Eine Redaktion wie ein mittelalterlicher Königshof: Wie der Spiegel das System Reichelt beschreibt

12.03.2021
 

Der Spiegel beleuchtet in einem aktuellen Artikel das "System Reichelt" und den umstrittenen Führungsstil des Bild-Chefs. Zudem mutmaßt das Nachrichtenmagazin, das Anfang der Woche zuerst über die Untersuchung bei Springer gegen Reichelt berichtet hatte, wie das Verfahren ausgehen könnte.

"Was Angestellte über Reichelt erzählen, erinnert an einen mittelalterlichen Königshof: Wer in der Gunst des Herrschers gerade oben stehe, werde gelobt und bisweilen katapultartig befördert, Konkubinen inklusive. Sinke jemand in seinem An­sehen, werde er oder sie aus dem inneren Kreis verbannt, geschnitten, traktiert oder bloßgestellt. Wer in der Konferenz der Führungskräfte nicht nach Reichelts Geschmack performe, wer Fragen nicht zu seiner Zufriedenheit beantworte oder einem Kreuzverhör nicht standhalte, den wolle er dort nicht mehr am Tisch sehen", so Isabell Hülsen, Alexander Kühn, Martin U. Müller und Anton Rainer in einem aktuellen Spiegel-Beitrag.

Wie es mit Bild-Chefredakteur Julian Reichelt bei Axel Springer weitergeht, wird laut Spiegel davon abhängen, welche Erkenntnisse der Bericht der externen Kanzlei Freshfields zutage fördert, der in der nächsten Woche erwartet werde. Bei Springer ver­sichert man gegenüber dem Spiegel, der Verlag werde sich auch dann kritisch mit Reichelts Führungsstil auseinandersetzen, wenn sich in dem Bericht keine Belege für die aktuellen Vorwürfe fänden, aber abzeichnen sollte, dass der Bild-Chef eine Kultur präge, die vom Verlag nicht erwünscht sei.

Nach Darstellung des Spiegel sollen "etliche Bild-Leute" mittlerweile davon ausgehen, dass das Verfahren gegen Reichelt mangels ausreichender Belege ohne Konsequenzen bleibt. "Reichelt, so scheint es, hat in der Redaktion eine Kultur der Angst geschaffen, die es nun schwer macht, die Fälle aufzuklären. Die Furcht vor seiner Rache ist offenkundig groß", schreiben die Spiegel-Autorinnen und -Autoren in ihrem Artikel.

Ein Sprecher von Axel Springer wird so zitiert: "Wir müssen in solchen Situationen immer und sehr grundsätzlich unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen. Wenn aus Gerüchten über andere konkrete Hinweise von Betroffenen werden, beginnen wir - wie im aktuellen Fall - sofort mit der Aufklärungsarbeit. Wenn aus Hinweisen Beweise werden, handelt der Vorstand. Auf Basis von Gerüchten Vorver­urteilungen vorzunehmen, ist in unserer Unternehmenskultur undenkbar."

Aus Verlagskreisen hört der Spiegel, die Hinweise seien oft nicht explizit genug gewesen, "zu viel Hörensagen, zu wenig Belastbares, zu viel Anonymes".

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Hintergrund: "Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Das bedeutet: Es liegt bislang kein Ergebnis vor, weder in die eine noch in die andere Richtung. Julian Reichelt bestreitet die Vorwürfe", informierten Springer-Chef Mathias Döpfner und News-Vorstand Jan Bayer in dieser Woche die Belegschaft. Und die Springer-Führungskräfte betonten: "Bitte glauben Sie uns, auch wir wollen so viel Transparenz wie möglich. Wir wollen, dass jeder ohne Angst auf mögliche Missstände und Fehlverhalten hinweisen kann. Wir werden aber keine Form der Vorverurteilung zulassen." Bei Axel Springer gelte: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, egal welche Funktion und Stellung sie hätten, verdienten gleichermaßen Schutz und Fürsorge. "Für uns ist wichtig, dass wir bald Klarheit haben."

Wie kress pro berichtet, wurde Bild-Chef Julian Reichelt bereits vor mehr als drei Jahren mit einem Compliance-Vorwurf konfrontiert, der sich aber nicht erhärtete.

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