Wie die Krise den Job-Markt für Medienberufe durcheinanderwirbelt - und wo sie belebt

 

Gestärkt aus dem Homeoffice zurückkommen: Marius Luther, Gründer und CEO der Recruiting-Tech-Firma HeyJobs, rät im Köpfe-Interview Medien-Führungskräften, wie sie ihre Teams durch angespannte Zeiten führen, wie Dienstleister und Unternehmen zusammenrücken und wie man New-Work-Ideen fürs Rekrutieren nützt.

kress.de: Herr Luther, unruhige Zeiten, auch auf dem Arbeitsmarkt, aber viel Rückenwind für digitale Geschäftsmodelle: Wie stark ist in Ihrem Unternehmen zuletzt die Nachfrage nicht nur nach offenen Stellen, sondern auch der Beratungsbedarf bei Arbeitgebern, die sicher durch die Krise kommen wollen, gestiegen?

Marius Luther: Wir sehen einen starken Anstieg an Anfragen bei allen Arbeitgebern, die weiter rekrutieren. Zum einen gibt es die Corona-spezifischen Fragen: Wie organisiere ich am besten Homeoffice? Wie führe ich digitale Vorstellungsgespräche? Kann ich Mitarbeiter einstellen, ohne sie je gesehen zu haben? Wie unterschreibe ich rechtssicher digitale Arbeitsverträge? Was mich am meisten freut, ist eine persönliche Beobachtung: In der Krise rücken Unternehmen und Dienstleister enger zusammen und lernen auch voneinander. Immer mehr kehrt unsere Beratung aber zur Gretchenfrage deutscher Unternehmen der nächsten zehn Jahre zurück: Wie schaffe ich es in einem immer knapper werdenden Talent Pool erfolgreich zu rekrutieren? Wie schaffe ich es meine Stellen als attraktives Produkt darzustellen?

"E-Commerce Firmen sind ohne Zweifel die größten Krisengewinner und haben unglaublich viele neue Jobs geschaffen."

kress.de: Während ganze Branchen notgedrungen fast danieder liegen, erlebt E-Commerce einen Boom. Inwieweit spiegelt sich das auch in der Angebots- und Nachfrage-Situation bei den zugehörigen Jobs aus?

Marius Luther: E-Commerce Firmen sind ohne Zweifel die größten Krisengewinner und haben unglaublich viele neue Jobs geschaffen. Natürlich im digitalen Bereich, z.B. im Online Marketing aber auch in hoher Zahl im Kundenservice, im Lager und in der Logistik. Es war nicht immer einfach die Nachfrage nach Fachkräften hier voll zu bedienen, aber unsere Algorithmen haben sich immer besser angepasst und Quereinsteiger aus anderen Branchen gewonnen, die zur Zeit kein Jobangebot machen konnten. Da gab es dann Karrieresprünge vom Rezeptionisten im geschlossenen Hotel zum Kundenservice Mitarbeiter bei Zalando.

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kress.de: In welchen E-Commerce-Segmenten sehen Sie die größten Wachstumschancen und welche Art von Talente dürften es hier am leichtesten haben, rasch eine Karriere zu starten oder fortzusetzen?

Marius Luther: Die größten Wachstumschancen sehe ich überall dort, wo sich die nächste Generation von E-Commerce Modellen bildet. Sei dies ein Supermarkt ohne Laden und dafür mit 1000en Fahrradkurieren à la Gorillas oder ein Restaurant auf Rädern à la Hellofresh. Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere sind meiner Meinung nach die Werte und Einstellungen, die man als Mitarbeiter mitbringt: Denke ich mit und packe mit an? Löse ich Probleme? Strebe ich danach, besser zu werden? Arbeite ich im Team und auf das große Ziel hin? Fähigkeiten kann man (zumindest in der Wirtschaft) erlernen, eine Einstellung bringt man mit.

kress.de: Corona wirbelt natürlich alle Planungen durcheinander. Aber wie sehr verschlimmert die Krise auch künftig den Fachkräftemangel?

