Wo und wie informieren sich Digital Natives? Was bedeutet die veränderte Nutzung für den Journalismus?

12.03.2021
 
 

Eine neue Studie der Medienanstalten bestätigt, dass sich Jugendliche und junge Erwachsene vor allem online informieren - und trotzdem klassische Medienangebote regelmäßig nutzen. Ein Gastbeitrag von Anja Zimmer, die gerade aus ihrem Amt als Direktorin der mabb ausgeschieden ist. 

Junge Nutzende konsumieren Medieninhalte ganz anders - das ist eine Entwicklung, die die Medienanstalten seit Jahren mit der Mediennutzungsforschung beobachten. Welchen Inhalten sie dabei Vertrauen schenken und welche Rolle einzelne Angebote als Informationsquellen spielen, fällt in der Fülle an Anbietern und Angeboten jedoch oft unter den Tisch. Mit einer neuen Studie wollten wir hier Genaueres wissen. Deshalb fragten wir über dreitausend Nutzerinnen und Nutzer unter 30, wo und wie sie ihre Information zu Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch zu Schule, Ausbildung, Alltag und privaten Interessen beziehen.

Wenig überraschend: Informationsnutzung vor allem online 

Es überrascht nicht, dass die Informationsnutzung vor allem online stattfindet - die Ergebnisse decken sich mit anderen Nutzungsstudien. Onlineportale und Social-Media-Angebote liegen mit jeweils gut 60 Prozent vorne. Aber: Jede und jeder Zweite nutzt auch klassische Medien regelmäßig zur Information - also TV, Radio oder Zeitungen.

Bei einem gezielten Blick auf die Verbreitungswege wird klar, dass auch für klassische Medieninhalte der digitale Weg deutlich wichtiger ist. Junge Nutzenden schauen also weiterhin Fernsehen und lesen Zeitungen, aber nicht mehr linear oder in gedruckter Form.

Zugang zu Information nur zufällig?

62 Prozent der Befragten geben an, online zufällig auf Informationen gestoßen zu sein. In Wahrheit sind diese Kontakte aber nur scheinbar zufällig, denn sie sind geleitet von Empfehlungsalgorithmen. Und für die vielen Nutzenden (55 Prozent), die Informationen über bewusst eingestellte Favoritenlisten und Abos beziehen, gilt: Die präsentierten Informationen hängen von Sortierungen und Rankings ab, die algorithmisch gesteuert sind. 

Umfassende Transparenz über die Mechanismen der Aggregation, Selektion und Präsentation auf soziale Medien und digitale Plattformen zu schaffen, ist daher zwingend notwendig. Nur so können wir verstehen, wie Meinungsbildung in der digitalen Medienwelt funktioniert. Und nur so können wir Medien- und Meinungsvielfalt sichern - eine der wichtigsten Aufgaben der Medienanstalten und eine der größten Herausforderungen für die digitale Gesellschaft.

Wo kommen die Informationen eigentlich her?

Wenn Medieninhalte vor allem über zufällige Kontakte und algorithmische Empfehlungen genutzt werden, hat das weitreichende Folgen: 39 Prozent der 14- bis 29-Jährigen konnten für einzelne Informationen nicht mehr präzise sagen, wo sie diese gelesen oder gehört haben. Bei 12 Prozent aller erfassten Informationsvorgänge wurde als Quelle der Information ein Intermediär genannt und nicht die eigentlichen Urheberinnen und Urheber der Inhalte, beispielsweise die Zeitungsseite, der Fernsehstream oder Influencer. 

Diese Zahlen machen deutlich, dass Nutzende digitale Plattformen eben nicht mehr als Kanal oder Plattform wahrnehmen, sondern als Informationsquelle. Das ist keine gute Nachricht für Inhalteanbieter. Journalistische Geschäftsmodelle und damit letztlich die Finanzierung von gut recherchierten Inhalten wird schwieriger, wenn die Bindung an Inhaltenanbieter zugunsten von Google, Facebook und Co. in den Hintergrund tritt. Inhalteanbieter drohen damit zum Spielball von amerikanischer Unternehmen zu werden, die nach eigenem Gutdünken - oder richtiger Geschäftsmodell darüber entscheiden, wer wie wahrgenommen wird. Wo das hinführen kann, hat Facebook in Australien gezeigt.

Und auch alle die, die Medienkompetenzprojekte anbieten, sollten aufhorchen: Um zu wissen, wie vertrauenswürdig eine Quelle ist, müssen Nutzende in der Lage sein, richtig zuzuordnen, woher eine Nachricht stammt. Medienkompetenz muss noch klarer zu Nachrichtenkompetenz werden.

Die Generation Z ist politisch interessiert - mit allen Medien

Die Studie zeigt aber auch, dass Jugendliche und junge Erwachsene ein ausgeprägtes Informationsbedürfnis bei gesellschaftlich relevanten Fragen haben. Für zwei Drittel war ein klares Themeninteresse der Grund für die Nutzung der Information und nicht etwa Zeitvertreib oder Unterhaltung. Informationen werden zu politischen Themen gesucht. Das Interesse scheint auch bei den TV-Sendern angekommen zu sein: So kündigte ProSieben jüngst an, wieder eine eigene Nachrichtenredaktion aufzubauen, die ab 2023 den Konzern versorgen soll. Denn um dieses politisches Informationsbedürfnis zu stillen, greifen Jugendliche und junge Erwachsene erstaunlich oft zu klassischen Medienangeboten.

Themen und Formate der analogen Medienwelt haben also ins Digitale überlebt und sind nach wie vor bei jungen Nutzenden beliebt. Wie lange das so bleibt, hängt von zum einen von Inhalt, Aufbereitung und Qualität ab. Entscheidender Faktor ist zum anderen aber auch die Auffindbarkeit. Denn nur was sichtbar ist, kann auch (scheinbar zufällig) genutzt werden.

Link zur Studie: https://www.die-medienanstalten.de/veranstaltungen/informationsportfolios-genz

Vorstellung der Studie: https://www.youtube.com/watch?v=lZc4x5T5QRA

Ein Gastbeitrag von Anja Zimmer, ehemalige Direktorin der mabb - seit 15. März als Rechtsanwältin, Politik- und Strategieberaterin tätig.

 

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