Fall Reichelt: Wie würden die Leser entscheiden?

 

Ein Gedankenexperiment: Wir stellen uns vor, die Bild-Redaktion wäre bei ihrer Arbeit unbemerkt gefilmt worden und die Leser könnten jetzt alles sehen. Würde dann die Mehrheit denken, oh, das ist ja eine total dufte Truppe? Markus Wiegand im neuen kress pro über die eigentliche Botschaft des Falls Julian Reichelt.

In der Branche wird unterschätzt, wie lustvoll auch hochrangige Führungskräfte sich dem Klatsch und Tratsch der Branche hingeben. Derzeit spekulieren viele im Fall Reichelt munter über das Liebesleben des "Bild"-Chefs und seinen Führungsstil. Unser Mitleid dafür ist sehr eingeschränkt. Wer selbst über Jahre ein Geschäftsmodell betreibt, das ständig an der Grenze der Persönlichkeitsrechtsverletzung operiert, sollte in eigener Sache ein dickes Fell haben - oder die Branche wechseln.

Natürlich: Alles, was publiziert wird - egal, ob auf Social Media oder in den großen und kleinen Titeln -, muss natürlich stimmen und den üblichen Standards unterliegen. Und es war tatsächlich mehr als irritierend, wie viele Boulevardkritiker im Fall Reichelt genau auf die Mechanismen gesetzt haben, die sie sonst so eifrig kritisieren: Vorverurteilung, Zuspitzung, fehlende Anhörung des Betroffenen.

Die entscheidende Frage lautet übrigens nicht, ob Reichelt gegen Compliance-Regeln verstoßen hat. Wenn ja, dann muss er ohnehin gehen. Der Fall ist vielmehr eine klassische Corporate-Governance-Angelegenheit: Sieht so gute Unternehmensführung aus?

Wir treten Axel Springer sicher nicht zu nahe, wenn wir behaupten, dass Qualitäten wie Empathie und Selbstreflexion nicht das zentrale Kriterium waren, um Julian Reichelt die Führung von "Bild" anzuvertrauen. Er ist ein extremer Typ in einem extremen Geschäft.

Menschen wie Reichelt sind in den Medien sicher nicht die Regel, sie sind aber auch keine seltene Ausnahme. Das Muster ist in der Branche bekannt: Wer als Journalist erfolgreich ist, muss nicht zwangsläufig auch gut Menschen führen können. Im Gegenteil: Das System Journalismus belohnt oft Menschen, die sich in den Vordergrund spielen und die permanente Aufmerksamkeit brauchen, um sich zu motivieren. Wohl jede und jeder hat in der Berufslaufbahn schon Typen kennengelernt, bei denen das krankhafte Züge annehmen kann. Gerade dann sind sie als Führungskräfte ungeeignet, weil sie etwas Zentrales nicht verstehen: Die wichtigste Funktion einer Chefin oder eines Chefs ist es, die anderen besser zu machen. 

Noch immer schaffen in den Medien viele eine gute Karriere, die hervorragende Fachkräfte sind, deren Führungsqualitäten aber so hoch herausragend sind wie die norddeutsche Tiefebene. Während vielerorts bei Themen wie Transformation eifrig in Weiterbildung investiert wird, setzen viele Unternehmen bei den Führungsqualitäten lieber auf Learning by Doing.

Tipp: Mehr über den Fall Reichelt - und was beim Spiegel los ist, in kress pro

Springer und "Bild", die die Zustände in der Redaktion gerne als normal verkaufen, möchten wir einfach ein Gedankenexperiment vorschlagen. Man sollte die Dinge ja immer vom Kunden aus betrachten. Wir stellen uns vor, die "Bild"-Redaktion wäre in den vergangenen Jahren bei ihrer Arbeit unbemerkt gefilmt worden und die Leser könnten das Material jetzt sehen. Würde dann eine Mehrheit denken: Oh, das ist ja eine total dufte Truppe bei "Bild", die mit ihrem über die Maßen sympathischen Chef für Demokratie und Freiheit kämpft? Wenn man mit aktuellen und ehemaligen "Bild"-Mitarbeitern spricht, dann sind daran mehr als leise Zweifel erlaubt. Und das ist die eigentliche Botschaft des Falls Reichelt: Springer muss sich überlegen, welche Kultur das Unternehmen in Zukunft eigentlich will. Bisher hat man sich darum bei "Bild" jedenfalls herzlich wenig gekümmert.

Ich kann Ihnen übrigens verraten, dass Ihnen bei uns nur wenig entgeht, weil wir unsere Arbeit bei kress pro nicht filmen. Könnten Sie sehen, wie das Heft entsteht, würde Sie das vermutlich langweilen. Ich könnte auch nicht ausschließen, dass Sie das Niveau der Debatte und auch die Beiträge des Chefredakteurs gelegentlich etwas schlicht finden würden. Ich kann aber ausschließen, dass Sie uns für total irre und menschenverachtend halten würden. Sie können das für sich vermutlich ebenso ausschließen.

Glauben Sie mir: Das können nicht alle von sich behaupten.

Diese Gedanken bilden das Editorial zur neuen kress pro-Ausgabe. Titelthema: Was jetzt beim Spiegel läuft. Warum Chefredakteurin Barbara Hans wirklich gehen muss. Wie der Spiegel durch die Corona-Krise gekommen ist. Auf welche Strategie der Spiegel jetzt setzt. Wie viel Luft der Spiegel finanziell hat. Sie können die neue kress pro-Ausgabe in unserem Shop bestellen.

In der kress pro-Ausgabe 2/2021 erfahren Sie auch, warum Axel Springer im Fall Reichelt so spät reagiert hat, wer die wichtigsten Mediendesigner 2021 sind und wie Focus Online-Chef Florian Festl misst, ob seine Inhalte Lösungen bieten.

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kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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