Relotius-Anwalt Christian Schertz zum Streit mit Moreno: Unsere 50-seitige Klageschrift ist fertig

08.02.2021
 

Christian Schertz, der Anwalt von Claas Relotius, erklärt im Interview mit der SZ, warum es zuletzt in der Auseinandersetzung mit Juan Moreno wegen dessen Buch über Relotius so merkwürdig still war. Und Schertz macht eine klare Ansage.

Mit Hilfe von Medienanwalt Christian Schertz war Claas Relotius im Herbst 2019 öffentlichkeitswirksam gegen Juan Moreno vorgegangen. Moreno hatte zuvor ein Buch mit dem Titel "Tausend Zeilen Lüge" im Rowohlt Berlin Verlag veröffentlicht, das schildert, wie Moreno Relotius als Hochstapler entlarvt und an der ein oder anderen Stelle auch über Relotius' Motive und seine Persönlichkeit spekuliert. Relotius forderte den Verlag auf, verschiedene Aussagen in dem Buch zu unterlassen. Danach ist es monatelang merkwürdig ruhig geblieben, wie kress pro im vergangenen März berichtete.

Relotius-Anwalt Christian Schertz sagt nun im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: "Wir haben das wegen Corona zurückgestellt. In so einer Zeit wollten wir keinen solchen Schauplatz eröffnen, es werden ja dann auch Spiegel-Mitarbeiter aussagen müssen vor Gericht. Unsere 50-seitige Klageschrift ist fertig."

Schertz äußert sich auch zur Zusammenarbeit mit Relotius: "Ich bin nicht nur Anwalt für die Schönen und Reichen, sondern auch für die, die von den Medien bereits als Verlierer verurteilt sind. Natürlich hat auch Relotius das Recht, korrekt dargestellt zu werden. Ich erwarte von jemandem, der ein Enthüllungsbuch schreibt, in dem er einen anderen der Lüge bezichtigt, dass er selbst in jedem Satz bei der Wahrheit bleibt."

Anlass des Interviews, das Laura Hertreiter für die SZ mit Christian Schertz geführt hat, ist die ARD-Serie Legal Affairs. Schertz dient als Vorbild für die Rolle, die von Lavinia Wilson gespielt wird.

Seinen Berufsalltag als Medienanwalt schildert Schertz in der SZ so: "Menschen davor zu schützen, vorgeführt zu werden. [...] Binnen Minuten können Menschen ihren guten Ruf verlieren, Sie müssen sich die Arbeit oft wie in der Notaufnahme vorstellen. Nur geht's bei uns nicht um Gesundheit, sondern um die persönliche Ehre oder die Reputation von Unternehmen. Das ist presserechtliche Erstversorgung, wie ich es nenne. Oft arbeiten wir twenty-four-seven."

Seit er als Jugendlicher "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" gelesen habe, sei er getrieben von der Wut "auf diese Form von Journalismus". Es ekle ihn, wenn Menschen für die Auflagensteigerung gegen ihren Willen und rechtswidrig an die Öffentlichkeit gezerrt würden. "Ich bin da humanistisch sozialisiert", so Schertz in der Süddeutschen.

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Dass er in Redaktionen mitunter schlecht wegkomme, wenn er Berichterstattung verhindere oder erschwere, ist nach Ansicht von Schertz zu erwarten, wenn man diese Medien permanent angehe oder verklage. Aber es sei natürlich nicht so, dass der Anwalt der Ritter sei, und der Journalist der Böse. Es sei wichtig, dass der investigative Journalismus Missstände aufdecke, gleichzeitig könnten Journalisten schwere Schäden anrichten, wenn Sie Menschen vorverurteilten oder vorführten.

Viele Medien haben laut Schertz "offenbar weniger Ressourcen, Fakten selbst zu recherchieren oder nachzuprüfen". Heute verbreiteten sich Geschichten viel schneller, auch falsche. Andererseits merke er, dass es in vielen Häusern eine Scheu vor rechtlichen Auseinandersetzungen gebe, weil die Geld kosteten. Die Bild sei früher oft bei Presseprozessen durch alle Instanzen gegangen. Seit einigen Jahren drucke sie keine Paparazzifotos mehr, so Schertz.

Der Medienanwalt glaubt nicht an den Deutschen Presserat: Dessen Rügen interessierten weder Bild noch Spiegel, wird Schertz deutlich. 

Bei Instagram und Twitter agiere er unter anderem Namen, weil er ja sehen müsse, was Mandanten von sich posteten, verrät er.

Christian Schertz gibt sich im SZ-Interview auch selbstkritisch: "Ich habe versucht, immer auf der richtigen Seite zu stehen. Aber manchmal, nicht oft, stellt man fest, dass man das nicht tut, weil die Wahrheit anders aussieht, als man anfangs dachte."

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