Was mit Englisch: The trouble with Bild

 

Sprachkritiker und Englisch-Experte Peter Littger greift in seinem neuen Kolumnen-Beitrag eine Auseinandersetzung mit dem Bild-Chefredakteur Julian Reichelt auf, bei der es um Freiheiten bei der Übersetzung von Zitaten geht. Beim britischen Guardian wunderte man sich sehr.

Als Kolumnist für unsere Lieblingsfremdsprache freue ich mich, wenn sich deutschsprachige Medienmenschen nicht bloß mit Schulvokabular durchwurschteln, sondern einen besonderen Sinn für englische Wörter und Wendungen demonstrieren. 

Im Juli 2020 war so ein Moment. In einem ellenlangen Text, "Bild, Merkel and the Culture Wars", der auf diversen Plattformen auch als Podcast erschien, berichtete der Guardian über das historische und gegenwärtige Selbstverständnis der Bild-Zeitung. Chefredakteur Julian Reichelt kam darin ausführlich zu Wort. An einer Stelle wurde er mit den Worten zitiert, man habe Israel und die USA stets "bis an die Grenzen des Möglichen" unterstützt: "We backed Israel/the USA to the hilt". 

To the hilt? Obwohl ich diese Darstellung von Axel Springers legendärer Solidarität für übertrieben halte, gefiel mir der kraftvolle englische Ausdruck. Ich hatte ihn noch nie gehört!

Als ich nun noch einmal danach suchte, wurde ich nur noch im Podcast fündig. Im Text war "to the hilt" durch drei Pünktchen ersetzt worden. Das ist ein Platzhalter, den niemand sagen kann, nicht einmal Julian Reichelt – der an einer Stelle im Text mit einem Kampfpiloten verglichen wird, dem es gelingt, Champagner ins Cockpit zu schmuggeln.

Im Laufe des Texts stieß ich auf eine Reihe weiterer Ungereimtheiten. So beschreibt Reichelt Bundeskanzlerin Angela Merkel im Podcast als "durch und durch mittelmäßig" ("completely mediocre") und erklärt, sie sei weder besonders witzig noch clever. Auch diese Passage ist im Text verschwunden. 

Unweigerlich musste ich an ein immer wieder spannungsreiches Thema im deutsch-englischen Kulturvergleich denken, das gelegentlich tatsächlich Züge eines Culture War hat: die Autorisierung von Interviews! Während Journalisten bei uns oft zur Freigabe rennen und mit Änderungen zurück kriechen, wird sie von vielen britischen oder US-amerikanischen Kollegen prinzipiell abgelehnt – to the hilt gewissermaßen. Die Voraussetzung sind belastbare Notizen und noch besser: verständliche Tonaufnahmen.

Doch was war hier geschehen? Guardian-Autor Thomas Meaney hat mir gemailt: "Es gab auf Seiten von Bild Meinungsverschiedenheiten über einige Zitate. Sie haben für den Guardian eine unabhängige Prüfung meiner Notizen erforderlich gemacht." Außerdem erklärte er, man habe mal Deutsch, mal Englisch gesprochen und womöglich habe er Reichelt "too loosely" zitiert, also ungenau. 

Aus der Guardian-Redaktion kam kurz und knapp: "Wir haben der Fußnote unter dem Artikel nichts hinzuzufügen." Dort steht: "Dieser Artikel wurde geändert, um fehlerhafte Abschriften ('mistranscriptions') von Julian Reichelts Aussagen zu korrigieren …"

Mistranscriptions? Dieses englische Wort gefällt mir gar nicht! Denn es klingt danach, was wir landläufig "Bild Methoden" nennen. Ob sich Reichelt starke Worte zurechtgelegt oder ob sie ihm Meaney in den Mund gelegt hat – so oder so ist der Guardian an Bild gescheitert. Dass weiterhin zwei fundamental abweichende Versionen desselben Textes existieren, ist dermaßen unprofessionell, dass ich schon aus Respekt vor der großartigen englischsprachigen Interview-Tradition nur an ein englisches Wort denken möchte. Es ist zufällig in Mode: Cancel! 

