Job-Kolumne: Was tun, wenn das Bewerbungsgespräch katastrophal läuft?

 

Manche Vorstellungsgespräche fühlen sich wie Verhöre an: Scharfe Worte gegen den Bewerber, hämische Kommentare zur Präsentation, manchmal sogar offener Streit unter den Anwesenden. Mediencoach Attila Albert über häufige Gründe und wie Sie damit umgehen können.

Eine Redakteurin hatte sich bei einem Industriekonzern als Texterin beworben. Doch das Vorstellungsgespräch, mit fünf Mitarbeitern in einer Videokonferenz, empfand sie schon bald wie ein Verhör. Ein Teilnehmer stellte offen ihre Fachkenntnisse in Frage und griff sie sogar persönlich an. Der Abteilungsleiter stritt sich mit seiner neuen Vertreterin über die genauen Aufgaben und fiel ihr mehrfach scharf ins Wort. Die angespannte HR-Vertreterin versuchte, durch Zwischenfragen abzulenken. Nach 45 Minuten endete das Gespräch abrupt, und einige Tage später erhielt die Redakteurin eine Standard-Absage. Sie war erleichtert, fragte sich aber trotzdem fassungslos: Was war da nur passiert, hatte es an ihr gelegen?

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Ein Produktmanager bewarb sich bei einem Fachverlag und trug im Vorstellungsgespräch vor, was er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber alles erreicht hatte. Er hatte sich auch mit der Situation des Fachverlags beschäftigt und viele konkrete Ideen, die er umsetzen wollte. Die Abteilungsleiterin, die sehr erschöpft wirkte, hörte ihm einige Zeit zu und sagte dann: "Wir wollen uns nur ändern, wenn sich alle mitgenommen fühlen. Das wird lange dauern, wir sind eine eher alte Belegschaft." Und später riet sie ihm praktisch von der Stelle ab: "Sie können hier sowieso nichts erreichen." Irritiert fuhr der Produktmanager heim und schickte eine Absage, grübelte aber: Wieso suchte die Firma dann überhaupt einen neuen Mitarbeiter?

Angespannte, feindselige Atmosphäre

Immer wieder berichten mir Coaching-Klienten von Vorstellungsgesprächen, die sie geradezu entsetzt verließen – übrigens meist bei durchaus renommierten Unternehmen. Wegen der Einladung hatten sie ein freundliches Kennenlernen erwartet, ein interessiertes, offenes Gespräch über Aufgaben und mögliche Ziele. Stattdessen fanden sie sich in einer angespannten oder sogar feindseligen Atmosphäre wieder. Ihre Präsentation, oft mit wenig Vorinformationen erstellt, wurde hämisch verrissen. Mitarbeiter zankten sich vor ihnen. Grundlegende Dinge stellten sich als ungeklärt oder gar falsch heraus. Die "Anstellung" war beispielsweise nur eine freie Mitarbeit, das "Team" sollte nur aus einem selbst bestehen.

Grundsätzlich gilt: Sie bewerben sich bei einem Arbeitgeber – und gleichzeitig bewirbt sich der Arbeitgeber in diesem Prozess auch bei Ihnen. Wer seit langem nach einer neuen Arbeit sucht, ist natürlich froh über jede Einladung. Gleichzeitig sollten Sie Vorstellungsgesprächen aber als wirklich gegenseitiges Kennenlernen verstehen. Sich also eine Absage Ihrerseits ebenso als Option offen halten, wie es der mögliche Arbeitgeber selbstverständlich tut. Solch eine E-Mail mag Ihnen zwar kurzzeitig unangenehm sein. Sie erspart Ihnen aber, sich in einem Unternehmen wiederzufinden, das kulturell überhaupt nicht zu Ihnen passt und in dem Sie fast zwangsläufig scheitern würden – eventuell schon in der Probezeit.

Offene Konflikte vor dem Bewerber

Es ist fast unvermeidbar, dass Sie auch einmal in ein Bewerbungsgespräch geraten, dass völlig schief läuft – ohne, dass es an Ihnen läge. Fast immer sind internen Problemen die Ursache, beispielsweise ungeklärte Zuständigkeiten, schwelende Konflikten (z.B. über die zukünftige Strategie oder Zusammensetzung des Teams), aber auch Erschöpfung und Frustration der Beteiligten. Als Bewerber finden Sie sich plötzlich inmitten von all dem wieder, obwohl Sie damit nichts zu tun haben und es auch nicht erwartet hätten. Sehen Sie solch eine Situation nicht zu persönlich. Sie verrät Ihnen vor allem etwas über die Lage bei dem Unternehmen, in welchem Umfeld und mit wem Sie dort zu tun haben würden.

Nehmen Sie die Gefühle, die das Gespräch in Ihnen ausgelöst hat, ernst. Wenn Sie sich respektlos behandelt fühlen, absichtlich verunsichert oder herabgesetzt, ist das wahrscheinlich kein Arbeitgeber, dem Sie sich anvertrauen wollen. Mit den Menschen, die im Bewerbungsgespräch vor Ihnen sitzen, müssten Sie später tatsächliche Probleme lösen, wären auf ihre Unterstützung angewiesen. Wie erfolgversprechend wäre dass, wenn schon ein Kennenlernen dermaßen eskaliert? Das heißt übrigens nicht, dass ein zukünftiger Arbeitgeber problemfrei sein soll. Es gibt immer ein Problem, nur deshalb sucht er nach Hilfe und ist bereit, dafür zu zahlen. Sie sollten sich aber zutrauen, es mit den vorhandenen Mitarbeitern und unter den gegebenen Umständen lösen zu können.

Noch nicht bereit für Veränderung

Sehr häufig kommt es vor, dass laut Stellenanzeige ein dynamischer, kreativer Bewerber gesucht wird, der etwas bewegen soll. Bereits im Vorstellungsgespräch wird dann Ihre Präsentation zerpflückt, jeder Vorschlag abgetan oder lächerlich gemacht. Daran erkennen Sie weniger eigene Mängel, sondern dass das Unternehmen noch nicht bereit ist für echte Veränderung. Sie würden nur Ihre Zeit verschwenden und sich unnötig aufreiben. (In meinem Buch "Ich mach da nicht mehr mit" finden Sie zwei Fallstudien dazu.) Wenn das Unternehmen bereit ist für Neues, würde man neugierig diskutieren, auch halbgare Ideen erwägen – so beginnt Innovation. Sie würden sich inspiriert, aufgeregt, belebt fühlen.

Nach einem schlechten Bewerbungsgespräch ist die Versuchung groß, eine wütende oder kritische Absage zu senden, in denen Sie Ihren verheerenden Eindruck schildern. Sie gewinnen damit aber nichts und empören nur die Leute im Team. Einigen geht es sicher sogar wie Ihnen, nur können sie derzeit nichts ändern. Aber eventuell begegnen Sie ihnen an anderer Stelle einmal wieder. Eine höfliche, respektvolle Nachricht ist klüger und wird durchaus verstanden: Dass es nach Ihrem Eindruck von den strategischen Vorstellungen, der Firmenkultur oder Dynamik nicht passt, Sie sich aber sehr bedanken. Sie lernen aus solch einem Gespräch in jedem Fall auch immer  etwas über Ihre eigenen Vorstellungen und Werte. Mancher fühlt sich sogar gestärkt: Es liegt wirklich nicht immer am Bewerber.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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