Marius Luther: Im ersten Moment haben natürlich viele gedacht, dass sie es jetzt vielleicht einfacher haben, Fachkräfte zu finden. Aber bei unseren Kunden ist momentan das Gegenteil ist der Fall. Das Handwerk verzeichnet Rekordaufträge (da während Corona jeder zu Hause geblieben ist und Haus und Hof verschönert hat), und in der Pflege verlassen (auch Corona-bedingt) mehr Menschen den Beruf als neue hinzukommen. Vor allem bei ortsgebundenen Rollen wie dem Solaranlageninstallateur oder dem Altenpfleger verschärft sich das Problem. Etwas Entspannung sehen die Unternehmen, die sich dazu entschlossen haben "fully-remote" zu rekrutieren, also z.B. IT-Entwickler auf der ganzen Welt zu suchen und zu beschäftigen. Das erweitert den Talentpool enorm, aber passt natürlich nicht für alle Berufsbilder.

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kress.de: Zumindest in der Anfangsphase der Krise galt lange das Modell der Kurzarbeit als Rettungsanker - auch in der Medienbranche. Warum geben jetzt doch immer mehr Unternehmen die Hoffnung auf und trennen sich von Mitarbeitern?

Marius Luther: In manchen Branchen können die Fixkosten wie Miete und Lager trotz Kurzarbeit schlicht nicht weiter getragen werden (Gastro, Hotel, Travel). Dann hat die Krise Unternehmen auch zu einem strategischen Umschwung gedrängt: Umschwung von stationären auf Online-Handel zum Beispiel, oder angesichts der Unsicherheiten die Priorisierung auf einige wenige Projekte und das Streichen neuer unerprobter Tätigkeitsfelder (sei es Launch eines neuen Produkts oder Expansion etc.). In der Krise verlassen wir uns erst mal auf das, was funktioniert. Aber es erwachsen natürlich auch neue Ideen. Bei HeyJobs haben wir z.B. im letzten Jahr ein Produkt für Homeoffice-Stellen entwickelt.

"Der Abbau von Medien-Stellen ist vor allem der Konkurrenz von digitalen Produkten und einer schrumpfenden Nachfrage geschuldet, was mich als leidenschaftlichen Leser traurig macht."

kress.de: Auch in renommierten Medienhäusern, darunter alteingesessen Verlagen werden Stellen abgebaut. Wann könnte sich dieser Job-Markt aus Ihrer Perspektive wieder drehen?

Marius Luther: Wenn ich das richtig beobachte, werden ja schon seit weit vor Corona Stellen in Verlagshäusern abgebaut. Ich denke der Abbau dieser Stellen ist vor allem der Konkurrenz von digitalen Produkten und einer schrumpfenden Nachfrage geschuldet, was mich als leidenschaftlichen Leser traurig macht. Wann sich dieser Job-Markt wieder drehen wird? Da bin ich tatsächlich überfragt. Wahrscheinlich wenn der kritische Konsument hochwertige und diverse Inhalte, in welchem Format auch immer (Buch, Hörbuch, Artikel, Video), in der Mehrzahl einfordert und dafür auch bereit ist, entsprechend zu zahlen. Oder aber neue Wege probiert werden, wie z.B. das Nutzen von AI in kreativen Prozessen. Das würde neue Fähigkeiten und  Stellen in Verlagen erfordern,aber auch, wenn nicht richtig eingesetzt, der Erstellung von diversen Inhalten entgegenwirken.

kress.de: New Work hat in den vergangenen Monaten viele Arbeitsformen radikal umgestaltet – notgedrungen. Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse, die Unternehmen aus den Homeoffice-Zeiten für die Zukunft mitnehmen könnten?

Marius Luther: Eine ad-hoc Umstellung auf digitale Prozesse und Arbeitsweisen funktioniert. Es ist (oftmals) einfacher, als gedacht und Menschen sind anpassungsfähiger, als wir es ihnen zutrauen. Ein Mix and Match aus Online und Offline ist der Schlüssel. Der Trend hin zum flexibleren Arbeiten wird Bestand haben, bei einem reinen Remote-Work-Konzept befürchte ich, dass die Unternehmenskultur, die Weiterentwicklung des Unternehmens und das persönliche Wohlbefinden des Mitarbeiters langfristig auf der Strecke bleiben.

"Wir haben alle durch die Krise hinzugelernt und sollten diese neue New-Work-Erfahrungen und -Bedürfnisse auch in Strukturen einfließen lassen."

kress.de: Wie stark rechnen Sie damit, dass Arbeitsuchende künftig Ihre möglichen Brötchengeber auch unter New-Work-Gesichtspunkten aussuchen?

