Inquisition einer Wissenschaftsjournalistin: Virologe Streeck schimpft in der Welt über den Spiegel

08.03.2021
 

In dem Artikel "Propheten auf dem Irrweg" hat der Spiegel jüngst untersucht, welche Virologen mit ihren Corona-Vorhersagen bislang meist richtig und welche daneben lagen. Einer der Kritisierten, Hendrik Streeck, wehrt sich nun in einem Artikel der Springer-Zeitung Welt. Streeck empfindet die Spiegel-Fragen als inquisitorisch.

"Am 24. Februar um kurz vor 14 Uhr ging bei Professor Hendrik Streeck eine Liste von 15 Fragen ein, abgesandt aus der Wissenschaftsredaktion des Spiegel. Die Fragen galten den Positionen des Bonner Wissenschaftlers zur Pandemie. Was Streeck da las, schienen ihm aber nicht neugierige Fragen zu sein, sondern als Fragen formulierte Anklagepunkte, auch gegen seine Person", berichtet Wolfgang Büscher in der Welt am Sonntag (Axel Springer).

Der Spiegel habe den Bonner Wissenschaftler Hendrik Streeck u.a. gefragt: "Haben Sie Ihre Position als Wissenschaftler missbraucht, um Politik zu machen?"; "Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten die Gefahren der Pandemie verharmlost?"; "Sehen Sie sich in der Mitverantwortung für die getroffenen oder auch unterlassenen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung? Und in diesem Zusammenhang auch für viele Menschen, die gestorben sind?"; "Bereuen Sie diese mehrfach öffentlich geäußerte Fehleinschätzung?"

WamS-Autor Büscher kritisiert die Vorgehensweise des Spiegel im Fall von Streeck: "Es ging um seine Haltung zum Lockdown. Schuld und Reue - Journalisten als Richter über wahr und falsch, gut und böse? Hart zu fragen ist gut, aber Fairness ist auch gut. Es verläuft eine feine Linie zwischen journalistischer Hartnäckigkeit und der Verletzung der journalistischen Tugend, cool zu bleiben und eine Armlänge Abstand zum Objekt zu wahren.

Auch Streeck selbst kommt in der Springer-Zeitung zu Wort: "Ich war schockiert, als ich diesen Fragenkatalog bekam", so Streeck, "das waren keine ergebnisoffenen Fragen, stattdessen las es sich wie die Inquisition einer Wissenschaftsjournalistin, die eine offensichtlich politische Mission hat." Er habe nur zwei Fragen beantwortet. "Alles andere war populistisch, polemisch, gespickt mit Unterstellungen - sinnlos, auf so etwas einzugehen."

Am meisten geärgert habe er sich über die Timeline, "man bekommt kaum 24 Stunden und fühlt sich wie vor Gericht - und dann diese Positionierung: Da ist einer, der hat recht, und dann sind da die anderen mit ihren sogenannten Falschaussagen. Das ist unfassbar primitiv. Es geht um einen wissenschaftlichen Diskurs, der wird so kaputtgemacht", findet Streeck. Kein Wissenschaftler, den er kenne, mache absichtlich falsche Aussagen, sondern formuliere immer auf der Basis des zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Wissens.

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Auch den Virologen Klaus Stöhr, früher Sars-Forschungskoordinator der Weltgesundheitsorganisation, zählte der Spiegel zu den Propheten auf dem Irrweg. Er wiederum wirft dem Magazin via Welt am Sonntag "Mangel an journalistischer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit" und eine "selektive Benutzung von Aussagen der betroffenen Wissenschaftler" vor, "um die vorgefertigte Meinung zu verifizieren". Alle seine in jenem Artikel erwähnten Kollegen hätte Dutzende Aussagen getroffen. Überdies habe man seine Position, "den Fokus auf den Schutz der Risikogruppen" zu legen, in ein "Allein Schutz der Risikogruppen" verwandelt. "Das Verhalten erinnert an Aktivisten, die als Gutmenschen aus der ganzen Seele heraus eine richtige Sache unterstützen möchten." Das Problem sei: "Auch die vielen, sehr guten Stellungnahmen von Fachgesellschaften, der Leopoldina etc." kämen "nicht annähernd an eine Entscheidungsvorlage für die Pandemieplanung heran". Es sei "einfach laienhaft, einzelne Wissenschaftler für drei Minuten zu einem Kanzlermeeting zu bringen".

Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann und Hendrik Streek sollen inzwischen telefoniert haben. Bislang soll sich aber kein Wissenschaftsredakteur bei Streeck gemeldet haben. Beim Spiegel heißt es dazu: "Die Redakteurinnen würden sich weiterhin sehr freuen, wenn ein persönlicher Austausch mit Herrn Professor Streeck möglich wäre."

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