft in Hamburg sollen "zum Großteil andere Aufgaben beim stern übernehmen". Die Führung des gemeinsamen Hauptstadtbüros übernimmt Horst von Buttlar, der zugleich Mitglied der stern-Chefredaktion wird. In der vereinten Berliner Redaktion sollen rund 35 Journalisten in Print und Digital berichten. Betriebsbedingte Kündigungen sollen weitestgehend vermieden werden. So lautete es in der Mitteilung, die Gruner + Jahr am 19. Januar verschickte (zum kress.de-Artikel).

An diesem Freitag berichtet Peter Fahrenholz in der Süddeutschen Zeitung von einem Streit beim stern, von "heftigen Turbulenzen" ist die Rede. "Ein stern ohne Politik am Konferenztisch ist ein sterbender Stern", wird der langjährige Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, der viele Jahre Mitglied der stern-Chefredaktion war, zitiert. stern-Chefredakteur Gless widerspricht dieser Befürchtung in der SZ: "Es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass der stern nicht mehr politisch ist. Es mache Sinn, die Politik in Berlin anzusiedeln, so Gless. Auch dass der Capital-Chef von Buttlar künftig die politischen Inhalte bestimmen soll, weist Gless zurück. "Über das, was im stern berichtet wird, entscheiden einzig und allein Anna-Beeke Gretemeier und ich." Gretemeier und Gless bilden eine Doppelspitze beim stern.

In einer der Redaktionsversammlungen hat sich nach SZ-Informationen der stern-Reporter Hans-Martin Tillack zu Wort gemeldet. Tillack ist im Berliner Büro des stern verantwortlich für investigative Recherche. "Man habe ihm Altersteilzeit angeboten, so habe er es geschildert, aber unter der Bedingung, dass er nicht mehr über Politik und Wirtschaft schreibe. Einen Investigativ-Spezialisten dieses Kalibers von Politik- und Wirtschaftsthemen abziehen zu wollen, wäre ungefähr so, als würde der FC Bayern seinen Torjäger Robert Lewandowski zum Platzwart degradieren", heißt es im SZ-Bericht. Florian Gless habe sich zu solchen Einzelfällen nicht äußern wollen und auf die anstehenden Gespräche mit den Betroffenen verwiesen.

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Der stern-Beirat habe in einer Resolution im Namen der Redaktion die Rücknahme der Maßnahmen verlangt und die Berufung Buttlars abgelehnt, so die SZ weiter, die aus einer Stellungnahme des Beirats an die Chefredaktion zitiert: Die Redaktion sei von den Plänen überfallen worden, "der Schock ist gewaltig". Das Berichten über Politik und Wirtschaft sei "ein Herzstück des Stern", auf ein reines Stern-Politik-Ressort zu verzichten, sei "absurd". Die Marke Stern würde damit "massiv geschwächt". "Der Kern des Stern-Journalismus lässt sich nicht outsourcen." Capital und Stern hätten einen unterschiedlichen Blick auf Politik und Wirtschaft, sie bräuchten deshalb in ihren Kernthemen einen "unverwechselbaren Zugang".  

Chefredakteur Florian Gless gibt sich kämpferisch in der SZ: "Für uns ist das nicht leicht, aber wir stehen zu dieser Entscheidung. Da wachse etwas Neues, "das wird ein Team."

Hintergrund: Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless, die stern-Chefredakteure, erklärten am 19. Januar zum Konzept: "Was macht mehr Sinn, als die journalistische Kraft zweier starker - und befreundeter - Marken in der Hauptstadt zu ballen? Und das auch noch in einem Wahljahr? Wir freuen uns sehr, mit Horst von Buttlar, einem der Top-Journalisten des Landes, diese neue Redaktion aufzubauen." Wenn es nach Gretemeier und Gless geht, spielen stern und Capital mit einem gestärkten Team in der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung vorne mit.

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