Nicht kontaktiert? Julian Reichelt will gegen Spiegel-Bericht "Vögeln, fördern, feuern" vorgehen

14.03.2021
 

"Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen BILD und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt", hatte der freigestellte Bild-Chefredakteur Julian Reichelt in einer internen Mitteilung angekündigt. Laut einem Bericht der NZZ wird Reichelt presserechtlich gegen den Spiegel vorgehen.

Wie NZZ-Deutschland-Chefredakteur Marc Felix Serrao schreibt, soll der Spiegel den Chefredakteur der Bild, Julian Reichelt, vor seiner jüngsten Berichterstattung nicht mit den darin kolportierten Vorwürfen über angebliche Affären und Machtmissbrauch konfrontiert haben. Damit stelle der "Spiegel"-Bericht ("Vögeln, fördern, feuern") eine unzulässige Form der Verdachtsberichterstattung dar, so Serrao unter Verweis auf Reichelts Umfeld. 

Laut dem NZZ-Deutschland-Chefredakteur hatte die NZZ bereits am vergangenen Freitag beim Spiegel nachgefragt, ob die vier Autoren, darunter Wirtschaftsressortchefin Isabell Hülsen, Reichelt vor der Veröffentlichung ihres Textes um ein Statement gebeten und mit den Vorwürfen konfrontiert hätten.

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Julian Reichelt kommt in dem genannten Spiegel-Text nicht zu Wort. Ein Springer-Sprecher äußert sich darin zu dem laufenden Compliance-Verfahren gegen Reichelt.

"Natürlich haben wir Herrn Reichelt mit den Vorwürfen gegen ihn über seinen Arbeitgeber konfrontiert und eine Stellungnahme erhalten", zitiert die NZZ eine Stellungnahme des Spiegel. Die Zurückweisung der Vorwürfe durch Reichelt hätten der CEO von Springer, Mathias Döpfner, und sein Vorstandskollege Jan Bayer  in dem Schreiben an die Mitarbeiter klargestellt, so ein Spiegel-Sprecher laut NZZ. Über den Inhalt der Mitarbeiter-Mail hinaus habe man keine Antwort zum laufenden Verfahren erhalten. Und, ja, man habe Reichelt auch persönlich zu kontaktieren versucht, wird der Spiegel-Sprecher von der NZZ weiter wiedergegeben.

"Aus Reichelts Umfeld heisst es, dass definitiv niemand vom Spiegel ihn mit Fragen zu den Vorwürfen im Text konfrontiert habe. Falls das zutreffen sollte, wäre der Spiegel in Erklärungsnot", schreibt Marc Felix Serrao in der NZZ. Seine Kritik am Spiegel: "Wenn ein Medium - zumal eines, das sich als Nachrichtenmagazin begreift - derart massive Vorwürfe zu einer Person verbreitet, muss es dieser vorher zumindest die Gelegenheit geben, persönlich dazu Stellung zu nehmen."

Hintergrund: Am Samstagabend hatte Axel Springer mitgeteilt, dass Julian Reichelt, Vorsitzender der Bild-Chefredaktionen und Sprecher der Bild-Geschäftsführung, die Vorwürfe in der laufenden Compliance-Untersuchung weiter entschieden zurückweist.

Um eine ungestörte Aufklärung sicherzustellen und die Arbeit der Redaktion nicht weiter zu belasten, hat Reichelt den Axel-Springer-Vorstand darum gebeten, bis zur Klärung der Vorwürfe befristet von seinen Funktionen freigestellt zu werden. Die Freistellung ist inzwischen erfolgt, teilte Axel Springer am Samstagabend mit.

Die Führung der Redaktion übernimmt für diesen Zeitraum Alexandra Würzbach, Chefredakteurin Bild am Sonntag und Mitglied der Chefredaktion der Bild-Gruppe. Mehr über Alexandra Würzbach.

In einer internen Nachricht an sein Team, die kress.de vorliegt, erklärt Reichelt seine Entscheidung.

"Bild und die Menschen bei BILD sind mein Leben. Ich habe immer alles dafür getan, dass es BILD, dass es uns gut geht, und das tue ich auch heute, auch wenn es mir unendlich schwerfällt. Deswegen habe ich den Vorstand gebeten, mich vorerst zu beurlauben, um dazu beizutragen, unangreifbare Aufklärung zu betreiben und die Vorwürfe zu prüfen, die gegen mich erhoben wurden.

Die Vorwürfe sind falsch.

Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen BILD und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt. Die über mich schreiben, ohne mich vorher anzuhören, weil meine Antworten ihnen noch nie gepasst haben.

Euch, all unseren großartigen Reporterinnen und Reportern sage ich, dass ich nur eine Priorität habe: Die unwahren Vorwürfe gegen mich zu entkräften, ohne die Arbeit, die sie jeden Tag und oft unter großen Risiken leisten, zu belasten."

In einer Stellungnahme von Axel Springer heißt es weiter: "Die Axel Springer SE untersucht derzeit Hinweise auf mögliche Compliance-Verstöße innerhalb der Bild-Redaktion. Um eine sowohl zügige als auch sorgfältige unabhängige Aufklärung sicherzustellen, hat das interne Compliance-Management externe Experten hinzugezogen. Hierbei wird ergebnisoffen in alle Richtungen recherchiert und die Glaubwürdigkeit und Integrität aller Beteiligten bewertet. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Daher wird das Unternehmen derzeit keine weiteren Angaben zum Verfahren und zum Gegenstand der Vorwürfe machen.

Axel Springer hat immer und sehr grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen. Wenn aus Gerüchten über andere Personen konkrete Hinweise von Betroffenen selbst werden, beginnt das Unternehmen - wie im aktuellen Fall - sofort mit der Aufklärungsarbeit. Wenn aus Hinweisen Beweise werden, handelt der Vorstand.  Diese Beweise gibt es bisher nicht. Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen, ist in der Unternehmenskultur von Axel Springer undenkbar."

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Ihre Kommentare
Kopf
Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

15.03.2021
!

Lassen wir die Kirche mal im Dorf. Wenn der Spiegel mit der Springer-Kommunikationsabteilung Kontakt hatte, was diese bisher nicht bestritten hat, darf man davon ausgehen, dass Reichelt auch hausintern erfahren hat, dass die Kollegen über ihn schreiben wollen. Mir sieht das sehr nach einem Katz-und-Maus-Spiel aus: Spiegel bemüht sich, die Minimalanforderungen des audiatur et altera pars zu erfüllen; er duckt sich weg, statt sich dem Gespräch zu stellen.


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