Söder vs. Laschet: Wir sollten lieber still sein

 

Im Machtkampf zwischen Armin Laschet und Markus Söder pegelten viele Medien am Rande der Empörung. Woher kommt nur die Überheblichkeit? In der Medienbranche werden Konflikte auch nicht anders ausgetragen. Ein Kommentar von kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand.

Wenn man die Berichterstattung der vergangenen Wochen über den Kanzlerkandidaten der Union verfolgt hat, dann konnte man ungefähr folgenden Eindruck gewinnen: Zwei machtgeile Politiker wollen sich die Herrschaft über Deutschland unter den Nagel reißen und kriegen es aber so gar nicht gebacken, diese doch so simple Frage zu klären, wer es denn machen soll. Motto: Es ist einfach sensationell dilettantisch, was da wieder so alles in Berlin passiert. 

Wenn Sie nicht wissen, was ich meine, schauen Sie sich das Kreuzverhör Laschets von Bettina Schausten und Peter Frey im ZDF ("Was nun?") nach der Entscheidung an. Gerne hätte ich zwischendurch mal gefragt, wie die beiden eigentlich in ihre Spitzenpositionen gerutscht sind. Wobei: Vielleicht waren beide bei ihrem Weg nach oben immer die einzigen Kandidaten. Falls nicht, wäre noch eine Pflichtfrage, was die unterlegenen Konkurrenten heute sagen. Und wer den Schwarzen Peter hat. Und man müsste dringend berichten, wer jetzt beim ZDF mit wem warum gar nicht mehr kann. Nach allem, was man so hört, sind öffentlich-rechtliche Anstalten in Personalfragen ja auch nicht immer Ort ganzheitlicher Harmonie. 

Das gilt für die gesamte Medienbranche. Wenn zwei wollen und nur einer kann, kommt's halt zum Kampf um die Macht. Harte Bandagen inklusive. Eine Auswahl der vergangenen zwei Jahre: Die "FAZ" hat ihren Herausgeber Holger Steltzner gefeuert, die "SZ" trennte sich von Onlinechefin Julia Bönisch, der "Spiegel" hat kürzlich seine Chefredakteurin Barbara Hans abgesetzt.

Bei "Bild", der Mutter aller Machtkämpfe, hat Julian Reichelt in den vergangenen Jahren mehr zwei Dutzend Führungskräfte verschlissen. Dass er zum Thema Liebe im Büro ganz eigene Vorstellungen hat, lassen wir mal bei Seite. Kanzler könnte er mit dieser Haltung zwar nicht werden, zum Glück für ihn sind die Ansprüche an den Chef der größten deutschen Zeitung aber deutlich tiefer.

Wir könnten die Liste der Machtkämpfe mühelos um TV-Unternehmen oder Regionalzeitungen erweitern. Sie sehen: Wir arbeiten selbst in einer Branche, in der sich nur eine Minderheit Chancen ausrechnen darf, einmal als Mensch des Jahres nominiert zu werden. Dennoch nehmen wir uns in großer Mehrheit heraus, Söder und Laschet vorzuwerfen, dass sie sich einen unwürdigen Machtkampf um die Kandidatur geliefert haben. Ganz ehrlich: Glaubwürdigkeit in eigener Sache geht anders.

Söder und Laschet haben sich einen beinharten Kampf um die Macht geliefert. Na und? Natürlich konnten sie sich nicht auf ein Verfahren einigen, weil das Prozedere das Ergebnis vorweg genommen hätte, wie beispielsweise Zeit online richtig beschrieb. Der Wettbewerb um Ämter ist in der Demokratie ist nicht nur normal, sondern wünschenswert. Wenn Journalisten wie Robin Alexander ("Welt") oder Paul Ronzheimer ("Bild") dann ihre Erkenntnisse aus der CDU-Sitzung per Live-Ticker und Twitter teilen, ist das Ganze doch eine vergleichsweise transparente Veranstaltung. 

Man sollte die Personalfrage nur nicht maximal aufblasen und sich anschließen empören, wie schrecklich das alles ist. Vielleicht wäre es jetzt auch mal langsam an der Zeit nicht ständig weiter drüber zu spekulieren, wer mit wem kann und wer nicht. Stattdessen könnten sich die Politjournalisten mal der Frage zuwenden, was dieser Laschet und dieser Söder eigentlich wollen. Wäre für die Entscheidung bei der Bundestagswahl vielleicht ganz hilfreich.

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