Ideologien am Arbeitsplatz: Was tun Medienprofis, die dagegen sind?

 

Politische Ideologien und andere Formen der Beeinflussung am Arbeitsplatz können Medienprofis in ein persönliches Dilemma stürzen. Mediencoach Attila Albert sagt in seiner Kolumne, wie man damit umgeht.

Eine Magazin-Redakteurin fühlte sich von ihrem neuen Chefredakteur zu derart parteiischen Beiträgen gedrängt, dass sie auch gleich die Pressetexte der jeweiligen NGOs ins CMS hätte heben können. Sie fand die Anliegen unterstützenswert, fühlte sich als Journalistin aber einer gewissen Neutralität verpflichtet. Aus diesem Grund war sie auch dagegen, sich ihre Wortwahl zu bestimmten Themen - "Klimakatastrophe", "systemischer Rassismus", "Geschlechtergerechtigkeit" - vorschreiben zu lassen. Sie empfand das als zu suggestiv, um noch als Journalismus zu gelten. Ihr Chef warf ihr vor, ihre Beiträge seien "unentschlossen" und "lau". Sie solle überdenken, ob ihre "Haltung" noch zum neuen Heftkonzept passe.

Der neue Redaktionsleiter einer Corporate-Publishing-Agentur nahm an einem Kurs teil, der für alle Mitarbeiter verpflichtend war. Angeblich half er, effizienter zu arbeiten und besser mit Stress umzugehen. Bald störte ihn der spirituell-esoterische Ansatz, der auf dem Buch eines amerikanischen Autoren basierte. Er empfand es als übergriffig, dass er ein "persönliches Mantra" verfassen und mit den Kollegen meditieren sollte. Bei jedem Konflikt erinnerte ihn sein Chef vor allem an die "Schritte" aus dem Kurs, er solle "an seiner Einstellung arbeiten". Der Redaktionsleiter empfand das zunehmend als raffinierte Methode, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen und überfällige praktische Entscheidungen zu verschleppen.

Stärkere Politisierung und HR-Einfluss

Spiritualität und politische Ideologien am Arbeitsplatz sind für Medienprofis nicht neu, damit auch manches persönliche Dilemma, das sich daraus ergibt. Bei fast allen Titeln ist die weltanschauliche oder politische Verortung zwar bekannt. Man weiß also, worauf man sich einlässt. Zum Problem wird sie, wenn die Blattlinie nach dem Wechsel des Chefredakteurs nicht mehr zu den eigenen Positionen passt oder sich das bisher weitgehend neutrale Gesamtunternehmen auf eine Weise politisch positioniert, die man selbst ablehnt. Diese Situation erleben Medienprofis heute häufiger angesichts der Umbrüche in Politik und Medienwelt, aber auch wegen der starken Moralisierung der öffentlichen Debatte.

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Auch die HR-Programme, zu denen Mitarbeiter verpflichtet werden, fordern heute teilweise Positionierungen bis in den persönlichsten Bereich, etwa de facto Glaubensbekenntnisse oder religiöse Praktiken im Job. So argumentiert "Die 7 Wege zur Effektivität" von Stephen R. Covey mit alttestamentarischen Konzepten und einer mormonischen Charakter-Ethik. "Search Inside Yourself" von Chade-Meng Tan, Jon Kabat-Zinn und Daniel Goleman zwingt zu buddhistischen Denkmodellen, wenn auch unverfänglich als "emotionale Intelligenz" oder "Achtsamkeit" deklariert, und erklärt Meditieren zum grundlegenden Problemlöser. Als lägen Konflikte vor allem am Mitarbeiter, nicht etwa zum Beispiel an Arbeitsüberlastung.

