Wir müssen uns nicht alles bieten lassen: Intendant Gniffke zum Angriff auf SWR-Journalisten bei Querdenker-Demo

06.04.2021
 

Bei einer Querdenker-Demonstration in Stuttgart gab es Übergriffe auf Journalistinnen und Journalisten. SWR-Intendant meldete sich dazu in einem Blogbeitrag zu Wort. Der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall fragt wütend: Was tut die Polizei?

"Der SWR-Reporter Thomas Denzel ist ein erfahrener Journalist. Bis vor einigen Wochen hat er als ARD-Korrespondent in Johannesburg über Länder wie Simbawe, Angola, Mosambik oder Südafrika berichtet. In dieser Region kann die Arbeit mitunter ziemlich gefährlich sein. Und dann kommt er zurück als Korrespondent ins vermeintlich friedliche Baden-Württemberg und wird bei der Arbeit in Stuttgart attackiert", schreibt SWR-Intendant Kai Gniffke in einem aktuellen Blog-Beitrag.

Etwa 10.000 Menschen haben am Samstag  in Stuttgart gegen die Corona-Politik demonstriert. "Dass der SWR darüber berichtet - eine Selbstverständlichkeit. Aber warum werden unsere Mitarbeitenden beleidigt, beworfen und behindert?", so Gniffke weiter. Ein Fotograf sei tätlich angegriffen worden.

"Wer sich einmal bei einer solchen Demonstration aufhält, spürt sofort, wieviel Emotionen hochkochen, wie dünnhäutig viele Demonstrierende agieren und sich allein durch ein Kamerateam oder eine Frage provoziert fühlen. Die SWR-Mitarbeitenden sind darauf vorbereitet, agieren besonnen und vermeiden die Eskalation. Sie sind auch nicht empfindlich. Aber es gibt Grenzen. Wir müssen uns nicht alles bieten lassen", betont Gniffke. Der SWR stehe uneingeschränkt zu seinen Mitarbeitenden, die eine unabhängige Berichterstattung sicherstellten. "Wir schützen unsere Leute durch Sicherheitspersonal vor Ort. Aber wir stehen ihnen auch juristisch zur Seite, wenn es zu Vorfällen kommt, die von den Ermittlungsbehörden verfolgt werden müssen."

Gniffke versteht eine gewisse Emotionalität: "Viele von uns fahren auf der letzten Rille. In vielen Haushalten liegen die Nerven blank, und nicht wenige Menschen bangen um ihre wirtschaftliche Existenz. Da ist die Aggression gegen Journalistinnen und Journalisten ein Ventil. Mal das Mütchen kühlen gibt einem für einen Augenblick das Gefühl, dem Kontrollverlust zu entgehen. Es ist leichter, seine Wut an Kamerateams auszulassen als an einem unsichtbaren Virus. Aber es ist völlig sinnlos, illegal und zutiefst verwerflich."

Am Samstag sei auf der Kundgebung der hohe Wert der Grundrechte beschworen worden. Wenn Demonstranten gleichzeitig mit dem Recht auf freie Berichterstattung Fußball spielten, erschienen all die pathetischen Reden schal und unglaubwürdig. "Lasst uns alle an die Regeln halten, die sich unser Land einmal aus guten Gründen gegeben hat. In der Ausnahmesituation der Pandemie sind Medien, die nach allen Seiten ebenso kritisch wie fair berichten, wichtiger denn je. Und noch mehr als sonst funktioniert unser Gemeinwesen nur, wenn wir einander mit Respekt und Rücksicht begegnen", so der Appell des SWR-Intendanten.

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Der DJV spricht von körperlichen Attacken und Steinwürfen gegen Journalisten. "Wieder einmal kennen die selbsternannten Querdenker keine Hemmungen, Berichterstatter als Ziel ihrer Wut anzugreifen", sagt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. "Das allein ist schon schlimm genug. Wütend macht mich die offensichtliche Untätigkeit der Polizeibeamten, die nichts für den Schutz unserer Kolleginnen und Kollegen unternehmen." Von den für den Polizeieinsatz Verantwortlichen erwarte der DJV klare Antworten, warum die Journalisten nicht ausreichend geschützt würden. Überall: "Was muss eigentlich noch passieren, bis die Sicherheitskräfte erkennen, dass Journalistinnen und Journalisten in Deutschland nicht mehr frei berichten können?"

Die künftige baden-württembergische Landesregierung fordert der DJV-Vorsitzende auf, für künftige Demonstrationen ein "überzeugendes Schutzkonzept" auszuarbeiten: "Herr Kretschmann, Sie sind für die Sicherheit der Journalisten verantwortlich!"

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