Jetzt spricht Julian Reichelt: "Das ist jetzt richtig spannend, oder?"

17.03.2021
 

Die Wochenzeitung Die Zeit hat Julian Reichelt in seinem Büro in Berlin besucht. Die Reportage gibt Einblicke in die Gefühlswelt des Bild-Chefs, gegen den eine Untersuchung läuft. Zugleich schreibt die Zeit, wie es nach dem Abschluss der internen Ermittlungen weitergehen könnte - dabei fällt auch der Name Gabor Steingart.

Die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit lässt in ihrer neuen Ausgabe Julian Reichelt selbst zu Wort kommen. Bislang hat sich der Bild-Chef nur intern geäußert.

Genauer gesagt, hat die Zeit Reichelt am vergangenen Dienstag um 10 Uhr morgens im 16. Stock des Springer-Hochhauses in Berlin besucht. Dort hat Reichelt sein Büro.

Die Zeit-Autoren Cathrin Gilbert, Hannah Knuth und Holger Stark beschreiben die Szenerie so: "Auf dem Tisch liegen drei Sonnenbrillen, daneben ein gefüllter Aschenbecher aus Porzellan, ein Bündel Ladekabel. In den nächsten Minuten kommen mehrere Männer herein: Co-Chefredakteur Paul Ronzheimer, Vize-Chef Jorin Verges, der sich als Krisenmanager vorstellt, sowie der Konzernsprecher Christian Senft. Als Reichelt zurückkommt, bittet er die Männer, den Raum zu verlassen."

Reichelt sagt demnach, dass er sich das erste Mal in seinem Leben einen Anwalt genommen habe und er lasse gerade eine eidesstattliche Versicherung ausarbeiten, in der er erkläre, seine Macht niemals gegenüber Mitarbeiterinnen missbraucht zu haben.

Weiter steht im Zeit-Artikel "Im Fahrstuhl mit Julian Reichelt": "Sein Handy klingelt. Eine Mitarbeiterin ist dran, sie will ihn offenbar informieren, dass sie zu ihren Erfahrungen mit ihm befragt werden soll. Er erwidert, es sei wichtig, dass sie die Wahrheit sage, über seine netten und nicht so netten Charakterzüge. 'Bloß nichts weglassen', sagt er. Sie solle nicht an sich zweifeln. Sie sei da, wo sie ist, weil sie gut sei - und nicht weil jemand sie grundlos gefördert habe. 'Hast du das verstanden'. Er wirft das Handy wieder auf den Tisch."

Gilbert, Knuth und Stark schildern Reichelt in diesem Moment als leise, mitgenommen, schwach. Seine Schwester habe ihn angerufen, als sie die Nachricht gelesen habe, und gefragt, was los sei, berichtet er den Zeit-Autoren nach deren Darstellung. "Er stützt den Kopf in die Hände. Reichelt weiß, dass er als Bild-Chef vielen Menschen wehgetan hat, auch intern. Er sagt, halb tastend, halb linkisch: 'Das ist jetzt richtig spannend, oder?'"

Ein paar Tage später habe seine Redaktion wieder den lauten, den rumpeligen Reichelt erlebt, der einen imaginären Feind von außen kreiere, um die Reihen nach innen zu schließen. "Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen Bild und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt", hat Reichelt am Samstagabend im redaktionsinternen Slack-Kanal geschrieben, aus dem auch kress.de zitiert hatte. "Die" und "wir", so habe Bild schon immer funktioniert. Aber diesmal laufe es anders. Diesmal komme der Gegenwind aus dem eigenen Haus. Vielleicht falle es Reichelt deshalb so schwer, zu verstehen, was gerade geschehe, heißt es in dem Zeit-Artikel.

Was als Beschwerde begann, habe sich längst von der Prüfung einzelner Fälle losgelöst. Für Reichelt, aber auch für Springer insgesamt gehe es um die großen Fragen: um modernen Führungsstil und darum, wie rau, männlich und zuweilen entwürdigend die Arbeitskultur in Europas reichweitenstärkster Zeitung sein dürfe.

