Chefredakteur Alexander Graf: Wer nicht zweifelt, hat in diesem Job nichts verloren

06.04.2021
 
 

Das medium magazin hat sich in seiner aktuellen Ausgabe ganz dem Zweifel hingegeben. Der neue Chefredakteur Alexander Graf erklärt warum und wie er mit dem medium magazin eine Plattform für die journalistische Community bieten will.

Man könne an allem zweifeln, nur nicht an allem gleichzeitig, sagt die Bonner Philosophin Elke Brendel zu Jakob Augstein im Film "Die Wahrheitskrise". Der "Freitag"-Verleger reist darin durch Deutschland in Zeiten der Pandemie und versucht den vermeintlich ganz großen Fragen auf den Grund zu gehen. Ist Wissenschaft gleich Wahrheit? Gibt es eine Wahrheit über das Coronavirus? Neben Brendel trifft er dazu unter anderem auch den Virologen Hendrik Streeck und "SZ"-Edelfeder Heribert Prantl.

Philosophin Brendel meint also: Jeder Mensch benötigt in seinem Alltag bestimmte Gewissheiten. Sie sind das Fundament,auf dem Dinge infrage gestellt werden können. Weres einreißt, stürzt mit seinen Fragen ins Bodenlose. Für uns Journalistinnen und Journalisten ist das in einem besonderen Sinn bedeutsam. Denn der Zweifel gehört zu unserer beruflichen Grundausstattung, er ist ein unverzichtbarer Teil unseres Selbstverständnisses. Wer Aussagen von Quellen, offizielle Verlautbarungen und vermeintliche Gewissheiten nicht immer erst infrage stellt, hat in diesem Job eigentlich nichts verloren.Die Frage ist allerdings: Kann der Zweifel auch so weit führen, dass er unser Fundament zum Wackeln bringt? Dass wir beginnen, grundlegend an unseren Fähigkeiten, unserem Beruf, an uns selbst zu zweifeln?

Antworten darauf lesen Sie in unserem neuen medium magazin-Dossier. Es bietet künftig in jedem Heft auf einer Langstrecke ausreichend Platz, um ein Thema mal so richtig auseinanderzunehmen. In dieser Ausgabe habe ich mit Jakob Augstein gesprochen: Über seine Zweifel an der Corona-Berichterstattung und die Kritik, die ihm deshalb entgegenschlägt. Wenn er im "Freitag" über die Pandemie schreibt, flattern am nächsten Tag haufenweise Abokündigungen in den Verlag. Mit der Medienblase auf Twitter hat er es sich sowieso schon längst verscherzt: Seinen reichweitenstarken Account hat er im vergangenen Jahr entnervt gelöscht. Ich wollte von Augstein wissen, ob er da nicht manchmal an sich und seinem journalistischen Instinkt zweifelt. Seine Antwort lesen Sie ab Seite 42.

Unsere Autorin Anne Jeschke hat zudem ein eindrückliches Stück über ihren holprigen Weg als Arbeiterkind in den Journalismus geschrieben. Außerdem zeigen wir, wie Journalistinnen und Journalisten zunehmend unter Druck, prekären Arbeitsbedingungen und Hetze leiden, und suchen nach Wegen,um das Vertrauen der Leserinnen und Leser zu gewinnen.

Das Dossier ist aber nicht die einzige Neuerung in dieser Ausgabe des "medium magazins". Eine dürfte Ihnen sofort aufgefallen sein: Wir haben dem Heft ein frisches Layout verpasst. Außerdem werden Sie einige Gesichter ab jetzt häufigersehen. Michael Obert hat für seine Reportagen aus den Kriegs und Krisengebieten dieser Welt einen Preis nach dem anderen abgeräumt. Heute arbeitet er als Executive Coach und leitet die Reporterakademie in Berlin. In seiner neuen Kolumne vereint Obert regelmäßig das Beste aus beiden Welten und zeigt, wie Medienprofis in unruhigen Zeiten ihre innere Vision finden- ohne Esoterik und neoliberalen Zwang zur Selbstoptimierung. Außerdem packt Sebastian Meineck in jeder Ausgabe die drei besten Werkzeuge für die Onlinerecherche in seine Toolbox und fragt Kolleginnen und Kollegen nach ihren Erfolgsgeheimnissen für den Scoop im Netz.

Neu ist auch, dass Sie mein Gesicht an dieser Stelle sehen. Drei Jahrzehnte hat Annette Milz das "medium magazin" zuvor geleitet. Sie hat es mitgegründet und anschließend als Chefredakteurin mit beeindruckender Weitsicht und feinem Gespür zu einem unverzichtbaren Heft für die ganze Branche gemacht. Für ihr Vertrauen und die Chance, dieses erfolgreiche Projekt nun weiterführen zu dürfen, bin ich ihr sehr dankbar. Ganz in Annettes Sinne wollen wir auch in Zukunft eine offene Plattform für die journalistische Community in Deutschland bleiben. Ich freue mich deshalb immer über Anregungen und Kritik. Schreiben Sie mir, was Ihnen gefällt, was Sie nicht mögen und was Sie sonst noch mit Blick auf unseren Beruf bewegt (alexander.graf(at)mediummagazin.de).

Bleiben Sie uns treu - auch in Zeiten des Zweifels.

Autor: Alexander Graf, Chefredakteur medium magazin

Tipp: medium magazin 1/2021 können Sie jetzt im Oberauer-Shop bestellen. Titelgeschichte: Jakob Augstein wird für seine Positionen zu Corona heftig kritisiert. Warum eigentlich?

Hintergrund: Das medium magazin erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

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