Feucht-fröhliche Spekulationen: NZZ kritisiert Spiegel und Tagesspiegel wegen Reichelt-Geschichten

14.03.2021
 

"Bei der Berichterstattung über den Chef von Deutschlands auflagenstärkster Zeitung setzen auch seriöse Medien auf feucht-fröhliche Spekulationen", bemerken Alexander Kissler und Marc Felix Serrao. Die NZZ-Autoren kritisieren Spiegel und Tagesspiegel - und lassen eine Ex-Bild-Journalistin zu Wort kommen, die Julian Reichelt zur Seite springt.

"Julian Reichelt soll als Bild-Chefredaktor angeblich die Abhängigkeit junger Mitarbeiterinnen ausgenutzt und seine Macht missbraucht haben. Was an den Gerüchten dran ist, weiss niemand mit Gewissheit. Doch das ist vielen Berichterstattern egal", leiten Alexander Kissler und Marc Felix Serrao von der NZZ-Deutschland-Redaktion ihren Artikel ein

Kissler und Serrao richten ihre Kritik ("für etliche, auch vermeintlich seriöse Journalisten gibt es kein Halten mehr") an die Adresse von Lorenz Maroldt. Der Tagesspiegel-Chefredakteur hatte vergangene Woche ein "Drehbuch" für eine "Serie über eine grosse Boulevardzeitung" über seinen Newsletter verbreitet. "Jeder wusste, wen der Autor attackierte, aber weil er sein Geraune als Fiktion darstellte, war er juristisch auf der sicheren Seite", betonen Kissler und Serrao in der NZZ.

Der Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier hatte Maroldts-Beitrag bereits eine "journalistische Kapitulation" genannt (kress.de berichtete).

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Auch beim Spiegel habe man angesichts der feucht-fröhlichen Spekulationen offenbar nicht mehr nur nüchtern berichten wollen, so die NZZ-Autoren weiter. Sie zielen auf den Artikel "Vögeln, födern, feuern". Das Foto zu dem Stück zeigt Reichelt bei einem Dinner im "Journalisten-Club" von Axel Springer, umgeben von lachenden jungen Frauen. Nach Informationen der NZZ will Reichelt gegen den Artikel juristisch vorgehen.

Von wem das Zitat aus der Spiegel-Überschrift stamme, werde nicht verraten. Eine Nachfrage bei mehreren Mitarbeitern der Bild-Zeitung habe ergeben, dass keiner je von dieser Formulierung gehört hätte - für die Überschrift bei Spiegel Online habe es dennoch gereicht, bemängeln Alexander Kissler und Marc Felix Serrao. "Wollte man den Spiess umdrehen, könnte man zum Schluss kommen, dass beim Spiegel heute die Devise gilt: Was kümmern uns die Fakten, Hauptsache, es trifft den Richtigen. Aber damit würde man den Journalisten unrecht tun, die dort seriös arbeiten. Vielleicht sind die verantwortlichen Autoren auch einfach nur ihrem Sujet verfallen."

Serrao und Kissler lassen in ihrer NZZ-Story auch die die ehemalige Bild-Journalistin Anna von Bayern zu Wort kommen: Sie soll den jüngsten "Spiegel"-Artikel auf ihrer Facebook-Seite am Freitag als wichtigen Text bezeichnet haben. Denn dieser demonstriere "den leidenschaftlichen Eifer, mit dem diese Vorwürfe von allen möglichen Seiten betrieben werden", wird die Ex-Bild-Frau zitiert. Sie selbst soll Reichelt seit mehr als 15 Jahren kennen, von denen sei er vier Jahre lang ihr direkter Chef gewesen sei. "Und ich habe nie erlebt, dass er seine Macht gegenüber Mitarbeiterinnen missbraucht hätte", wird Anna von Bayern weiter zitiert. Auf NZZ-Nachfrage, wer ihrer Meinung nach hinter den Vorwürfen stecke, sagt von Bayern, dass sie das nicht genau wisse: "Julian hat viele Feinde." Warum? "Weil er einer der unbequemsten Journalisten des Landes ist."

Eine anonyme Quelle ("Reichelts direktes Umfeld") wird von den NZZ-Autoren so zitiert: Es gebe keinen Machtmissbrauch, bei Reichelt gehe es nur um Leistungen. Dies sollen demnach auch Redakteure bestätigen, die nicht zu seinen Getreuen gehörten.

Es gibt auch andere Stimmen: Übermedien- und Bildblog-Gründer Stefan Niggemeier hat sich in seinem jüngsten Post auf Übermedien so geäußert: Die Berichterstattung sei für Reichelt ein Problem, aber die Vorwürfe gegen ihn kämen aus seiner Redaktion.

Hintergrund: Julian Reichelt, Vorsitzender der Bild-Chefredaktionen und Sprecher der Bild-Geschäftsführung, weist die Vorwürfe in der laufenden Compliance-Untersuchung weiter entschieden zurück.

Um eine ungestörte Aufklärung sicherzustellen und die Arbeit der Redaktion nicht weiter zu belasten, hat Reichelt den Axel-Springer-Vorstand darum gebeten, bis zur Klärung der Vorwürfe befristet von seinen Funktionen freigestellt zu werden. Die Freistellung ist inzwischen erfolgt, teilte Axel Springer am Samstagabend mit.

Die Führung der Redaktion übernimmt für diesen Zeitraum Alexandra Würzbach, Chefredakteurin Bild am Sonntag und Mitglied der Chefredaktion der Bild-Gruppe. Mehr über Alexandra Würzbach.

In einer internen Nachricht an sein Team erklärt Reichelt seine Entscheidung. kress.de liegt die interne Mitteilung vor:

"Bild und die Menschen bei BILD sind mein Leben. Ich habe immer alles dafür getan, dass es BILD, dass es uns gut geht, und das tue ich auch heute, auch wenn es mir unendlich schwerfällt. Deswegen habe ich den Vorstand gebeten, mich vorerst zu beurlauben, um dazu beizutragen, unangreifbare Aufklärung zu betreiben und die Vorwürfe zu prüfen, die gegen mich erhoben wurden.

Die Vorwürfe sind falsch.

Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen BILD und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt. Die über mich schreiben, ohne mich vorher anzuhören, weil meine Antworten ihnen noch nie gepasst haben.

Euch, all unseren großartigen Reporterinnen und Reportern sage ich, dass ich nur eine Priorität habe: Die unwahren Vorwürfe gegen mich zu entkräften, ohne die Arbeit, die sie jeden Tag und oft unter großen Risiken leisten, zu belasten."

In einer Stellungnahme von Axel Springer heißt es weiter: "Die Axel Springer SE untersucht derzeit Hinweise auf mögliche Compliance-Verstöße innerhalb der Bild-Redaktion. Um eine sowohl zügige als auch sorgfältige unabhängige Aufklärung sicherzustellen, hat das interne Compliance-Management externe Experten hinzugezogen. Hierbei wird ergebnisoffen in alle Richtungen recherchiert und die Glaubwürdigkeit und Integrität aller Beteiligten bewertet. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Daher wird das Unternehmen derzeit keine weiteren Angaben zum Verfahren und zum Gegenstand der Vorwürfe machen.

Axel Springer hat immer und sehr grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen. Wenn aus Gerüchten über andere Personen konkrete Hinweise von Betroffenen selbst werden, beginnt das Unternehmen - wie im aktuellen Fall - sofort mit der Aufklärungsarbeit. Wenn aus Hinweisen Beweise werden, handelt der Vorstand.  Diese Beweise gibt es bisher nicht. Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen, ist in der Unternehmenskultur von Axel Springer undenkbar."

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