Gesetzliches Recht zur Meinungspflicht

Medienunternehmen - praktisch der Herausgeber oder Chefredakteur - haben gesetzlich das Recht, die politische Meinung des Blattes verpflichtend festzulegen. Der sogenannte "Tendenzschutz" schränkt die Arbeitnehmer- und Mitbestimmungsrechte von Medienprofis erlaubt ein. Ähnlich wie bei Mitarbeitern von Parteien, Gewerkschaften und Kirchen. Manche Medienhäuser haben das inhaltlich klar definiert. Etwa Axel Springer schon 1967 mit seinen fünf Grundsätzen, die auch Teil der Arbeitsverträge sind (u.a. Unterstützung des jüdischen Volkes und Israels, Wertegemeinschaft mit den USA). Andere nennen eher offene Werte wie "Nachhaltigkeit", "Diversität" und "Inklusion", je nach Haus unterschiedlich konkretisiert.

Für Arbeitnehmer heißt das zunächst einmal, dafür sein zu müssen. Wer im Controlling, in der IT oder als CvD arbeitet, hat damit praktisch oft weniger Probleme als ein Journalist, der gewisse Positionen aktiv in der Öffentlichkeit vertreten soll, die seinen eigenen eventuell komplett widersprechen. Was Spiritualität angeht, war schon früher mancher Chefredakteur dafür bekannt, seine Themenauswahl oder Heft-Lancierung vom aktuellen Horoskop oder den Mondphasen abhängig zu machen. Was damals als persönlicher Spleen galt, kann für einen Medienprofis heute zum Problem werden, wenn er sich z. B. als aktiver Christ oder Atheist nicht vom HR zu asiatischen Religionspraktiken oder New Age zwingen lassen will.

Offen prüfen, dann entscheiden

Wer sich in solch einem Dilemma sieht, dem empfehle ich, sich trotzdem zunächst offen auf Positionen einzulassen, die möglicherweise wirklich nicht die eigenen sind. Die Idee kennen zu lernen und zu prüfen: Können Sie sich zumindest mit Einzelaspekten anfreunden oder etwas für sich daraus nehmen? Sie kommen damit zu einer fundierten Entscheidung und gewinnen auch die Zeit, die Sie z. B. für einen eventuellen Jobwechsel brauchen. Hitzige Diskussionen z. B. mit Ressort- oder Kursleitern bringen nur begrenzt etwas, da diese auch nur umsetzen, was ihnen aufgetragen wurde. Eventuell sehen sie das privat auch anders, ohne das sagen zu können, oder haben sich selbst nicht tiefer damit beschäftigt.

Langfristig ist es nicht empfehlenswert, in einem Umfeld zu arbeiten, das ganz grundsätzlich Ihren Werten widerspricht. Aus der Coaching-Praxis würde ich sagen, dass diese Situation die zermürbendste überhaupt ist: Sich täglich verleugnen und faule Kompromisse eingehen zu müssen, wo Sie Selbstbestimmtheit oder auch nur Ihre Ruhe wollen. Es ist überhaupt nicht ehrenrührig, wenn Sie nur Ihren Job machen wollen, ohne zwangsweise an einem Weltverbesserungsprojekt des Vorstandes mitwirken zu müssen, der sonst immer davon redet, dass alle "authentisch" sein sollen. Dann lieber aktiv werden, zu einem ideologisch weniger aufgeladenen Arbeitgeber wechseln, zu einem, der besser zu Ihren Überzeugungen passt - oder gleich in die Selbstständigkeit, wo Sie das für sich allein entscheiden.

 

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis aus Journalismus, PR und Unternehmenskommunikation als Coach. Schwerpunkt: Berufliche und persönliche Neuorientierung. Im April 2020 erschien sein Buch: "Ich mach da nicht mehr mit" (Gräfe und Unzer). Mehr als 20 Jahre hat er selbst als Journalist gearbeitet, u.a. bei der "Freien Presse" in Chemnitz, "Bild" und "Blick". Für einen Schweizer Industriekonzern baute er die globale Marketingkommunikation mit auf. Er hat Betriebswirtschaft und Webentwicklung studiert.

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