Debatte um #allesdichtmachen-Aktion: Bild wirft ARD und ZDF Stimmungsmache vor

26.04.2021
 

In der Debatte um die Internetaktion #allesdichtmachen wird die Kritik an den prominenten Teilnehmern immer heftiger. Auf der Website der Gruppe gibt es eine erste Reaktion auf den Shitstorm. Die Bild-Zeitung wirft Journalisten von ARD und ZDF Stimmungsmache gegen die #allesdichtmachen-Aktion vor. UFA-Chef Nico Hofmann gibt einem WDR-Rundfunkrat Kontra.

Unter dem Motto #allesdichtmachen hatten Dutzende Film- und Fernsehschauspieler - darunter Stars wie Jan Josef Liefers, Heike Makatsch, Volker Bruch, Ulrich Tukur, Meret Becker und Richy Müller  - mit ironisch-satirischen Clips die Corona-Politik der Bundesregierung kommentiert. Die Videos waren am Donnerstag veröffentlicht worden und thematisierten etwa die politische Entscheidungsfindung oder die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie. Es hagelte Kritik und Unverständnis. Einige der Künstler ließen rasch ihre Clips löschen und entschuldigten sich, andere erklärten ihre Absichten.

Am Montag Vormittag waren noch 31 der ursprünglich 53 Videos abrufbar. Auf der Aktions-Website heißt es in einem am Wochenende veröffentlichten Statement: "Einige aus der Gruppe sind erschrocken über den Shitstorm und haben sich auf dieses Statement geeinigt. Andere ziehen es vor zu schweigen. Beides ist legitim und in Ordnung."

Weitere Zitate aus dem Text:

"Wir leugnen auch nicht Corona oder stellen in Abrede, daß von der Krankheit Gefahr ausgeht und Menschen daran sterben. Vielmehr geht es uns um die Corona-Politik, ihre Kommunikation und den öffentlichen Diskurs, der gerade geführt wird. Wir üben Kritik mit den Mitteln von Satire und Ironie. Wenn man uns dafür auf massivste Art und Weise beschimpft und bedroht, ist das ein Zeichen, dass hier etwas ins Ungleichgewicht geraten ist."

"Wir lassen uns auch nicht in eine Ecke stellen mit Rechten, Verschwörungstheoretikern und Reichsbürgern. Auch die AfD steht für alles, was wir ablehnen. Wenn man sich nicht traut, Selbstverständlichkeiten anzumahnen, weil man Applaus von der falschen Seite fürchtet, dann zeigt das allenfalls, daß der Diskurs in eine Schieflage geraten ist."

"Wir sind bei all jenen, die zwischen die Fronten geraten sind. Den Verängstigten, den Verunsicherten und Eingeschüchterten und jenen, die verstummt sind. Uns geht es darum, endlich offen, respektvoll und auf Augenhöhe miteinander zu reden."

Die Gruppe habe keinen "Kopf" und keine gemeinsame Stimme, wird in dem veröffentlichten Beitrag klargestellt. Das Projekt sei kollektiv entstanden, die Gruppe sei divers, die Meinungen ginge auch hier auseinander.

Am Ende wird erklärt: "Wenn Videos von dieser Seite verschwinden, dann heißt das nicht zwingend, dass die jeweiligen Leute sich distanzieren. Es kann genausogut bedeuten, dass jemand sich einfach nicht in der Lage sieht, diesen Shitstorm auszuhalten, oder seine Familie schützen will."

Eine Medien-Debatte zu #allesdichtmachen hat die Bild-Zeitung angestoßen: Sie wirft Journalisten von ARD und ZDF Stimmungsmache gegen die Schauspieler-Aktion vor.

Die Bild nennt Beispiele, darunter einen Kommentar von Marietta Slomka im "heute-Journal" (ZDF). Die Moderatorin habe gestichelt, dass all die Corona-Diskussionen "an 53 mehr oder weniger bekannten deutschen Schauspielern und Schauspielerinnen irgendwie vorbeigegangen" seien. 

Schauspieler Jan Josef Liefers sei bei seinem "Tatort"-Sender WDR "einbestellt" worden, um den Sachverhalt zu klären, schreibt Bild weiter. In der Sendung "Aktuelle Stunde" habe er sich "vorm WDR-Kollektiv rechtfertigen" müssen. Weiter heißt es: "Im Bericht vor dem Interview wird die Aktion schonmal scharf kritisiert, damit der Zuschauer Bescheid weiß. Ein Medienwissenschaftler und ein Regisseur rechnen mit den Schauspielern ab. Als einzige positive Stimmen zu ihren Videos werden 'rechte Netzwerke, Coronaleugner und die AfD' genannt."

