Bereits vor 3 Jahren: Compliance-Vorwurf gegen Bild-Chef Julian Reichelt

 

Nach einem Spiegel-Bericht untersucht Axel Springer im eigenen Haus Compliance-Vorwürfe gegen Julian Reichelt. Bereits vor mehr als drei Jahren wurde der Bild-Chef mit einem Compliance-Vorwurf konfrontiert, der sich aber nicht erhärtete - berichtet kress pro. 

kress pro veröffentlichte im vergangenen Jahr (Ausgabe 7/2020) eine Titelgeschichte zu Julian Reichelt. Neben einem Interview mit dem Bild-Chef gingen kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand und kress pro-Autor Steffen Grimberg auch diesen Fragen nach, die durch die aktuelle Spiegel-Berichterstattung über Reichelt an Bedeutung gewinnen:

Wie fest sitzt Reichelt im Sattel?

Das ist eine Frage, über die im Haus eifrig spekuliert wird. Verlegerin Friede Springer zieht die "Welt" der "Bild" vor, wie sie der "Süddeutschen Zeitung" im vergangenen Jahr zum Missfallen von Bild-Mitarbeitern sagte. Andererseits hat Bild die digitale Expansion des Unternehmens durch CEO Mathias Döpfner finanziert und bleibt weiterhin wertvolle Cashcow des Konzerns.

Ohne Bild geht es also nicht. Und Bild ohne Reichelt ist auch nur noch schwer vorstellbar. Der Chefredakteur, der kürzlich zum Sprecher der Geschäftsführer berufen wurde, hatte sich in allen Machtkämpfen durchgesetzt, weil Döpfner ihn immer wieder gestützt hat. Nach dem Disput mit Virologe Christian Drosten nahm der CEO Reichelt sogar persönlich die Beichte in einem Podcast-Interview ab.

Aus Management-Sicht ist es Reichelts größte Stärke, dass er die dringend nötige Transformation des Hauses energisch vorantreibt, ohne viele Rücksichten zu nehmen. Dazu kommt, dass er sich dem Haus und der Marke Bild mit Haut und Haaren verschreibt. Der "Spiegel" beschrieb in einem Porträt, wie Reichelt seinen Vorgänger Kai Diekmann unterstützte, als eine Frau ihm sexuelle Nötigung vorwarf, und so Schaden vom Haus abwandte.

Allerdings hat sich Reichelt durch seinen harten Führungsstil auch viele Feinde geschaffen, die nur auf einen Fehler warten. Vor mehr als drei Jahren hat eine große deutsche Zeitung eine Geschichte recherchiert, die Reichelt einen Verstoß gegen Springer-interne Compliance-Regeln vorwarf. Der fertige Beitrag erschien nie, weil der Vorwurf nicht zutraf und der Text zudem durch Details aus Reichelts Privatleben angereichert war, die seine Persönlichkeitsrechte verletzt hätten. Ausgerechnet der Bild-Chef konnte also sicher sein, dass Privates auch privat bleibt.

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Hat Julian Reichelt seine Mannschaft hinter sich?

Teils, teils. Wenn man sich im Haus umhört, sind die kritischen Stimmen deutlich in der Überzahl. Sie werfen dem 40-Jährigen vor, sich als Chefredakteur mit einer jungen Boygroup zu umgeben, die jetzt bestimmt, wo es langgeht. "Er sammelt Ja-Sager um sich. Es sind nur noch Claqueure da", sagt eine langjährige Führungskraft. Bei Redaktionssitzungen etwa würden sich nur noch wenige trauen, eine andere Meinung zu vertreten. Zu diesen gehörten Reichelts Freund Paul Ronzheimer und "Bild am Sonntag"-Chefin Alexandra Würzbach, heißt es. "Manche können sich alles rausnehmen, andere werden schlecht behandelt", kritisiert ein anderer Springer-Mitarbeiter.

Tatsächlich ist die Liste prominenter Abgänge lang (etwa Tanit Koch, Marion Horn, Nikolaus Blome und Investigativreporter Martin Heidemanns). Vor allem in der zweiten Führungsebene, die im Maschinenraum der Bild den Laden am Laufen hielt, hat es weitere Abgänge gegeben. Zuletzt wurde der Wechsel von Fotochefin Silke Brüggemeier zur dpa vermeldet. Viele Abgänge hängen eng mit dem Führungsstil von Reichelt zusammen, wird in Hintergrundgesprächen deutlich. Bild habe dadurch viel Kompetenz und Boulevard-Know-how abgegeben, heißt es im nicht kleinen Kreis der Kritiker. Reichelt regiere nach dem Motto: "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich."

Es gibt aber auch andere Stimmen: Ein ehemaliger Bild-Mann lobt, Reichelt habe sich von vielen hochbezahlten Journalisten getrennt, die der Marke nicht mehr wirklich weitergeholfen hätten.

Je weiter man in der Hierarchie nach unten geht, desto deutlicher wird die Kritik an Reichelt. Bei der jüngsten Sparrunde wurde nämlich nicht nur bei den Häuptlingen gespart, sondern auch beim Fußvolk. Nicht immer ging die Führung dabei sensibel zu Werke. Auf der Außenleitertagung im vergangenen Herbst in München etwa sprach man erst über die harten Sparbeschlüsse und ließ sich dann von Alfons Schuhbeck bekochen.

Tipp: kress pro mit der kompletten Julian Reichelt-Titelgeschichte ("Ich bin so sehr Bild, dass ich niemandem hinterherweine, der sich entscheidet, nicht mehr bei Bild zu sein") können Sie in unserem Shop bestellen.

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