Ex-NDR-Chefreporter Lütgert beklagt: Die Gehälter der Intendanten sind viel zu hoch

 

Er arbeitete für das ARD-Magazin Panorama, war fast 20 Jahre Chefreporter beim NDR, durchleuchtete KiK und Carsten Maschmeyers AWD. Im Interview mit dem Wirtschaftsjournalist blickt Christoph Lütgert kritisch auf seinen ehemaligen Arbeitgeber und dessen Top-Manager - zudem trifft Lütgert eine für Journalisten ernüchternde Aussage. 

Wirtschaftsjournalist: Herr Lütgert, was machen Sie im Moment?

Christoph Lütgert: Ich genieße mein Pensionärsleben.

Wirtschaftsjournalist: Was heißt das? Muss man sich den ehemals unerbittlichen Investigator Christoph Lütgert heute im Ohrensessel vorstellen?

Lütgert: Nein, aber ich lebe tatsächlich in den Tag hinein. Vor der Pandemie bin ich täglich ins Fitnessstudio gegangen. Man muss mit 75 ja versuchen, dem Alter wegzulaufen. Zum Glück habe ich von meiner Trainerin ein tolles Programm für zu Hause bekommen und nutze darüber hinaus ausgiebig meine zwei Fahrräder. Außerdem lese ich viel Zeitung, kommuniziere mit Freunden und ehemaligen Kollegen. Und hin und wieder schreibe ich einen Kommentar für den "Blog der Republik".

Wirtschaftsjournalist: Haben Sie Angst vor Corona?

Lütgert: Ich habe alle persönlichen Kontakte heruntergefahren. Selbst mit meinen Kindern treffe ich mich nur noch draußen, etwa zum Spazierengehen. Ja, ich würde mich als Corona-Feigling bezeichnen.

Wirtschaftsjournalist: Sie sind seit zehn Jahren im Ruhestand. Wie blicken Sie mit dieser Distanz auf Ihren NDR?

Lütgert: Der NDR von heute ist nach allem, was ich so mitkriege, nicht mehr der NDR, dem ich unendlich viel zu verdanken habe. Die finanziellen Rahmenbedingungen sind offenkundig desaströs, spätestens seit sich quasi über Nacht ein 300-Millionen-Euro-Loch aufgetan hat. Noch im Januar hatte der frühere Intendant Lutz Marmor verkündet, er übergebe ein wohlgeordnetes Haus. Und ein paar Monate später klafft da unter seinem Nachfolger [Joachim Knuth], der auch schon jahrelang in der Führung des Senders gesessen hatte, dieses Riesendefizit. Da frage ich mich: Wofür bekommen die Topmanager an der Senderspitze ihre Spitzengehälter?

Und was ich auf der anderen Seite bedenklich finde: Wie viel offene Ablehnung bis Feindschaft von Populisten gegen das öffentlich-rechtliche System geschürt wird. Dabei ist dieses System gerade in diesen Zeiten für unsere Demokratie unverzichtbar.

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Wirtschaftsjournalist: Der NDR spart nun, wie es heißt, vor allem an der Unterhaltung.

Lütgert: Ich höre, dass auch im Zeitgeschehen ganze Einzelsendungen gestrichen, Projektverträge nicht mehr verlängert werden. Eine Sendung wie das Medienmagazin "Zapp" zum Beispiel wandert ins Netz, was den Zuschauerkreis erheblich einschränkt. Auch eine Reportage wie die "KiK-Story", bei der wir zweimal nach Bangladesch gereist sind, weil wir neue Beweise erbringen mussten, wäre beim NDR heute nicht mehr möglich, haben mir Insider gesagt, die es wissen müssen. Es wäre wirklich eine Katastrophe, wenn die Gebührenerhöhung nicht durchkäme.

Wirtschaftsjournalist: Wäre das die Lösung? Oder versickert dann einfach nur noch mehr?

Lütgert: Jetzt singe ich bei aller Kritik auch mal ein Hohelied auf das öffentlich-rechtliche System: Es ist unglaublich, was man da nach wie vor geboten bekommt an Information, herausragenden Filmen und Unterhaltung - zum Preis von zwei Kinokarten pro Monat! Ich würde eher auf die deutlich teurere Zeitung verzichten als darauf! Daher kann ich in dieses Gebühren-Bashing nicht einstimmen. Natürlich sind die Intendantengehälter viel zu hoch - wären sie niedriger, könnte man damit zwar kein 300-Millionen-Loch stopfen. Es wäre aber ein Zeichen der Solidarität an alle Kollegen, von denen gerade erhebliche Sparanstrengungen verlangt werden.

Wirtschaftsjournalist: Wer füllt Ihrer Ansicht nach die Lücken im investigativen Journalismus, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen hinterlässt?

Lütgert: Es ist ja nicht so, dass gar nichts mehr gemacht wird: Die preisgekrönte Reportage von STRG_F über die "Seawatch 3" und das Flüchtlingselend ist ein gutes Beispiel der jüngeren Zeit. Es wird aber, so wird mir erzählt, immer schwieriger, Projekte durchzubekommen.

Wirtschaftsjournalist: Haben Sie bei Ihren vielen Recherchen etwas erreicht?

Lütgert: Ich bin sehr ernüchtert. Ein Beispiel: Carsten Maschmeyer. Wir hatten vor der Kamera Opfer, die an Maschmeyers Finanzdienst AWD alle Ersparnisse verloren und sich hoch verschuldet hatten. Nach den Unterlagen, die wir präsentierten, standen die für ungezählte andere Opfer: Menschen, die ins finanzielle Unglück gestürzt wurden und die der Milliardär Maschmeyer nicht entschädigt hat. Trotzdem gibt es bis heute diese merkwürdigen Finanzdienstleister. Und Maschmeyer selbst sitzt als Juror in der TV-Sendung "Die Höhle der Löwen" und Christoph Lütgert: Unbequem im Ruhestand. ist angesehener denn je.

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Das Interview mit Christoph Lütgert ist im aktuellen Wirtschaftsjournalist erschienen. Darin geht es in der Titelgeschichte um die "Wirtschaftsjournalisten des Jahres 2020": Seit drei Jahren gibt es den Branchendienst finanz-szene.de. Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner nennen die Gründe für ihren großen Erfolg und verraten, warum sie keine Werbung brauchen.

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