Exklusiv: Die schwierigste Frage im Leben eines Verlegers

 

Für viele Verlegerinnen und Verleger ist es die schwierigste Frage ihrer Laufbahn: Wer soll die Nachfolge übernehmen? kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand über ein überraschendes Eingeständnis von Hubert Burda, eine Weisheit von Dirk Ippen, die wichtigste Qualität eines Unternehmers - und die Geld-Frage.

Nur selten habe ich mich während einer Recherche so gut unterhalten gefühlt wie bei den Gesprächen zur Titelgeschichte dieser Ausgabe über die Nachfolgerinnen und Nachfolger in den wichtigen Familienunternehmen der Branche. Mit dem Stoff, wer was warum an wen vererbt, könnte man mühelos jede Nachmittagssoap im Fernsehen füllen. Es geht um Geld, Macht und Liebe - und immer auch um die Frage, wie der Übergang zur nächsten Generation gelingt. Vier Erkenntnisse.

1. Es gibt keine Alternative zum Verschenken

Wer möchte, kann sich in der Nachfolgefrage inzwischen durch ein Heer von Beratern unterstützen lassen. Dabei gibt es am Ende doch nur die eine Option: verschenken. An die eigenen Kinder, Vertraute oder verdiente Mitarbeiter. Vor zwei Jahren fragten wir Verleger Dirk Ippen im Interview: "Hat es Ihnen Mühe bereitet, Ihr Lebenswerk zu verschenken?" Er antwortete: "Das Gemüt sagt: ja. Aber der Verstand sagt mir, es ist an der Zeit. Petrus wird nicht fragen: Wie viele Zeitungen hast du mitgebracht?" Ippen hat daher seinen Neffen Daniel Schöningh, den langjährigen Manager Harald Brenner und seinen Sohn Jan Ippen beteiligt. Und zum 80. Geburtstag im vergangenen Jahr hat er angekündigt, weitere Anteile zu verschenken.

2. Manche Talente kommen erst spät zur Geltung

Auch bei der Auswahl der potenziellen Nachfolger lässt sich das Problem auf zwei einfache Fragen runterbrechen: Wer will es und wer kann es? Das ist in nicht wenigen Fällen vermutlich die schwerste Herausforderung im Leben einer Verlegerin oder eines Verlegers und fordert die wahrscheinlich wichtigste Qualität eines Unternehmers: Menschenkenntnis.

Doch auch nach der Entscheidung zeigt sich mitunter erst nach einiger Zeit, ob die Nachfolger geeignet sind. Hubert Burda und Dieter von Holtzbrinck etwa zählen zu den erfolgreichsten Verlegern ihrer Generation, die ihre Unternehmen zu internationalen Konzernen ausbauen konnten. Ihre Väter trauten ihnen zu Beginn allerdings kaum etwas zu. Nicht ganz zu Unrecht übrigens, wie Hubert Burda einmal dem "SZ-Magazin" erzählte: "Ich habe sieben Jahre lang nur Fehler gemacht. Dass ich das überhaupt überlebt habe, ist ein Kapitel für sich."

3. Konflikte gehören dazu

"Wer sagt, bei der Nachfolge gebe es keinerlei Probleme, sagt meistens nicht die Wahrheit", erklärte Verlagserbe Robert Reisch unserem Autor Henning Kornfeld. Und weil das so ist, sprechen nur wenige offen über das Thema. Wenn wir wissen wollten, was wirklich los ist, mussten wir also in den Hintergrund-Modus schalten und zusagen, die Vertreter der kommenden Generation nicht namentlich zu zitieren. Eigentlich ist es normal, dass es Interessenkonflikte in Familien gibt. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Mancherorts bis hin zu Konzernen wird der Streit von der Familie ins Unternehmen verlagert. Zum Schaden von allen.

4. Gemeinsame Werte als Stärke

Etwas verbindet fast alle Familienunternehmer in der Medienbranche: Es geht nicht nur ums Geld. Nun stehen Verlegerinnen und Verleger auch nicht gerade im Verdacht, Anführer karitativer Vereinigungen zu sein. Im Gegenteil: Viele Verlegerfamilien haben oft über Jahrzehnte große Vermögen angehäuft. Das Ziel war dabei aber fast nie Gewinnmaximierung. Oft sind die Unternehmen mit einer Region oder einer Branche eng verbunden und es gibt ein gemeinsames Sendungsbewusstsein, eine Haltung als Antrieb für das eigene Tun. Und dabei geht es oft genug darum, einen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft zu leisten.

Das ist vermutlich der größte Unterschied zu großen internationalen Konzernen wie Facebook und Google. Da zählt am Ende bei allem PR-Brimborium nur eines: schneller Profit. Welche gesellschaftlichen Fragen das Geschäft aufwirft, ist nur dann ein Thema, wenn die Profitabilität davon berührt wird. Eine mittelständische Medienbranche mit vielen familiengeführten Unternehmen, wie es sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt, ist daher auch in diesen unruhigen Zeiten der Transformation eine gute Wahl

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kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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