Marius Luther: In gewissen Berufsfeldern rechne ich damit stark. Und diese Flexibilität sollte, im Einklang mit den Unternehmenszielen- und werten, auch gegeben werden. Wir haben alle durch die Krise hinzugelernt und sollten diese neue New-Work-Erfahrungen und -Bedürfnisse auch in Strukturen einfließen lassen. Auch bei HeyJobs überarbeiten wir zurzeit unsere Remote-Work-Policy. Das ist nicht immer einfach, aber wichtig.

kress.de: In vielen Verlagen, Fernsehsendern oder Werbeagenturen wurden in den Hochzeiten der Lockdown-Beschränkungen zuletzt Mitarbeiter per Videocall rekrutiert und eingestellt – teilweise, ohne dass sie überhaupt nur einmal vor Ort in den alten Büroräumen im Einsatz war. Wie wird man so ein verstolpertes Onboarding überhaupt noch ausgleichen können?

Marius Luther: Beim digitalen Onboarding fehlen natürlich ganz klar die kleinen und zufälligen Begegnungen mit Kollegen an der Kaffeemaschine oder auf dem Weg zum Mittagessen, die neuen Mitarbeitern die Unternehmenskultur näher bringen und die wir auch als Menschen alle brauchen. Das komplett auszugleichen, geht natürlich nicht. Aber man kann sehr nah da rankommen, dafür müssen aber auch alle Einsatz zeigen. Wir bei HeyJobs machen das z.B. so: Jeder neuer Mitarbeiter stellt sich kurz in unserem wöchentlichen Meeting mit der gesamten Firma vor und beantwortet in unserem HR-Tool einige Fragen über sich selbst (Lieblingsessen, Fun Fact...) Der Team Lead ist für einen gut durchdachten Onboarding-Schedule verantwortlich, dazu gehören nicht nur fachliche Meetings, sondern auch Coffee und Lunch Dates mit verschiedenen Teammitgliedern oder weiteren Mitarbeitern. Jeder Neuankömmling erhält einen sogenannten Buddy, der einem insbesondere in der ersten Zeit zur Seite steht und sämtliche Fragen beantwortet und sich um den neuen Mitarbeiter kümmert.

kress.de: war für Ihr eigenes Unternehmen die größte Herausforderung und welche neuen Arbeitsformen möchten Sie selbst auch in Zukunft nicht mehr missen?

Marius Luther: Unsere größte Herausforderung war der Team-Zusammenhalt. Denn technische Lösungen konnten wir schnell umsetzen, doch die Kultur, die uns so wichtig ist und auf die wir auch stolz sind, kann man nicht einfach mit einer Off-the-Shelf-Lösung abdecken. Dafür müssen alle an einem Strang ziehen. Rückblickend, glaube ich, haben wir das bisher ganz gut geschafft. Zum einen haben wir von Anfang an ganz transparent Herausforderungen und Gedanken kommuniziert. Zum anderen hat unser People-Team einen wahnsinnig tollen Job gemacht und mit kleinen und großen Aktionen (Obstkorb nach Hause, handgeschriebene Postkarten, virtuelle Team-Events, Team-Yoga, kleine Challenges etc.) den Zusammenhalt aufrecht erhalten. Aber auch die Team Leads haben mit ihrer Empathie und Kompetenz einen sehr großen Beitrag dazu geleistet.

"Als Führungskraft habe ich gesehen, dass man nicht zwangsläufig jeden Tag mit dem Team im selben Büro sein muss."

kress.de: Und was sollte aus Ihrer Sicht davon bleiben?

Marius Luther: Was ich in Zukunft nicht mehr missen möchte? Tools zum gemeinsamen und effektiven Brainstormen (wie z.B. Miro) und ein flexibleres Arbeiten in einer Office-First-Kultur. Als Führungskraft habe ich gesehen, dass man nicht zwangsläufig jeden Tag mit dem Team im selben Büro sein muss, um Geschäftsziele zu erreichen. Das geht genauso gut, wenn man ab und an in Ruhe von zuhause aus arbeitet oder auch mal zwei Wochen in die Sonne fliegt und dort seinen Laptop aufklappt. Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass eine reine Remote Policy weder der Unternehmenbsentwicklung noch dem Wohlbefinden des Mitarbeiters gut tut.

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