Wie Julia Jäkel gegen Fake News und Hate Speech kämpft - und die Werbewirtschaft in die Pflicht nimmt

11.03.2021
 

Noch immer werben zahlreiche deutsche Unternehmen auf rechtsextremen Seiten, die Fake News verbreiten. Die Werbeprofis Thomas Koch und Michael M.M. spüren ihnen nach und veröffentlichen ihre Namen. G+J-Chefin Julia Jäkel unterstützt die Aktion mit einem leidenschaftlichen Appell.

"Wirtschaftsentscheider haben Einfluss. Sie bestimmen mit ihrem Geld, in welcher Gesellschaft sie ihre Produkte anbieten. Wer diese Verantwortung ernst nimmt, setzt sich für Pressefreiheit, unabhängige Medien und gegen bewusste Falschnachrichten ein - und entscheidet damit letztlich auch über den Zustand unserer Gesellschaft", schreibt Julia Jäkel in einem Beitrag auf LinkedIn.

Die Chefin von Gruner + Jahr hat sich darüber schon 2017 im Handelsblatt ausgelassen und Unternehmen auf ihre Verantwortung hingewiesen. Auch 2021 werben laut Jäkel immer noch zahlreiche Unternehmen auf rechtsextremen Seiten wie Breitbart und TheGateWay. Die Medienmanagerin verweist auf die Werbeprofis Thomas Koch und Michael M.M., die seit einigen Wochen transparent machen, welche das sind (siehe Hintergrund). "Die ersten nehmen ihre Corporate Media Responsibility wahr und überprüfen ihre Werbeausspielungen - gut so! Es müssen noch viele weitere folgen", fordert Jäkel.

Sie hatte schon im Handelsblatt vor einigen Jahren aufmerksam gemacht, dass Unternehmen einen Großteil ihrer Werbegelder auf Google, Facebook und Amazon investierten. Allen anderen Medien - und damit allen, die eigene journalistische Inhalte erstellten - blieb nur der immer kleiner werdende Rest. Und das habe bedrohliche Folgen: "Wenn der gesamte Journalismus in Deutschland ausgezehrt wird, entsteht eine Armut des Geistes, der Informiertheit und des Widerspruchs. Allein die Lügen werden nicht weniger, sondern mehr. Es gibt Schattengestalten, die auf diese Lage bereits sehnlichst warten", konstatierte Jäkel 2017. Für sie lohnt es sich deshalb mehr denn je, "mit Leidenschaft für den Journalismus zu kämpfen". Für einen Journalismus, der nicht gekauft und gefälscht sei, sondern sich aufrecht mühe, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Der frage, überprüfe und einordne - anstatt wenig zu verstehen und alles zu bewerten. Und der sich selbst korrigieren könne, wenn er einmal falsch liege.

Schon damals nahm Jäkel die Wirtschaftsentscheider in die Pflicht: "Ohne es zu wollen, finanzieren Mitglieder der deutschen Wirtschaft das Wachstum einer neuen dubiosen Medienlandschaft - und tragen so zur Verbreitung von Fake News und Hate Speech bei. Dabei macht das natürlich kein Marketingentscheider mit Absicht - kein Einzelner kann jeden Artikel auf jeder Seite im Netz auf dem Radar haben. Aber genau das ist die Gefahr. Und umgekehrt die Chance: Wirtschaftsentscheider haben Einfluss. Sie bestimmen mit ihrem Geld, in welcher Gesellschaft sie ihre Produkte anbieten."

"In diese Lage hinein" hat Jäkel den Corporate-Media-Responsibility-Kodex vorgeschlagen: eine Regelung, mit der Werbetreibende anerkennen, dass zum Nutzen des eigenen Unternehmens und der gesamten Gesellschaft ein handlungsfähiger - und damit entsprechend finanzierter - Journalismus nötig ist." Ohne ihn fehle der öffentliche Diskurs und damit auch jeder Ansprechpartner für die Wirtschaft selbst, so Jäkel.

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Hintergrund: Die Werbeprofis Thomas Koch und Michael M.M. veröffentlichen seit drei Wochen namhafte deutsche Unternehmen, die auf Breitbart und weiteren, rechtsextremen Fake News-Websites werben. "Entdeckt haben wir bereits 20 Unternehmen. Es werden jeden Tag mehr", berichtet Thomas Koch auf seiner LinkedIn-Seite. Demnach haben zehn Unternehmen (darunter VW, Condor, Postbank und o2) reagiert und ihre digitalen Anzeigenausspielungen überprüft bzw. (wie SZ vorbildlich) alle Onlinekampagnen gestoppt. Zehn Unternehmen hätten allerdings selbst auf mehrfache Hinweise nicht reagiert, darunter Werbungtreibende wie Jaguar, Fiat und Ebay.

Alle diese Unternehmen arbeiten laut Koch mit großen Agenturen zusammen. Das lässt führ ihn drei Rückschlüsse zu: "1. Das Brand Safety-Problem ist in Deutschland größer als bisher angenommen. 2. Keine der Agenturen hat die sichere Ausspielung der Onlinewerbung ihrer Kunden im Griff. 3. Der Hälfte der Unternehmen, die nicht eingreifen, ist gleichgültig, dass sie mit ihrem Mediaetat Rechtsextreme, Fake News und Waffenlobby (mit)finanzieren." Das ist für Koch "der weitaus größere Skandal".

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