Die Redaktion des Guardian sollte die gesamte Geschichte löschen und es danach – bitte! – mit einem funktionierenden Aufnahmegerät und einem gewissenhaften Autor noch einmal versuchen. Schließlich sind es genau solche Geschichten mit einer anderen, kritischen Sicht von außen, die uns einen großen Mehrwert liefern können – zum Beispiel, wenn sie vorführen wie Journalismus ohne Autorisierung funktioniert. Ohne bombensichere Zitate brauchen wir hingegen keine Lektionen aus London.

Zur Person: Autor Peter Littger ist Sprachkritiker und Bestsellerautor. Er schreibt Kolumnen über unseren Umgang mit der englischen Sprache, u.a. auch "Der Denglische Patient" sowie "Mehr Erfolg mit Englisch" für die Wirtschaftswoche.

 

Hier die englische Version des Textes, übersetzt von Peter Littger:

"The trouble with Bild"

As a columnist who deals with our favourite foreign language, I am always delighted when German-speaking media people don't just muddle through with their school vocabulary, but demonstrate a dedication for English words and phrases. 

July 2020 was such a moment. In a long text called "Bild, Merkel and the Culture Wars", which also appeared as a podcast on various platforms, the Guardian reported on the long-established and controversial identity of Axel Springer’s Bild newspaper. The editor, Julian Reichelt had his say. At one point he was quoted that Israel and the USA had always been supported "to the limits of the possible": "We backed Israel/the USA to the hilt". 

To the hilt? Although I think this portrayal of Axel Springer's legendary solidarity is exaggerated, I liked the powerful English expression. I had never heard it before!

Lately, when I tried to look up the expression once again, I only found it in the podcast. In the text, "to the hilt" had been deleted and replaced by three dots that leave the deleted phrase to the readers' imagination. An ellipsis is a placeholder that can not be expressed by anyone, not even by Julian Reichelt – who at one point in the text is compared to a fighter pilot who manages to smuggle champagne into the cockpit.

Subsequently, I came across a number of other inconsistencies. For example, Reichelt describes Chancellor Angela Merkel in the podcast as "a completely mediocre mind". He claims that "the press has created this elaborate mythology around her. That she’s some sort of savage wit in private – which is not true, by the way – and that she’s fantastically clever – which is not true either." This passage also disappeared in the text. 

Inevitably, I thought of an oft-discussed difference with German and English journalism, which can translate into a culture war: the approval of interview quotes. It is called in the best German fashion "Autorisierung"! While journalists in this country often run for approval and crawl back with changes, many British or US colleagues reject this practice on principle – to the hilt, so to speak. The prerequisite for refusing these terms are reliable notes and comprehensible audio recordings.

What had happened here? Guardian writer Thomas Meaney emailed me: "There was some dispute on Bild's end about a few of JR's statements in the piece, which made it necessary for the Guardian to independently review my notes from the conversations." He also explained to me: "The conversation happened nearly two years ago – switching between English and German. I have no idea why JR disputed this phrasing – that Bild is vehemently pro-Israel seems hardly controversial – but it's possible that I mistranslated the expression he used at the time in German – or translated it too loosely."

The Guardian press office got back to me by saying: “We don't have anything to add further to the footnote at the bottom of the article.“ There it says: "This article was amended to correct some mistranscriptions in respect of comments made by Julian Reichelt"

Mistranscriptions? I don't like this English expression at all! Because it sounds like what we commonly dismiss as "tabloid or Bild methods". Whether Reichelt uttered those strong words or whether Meaney inadvertently put them in his mouth – either way the Guardian has failed on Bild. The fact that two fundamentally different versions of the same text continue to exist is so unprofessional that out of respect for the great English-language interview tradition, I would like the Guardian to consider another English word that happens to be in vogue: Cancel! 

The Guardian editors should delete the entire story and then try again with a working recorder and a conscientious writer. After all, it is precisely stories with an outsider's critical view that provide us with great added value – for example by demonstrating how journalism works without Authorisierung. However, without a solid foundation we don't need lessons from London.

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