Kann das gut gehen? Wie die Branche die Reichelt-Rückkehr bei Bild bewertet

26.03.2021
 

Der Spiegel schreibt von einem "Freispruch zweiter Klasse", Zeit Online von einer zerrissenen Redaktion. Die SZ erinnert an die Doppelspitze mit Tanit Koch und an eine Aussage von Mathias Döpfner. So berichtet die Branche über die Rückkehr von Julian Reichelt in die Bild-Chefredaktion.

Isabell Hülsen, Alexander Kühn, Martin U. Müller und Anton Rainer berichten im Spiegel: "Künftig muss Reichelt seine Macht teilen. Würzbach steigt nicht nur zur Co-Chefredakteurin auf, sondern auch zur Co-Geschäftsführerin von 'Bild'. Am Montag soll es ein virtuelles Meeting mit der Redaktion geben, Würzbach und Reichelt wollen gemeinsam Fragen beantworten. Es wird Reichelts erster Arbeitstag sein, seit er vor zwei Wochen freigestellt wurde, angeblich auf eigenen Wunsch, um interne Ermittlungen nicht zu stören."

"Reichelts Umfeld" soll die vergangenen Wochen als "eine der schlimmsten Phasen seines Lebens" bezeichnen, will der Spiegel wissen. Reichelt sei aber stets sicher gewesen, dass er zurückkehren werde. Der Vorwurf des Machtmissbrauchs sei von vornherein haltlos gewesen.

Würzbach gelte bei Bild von jeher als Feuerwehrfrau. Wenn es brenne, sei sie zur Stelle. Verschönere Texte, schleppe Geschichten an. Würzbach sei "ein altes Schlachtschiff, das jeden Sturm abwettert", zitieren die Spiegel-Autoren eine Bild-Redakteurin bewundernd. Andere würden Würzbach den "einzigen Kerl am Konferenztisch" nennen: Während manch anderer Hierarch verschüchtert dasitze, wenn Reichelt das Wort führe, halte sie dagegen.

"Dass Reichelt nur einen Freispruch zweiter Klasse bekommen hat, könnte zumindest eine Chance für Würzbach sein, in der Doppelspitze erfolgreicher zu bestehen als ihre Vorgängerin Tanit Koch. [...] Anders als das Duo Koch/Reichelt verstehen Reichelt und Würzbach sich allerdings auch privat gut. Und: Würzbach zu düpieren, kann sich Reichelt kaum leisten", so Isabell Hülsen, Alexander Kühn, Martin U. Müller und Anton Rainer.

Hannah Knuth und Holger Stark schreiben bei Zeit Online: "Offen ist, wie Julian Reichelt die Zeitung in Zukunft effektiv führen will: Die Redaktion gilt als zerrissen, das Klima als vergiftet. Springer hat bereits angekündigt, eine tiefgreifende Reform in der Redaktion angehen zu wollen."

Die Zeit-Autoren berichten, dass Reichelt an diesem Dienstag von der Compliance-Abteilung des Springer-Verlags allgemein zu den Anschuldigen befragt worden sei. Weiter heißt es bei Zeit Online: "Nach Angaben von Beteiligten hielten die Juristen Reichelt keine Einzelfälle vor, in denen es Fehlverhalten gegeben haben soll - angeblich, um die Identität der betroffenen Frauen zu schützen. So kenne der Bild-Chef dem Vernehmen nach bis heute nicht die Details der in Rede stehenden Situationen; andersrum konnten weder Springer noch die Freshfields-Juristen Reichelt mit möglichen Widersprüchen konfrontieren, heißt es im Zeit Online-Bericht In der Befragung angesprochen wurde laut Zeit Online hingegen der Vorwurf des Drogenkonsums, der ebenfalls Teil der offiziellen Untersuchung war. Reichelt bestritt den Konsum von Kokain demnach.

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Laura Hertreiter erinnert in der SZ: "Reichelt hat die Bild schon mal in einer Doppelkonstellation mit einer Kollegin geführt, nicht lange allerdings. Als sich Tanit Koch 2018 verabschiedete, sagte Döpfner, die Aufteilung habe nicht funktioniert, 'weil diese Aufstellung nicht zu Bild passt. Bild braucht ganz klare Verhältnisse'."

Kai-Hinrich Renner bewertet die Reichelt-Rückkehr in der Berliner Zeitung so:

"Reichelts Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte ist mit einem erheblichen Machtverlust verbunden. Den Posten des Vorsitzenden der Bild-Chefredaktionen muss er sich nun mit der Bild-am-Sonntag-Chefredakteurin Alexandra Würzbach teilen. Die Journalistin, die in der Redaktion sehr beliebt ist, hatte Reichelt bereits während seiner Freistellung bei Bild vertreten. An seine Kollegin muss Reichelt die Zuständigkeit für das Personal- und Redaktionsmanagement abgeben. Ihm bleibt die Verantwortung für die gedruckte und die digitale Bild sowie für Bild Live. Tatsächlich ist der 40-Jährige bereits seit Mitte Januar operativ nicht mehr für den TV-Ableger tätig. Um das Tagesgeschäft kümmert sich dort Claus Strunz.

Auch die Bild-Geschäftsführung muss Reichelt sich ab sofort mit Würzbach teilen. Auf Verlagsseite dürfte sich zudem das für Bild zuständige Vorstandsmitglied Jan Bayer stärker einbringen. Bayer hatte auf dieser Position erst Mitte Dezember seine Vorstandskollegin Stephanie Caspar abgelöst. Er soll, wie es in Unternehmenskreisen heißt, federführend bei der Neuausrichtung der Führungskultur der Bild-Gruppe sein. Zu diesem Zweck wird es auch eine Mitarbeiterumfrage geben."

Tipp: General oder doch Sunshine? So tickt die neue Bild-Chefin Alexandra Würzbach

Hintergrund: Der Untersuchungsbericht des Compliance-Verfahrens bei Axel Springer liegt vor. "Auf Basis der vorliegenden Erkenntnisse" hat der Vorstand von Axel Springer beschlossen, dass Julian Reichelt seine Arbeit als Chefredakteur fortsetzen darf - künftig allerdings in einer Doppelspitze mit Alexandra Würzbach.

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Ihre Kommentare
Kopf

Thilo Segers

26.03.2021
!

Ich hoffe, Springer nimmt den Skandal zum Anlass, um interne Rechtsradikalismusnähe aufzuarbeiten. Beispiele: 1.) Kai Diekmann (Alter Herr der teils rechten Burschenschaft Franconia Münster, bis 2012 Teil der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, u.a. mit Danubia München). 2.) Alexander von Schönburg (durch Verbundenheit zum Institut St. Philipp Neri Berlin besteht Nähe zu Beatrix und Sven von Storch - AfD, rechte Lebensschutzvereine). 3.) Archivar Rainer Laabs (betrieb AfD-Propaganda auf Facebook)


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