Die Zeit-Autoren wollen wissen, dass man bei Springer für den Tag nach Abschluss der internen Ermittlungen bereits über einen Neustart nachdenkt: "Eine offene, auch schmerzhafte Diskussion über eine bessere Unternehmenskultur soll die Zeitung verändern - ob mit oder ohne Julian Reichelt", schreibt Die Zeit. Im Vorstand kursieren laut der Wochenzeitung aber auch bereits Gedanken zu möglichen Nachfolgern. Alexandra Würzbach, die interimsweise für Reichelt übernommen hat, werde gehandelt, ebenso der ehemalige Chefredakteur der Bild am Sonntag, Claus Strunz, der von Reichelt kürzlich in die Bild-Chefredaktion geholt wurde (kress.de berichtete). Auch der Name des ehemaligen Handelsblatt-Chefs Gabor Steingart falle. Steingart ist Gründer von Media Pioneer - an dem Axel Springer beteiligt ist.

Auf Twitter schreibt Zeit-Autorin Cathrin Gilbert zu dem Artikel: "Es war eine aufwühlende Woche: Bei jeder Recherche muss man aufpassen, dass man nicht instrumentalisiert wird. Ob von den vermeintlich 'Guten' oder von den vermeintlich 'Bösen'. Gerade deshalb sollte man mit allen sprechen und sich eine eigene Meinung bilden."

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Hintergrund: Am Samstagabend hatte Axel Springer mitgeteilt, dass Julian Reichelt, Vorsitzender der Bild-Chefredaktionen und Sprecher der Bild-Geschäftsführung, die Vorwürfe in der laufenden Compliance-Untersuchung weiter entschieden zurückweist.

Um eine ungestörte Aufklärung sicherzustellen und die Arbeit der Redaktion nicht weiter zu belasten, hat Reichelt den Axel-Springer-Vorstand darum gebeten, bis zur Klärung der Vorwürfe befristet von seinen Funktionen freigestellt zu werden. Die Freistellung ist inzwischen erfolgt, teilte Axel Springer am Samstagabend mit.

Die Führung der Redaktion übernimmt für diesen Zeitraum Alexandra Würzbach, Chefredakteurin Bild am Sonntag und Mitglied der Chefredaktion der Bild-Gruppe. Mehr über Alexandra Würzbach.

In einer internen Nachricht an sein Team, die kress.de vorliegt, erklärt Reichelt seine Entscheidung.

"Bild und die Menschen bei BILD sind mein Leben. Ich habe immer alles dafür getan, dass es BILD, dass es uns gut geht, und das tue ich auch heute, auch wenn es mir unendlich schwerfällt. Deswegen habe ich den Vorstand gebeten, mich vorerst zu beurlauben, um dazu beizutragen, unangreifbare Aufklärung zu betreiben und die Vorwürfe zu prüfen, die gegen mich erhoben wurden.

Die Vorwürfe sind falsch.

Ich werde mich gegen die wehren, die mich vernichten wollen, weil ihnen BILD und alles, wofür wir stehen, nicht gefällt. Die über mich schreiben, ohne mich vorher anzuhören, weil meine Antworten ihnen noch nie gepasst haben.

Euch, all unseren großartigen Reporterinnen und Reportern sage ich, dass ich nur eine Priorität habe: Die unwahren Vorwürfe gegen mich zu entkräften, ohne die Arbeit, die sie jeden Tag und oft unter großen Risiken leisten, zu belasten."

In einer Stellungnahme von Axel Springer heißt es weiter: "Die Axel Springer SE untersucht derzeit Hinweise auf mögliche Compliance-Verstöße innerhalb der Bild-Redaktion. Um eine sowohl zügige als auch sorgfältige unabhängige Aufklärung sicherzustellen, hat das interne Compliance-Management externe Experten hinzugezogen. Hierbei wird ergebnisoffen in alle Richtungen recherchiert und die Glaubwürdigkeit und Integrität aller Beteiligten bewertet. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Daher wird das Unternehmen derzeit keine weiteren Angaben zum Verfahren und zum Gegenstand der Vorwürfe machen.

Axel Springer hat immer und sehr grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Hinweisen und Beweisen. Wenn aus Gerüchten über andere Personen konkrete Hinweise von Betroffenen selbst werden, beginnt das Unternehmen - wie im aktuellen Fall - sofort mit der Aufklärungsarbeit. Wenn aus Hinweisen Beweise werden, handelt der Vorstand.  Diese Beweise gibt es bisher nicht. Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen, ist in der Unternehmenskultur von Axel Springer undenkbar."

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