WDR-Moderator Martin von Mauschwitz eröffnet das Streitgespräch (hier zum Nachlesen) mit Liefers so: "Ich will ehrlich sein, Herr Liefers, wir haben uns heute über Sie geärgert. Seit 14 Monaten arbeitet hier ein Riesenteam mit vielen guten Leuten bis zur Erschöpfung, um die Menschen im Land über die Pandemie möglichst gut zu informieren. Heute kommen Sie, ein WDR-Kollege, und sagen: Alles gleichgeschaltet und alarmistisch. Wie kommen Sie dazu?"

Das Interview wird auch auf dem YouTube-Kanal von "WDR aktuell" kritisiert: Ein tendenziöses, respektloses und ergebnisorientierstes Verhör habe hier stattgefunden, schreibt jemand. Ein anderer kommentiert: "Es hat eher den Anschein eines Verhörs, denn eines Interviews. Der Moderator disqualifiziert und entlarvt sich selbst, während Jan Josef Liefers souverän, besonnen und freundlich bleibt. Dieses Interview sagt alles über den Zustand dieser Gesellschaft und Medienlandschaft aus."

Medienprofi Andreas Hallaschka meldet sich auf Twitter zu dem Beitrag zu Wort: "Wenn man #Liefers zu seinem #allesdichtmachen Statement kritisch befragen möchte, was ich sehr richtig finde darf man keinen Journalisten schicken, der handwerklich und intellektuell dergestalt unbewaffnet ist. Denn sonst endet man bei einem keifenden Moderator und einem ruhig konternden #Liefers, der als überzeugend seine Punkte macht."

Jan Josef Liefers gehört als Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne zum Team Münster des ARD-Tatorts. Die Folgen gehören zu den beliebtesten der Krimi-Reihe.

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Zu Liefers und seinem Schauspiel-Kollegen Ulrich Tukur (ebenfalls "Tatort") hatte sich am Freitag auch WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin geäußert. Auf Twitter schrieb Duin: "Jan Josef Liefers und Tukur u.a. verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an ‚den Medien‘ und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen." Aus diesen Gründen forderte Duin Konsequenzen für die Schauspieler. Sie hätten sich als Vertreter der öffentlich-rechtlichen Sender "unmöglich" gemacht. Die zuständigen Gremien müssten die Zusammenarbeit – auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – "schnellstens beenden". Daraufhin entlud sich ein Shitstorm gegen den SPD-Politiker. Der Tweet ist mittlerweile gelöscht. "Eine Stunde Shitstorm ist mir persönlich genug", schrieb Garrelt Duin. Am gleichen Tag äußerte der WDR-Rundfunkrat selbstkritisch: "Der Tweet heute Morgen war Mist. Inhaltlich überzogen und meiner Rolle als Mitglied im Rundfunkrat nicht angemessen. Meine Kritik, dass angesehene Leute sich leichtfertig in die Nähe von Querdenkern und anderen Trollen begeben haben, bleibt."

Zur #allesdichtmachen-Aktion und indirekt zu Rundfunkrat Duin hat auch UFA-Chef Nico Hofmann in einem Video-Interview bei Bild deutliche Worte gefunden. "Das ist ganz schlimm. Ich kann nur alle bitten, zu einer großen Solidarität zurückzukehren. Auch Rundfunkräte, die jetzt Berufsverbote fordern oder Morddrohungen, das ist absolut indiskutabel und führt auch zu einer Hass-Orgie. Die finde ich völlig daneben und ich lehne das auch ab", so Hofmann. Der Film-Produzent findet es "absolut unmöglich", wenn Schauspieler in dieser Art und Weise angegriffen werden. "Das geht gar nicht. Und schon gar nicht im demokratischen Verbundsystem."

Hofmann selbst sieht keinen Grund, die an der Kampagne beteiligten Schauspieler künftig zu meiden: "Keine Sekunde würde ich darüber nachdenken, mit irgendjemandem dieser Gruppe nicht zu arbeiten. Ganz im Gegenteil. Ich würde mit jedem arbeiten. Die Grundvoraussetzung der Diskussion, die lange, lange Zeit, die sich alle überlegt haben, dass sie überhaupt aktiv werden - das muss man erst mal respektieren in einer Gesellschaft wie dieser."

Dass die Kampagne #allesdichtmachen auf viel Kritik stoßen würde, hatte der Film-Produzent bereits geahnt, sagt er im Bild-Interview. "Ich war über viele Wochen auch involviert, weil mich viele Kolleginnen und Kollegen angerufen haben. Und ich habe immer davor gewarnt, dass diese Art von Ironie, von Satire ein ganz schmaler Grat ist, der wirklich von antidemokratischen und auch rechten Kräften ausgenutzt werden kann. Und das ist jetzt auch passiert. Das war für mich absehbar."

Hintergrund: Die Kunst- und Kulturszene leidet seit mehr als einem Jahr schwer unter den Corona-Maßnahmen. Laut dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) etwa haben viele der Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum Einkommen. Dem Verband zufolge leben zwei Drittel bis drei Viertel aller Schauspielerinnen und Schauspieler von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten können. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 15 000 bis 20 000 Schauspieler.

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