Exklusiv: Lieber Recherche als Katzen-Content - UseTheNews-Studie zur Nachrichtennutzung der Jüngeren

 

Die dpa und der Hamburger Senat haben im Rahmen ihres Projekts UseTheNews untersuchen lassen, ob und wie junge Menschen journalistische Nachrichten nutzen und wie gut informiert sie sind. Professor Uwe Hasebrink, Direktor des Leibniz-Instituts für Medienforschung, sagt im Exklusiv-Gespräch mit kress, was Jugendliche und junge Erwachsene am Nachrichtenjournalismus schätzen und was sie vermissen.

"Relevante Teile der jüngeren Zielgruppen nutzen Nachrichtenjournalismus und erkennen ihn als solchen an. Sie nehmen seine Differenz zu nicht-journalistischen Informationsangeboten wahr und schätzen sie." Das ist eine zentrale Botschaft, die Professor Uwe Hasebrink, Direktor am Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut (Hamburg), aus der Studie "Nachrichtennutzung und Nachrichtenkompetenz im digitalen Zeitalter" ableitet. Um Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen, sollten Medien daher durch solides Handwerk und verlässliche Inhalte für sich werben, statt sich bei ihnen anzubiedern oder lautstarke Influencer nachzuahmen, so der Rat des Kommunikationswissenschaftlers.

Die am Mittwoch vorgestellte Studie ist ein Baustein des von der dpa und dem Hamburger Senat initiierten Projekts UseTheNews. Gestützt auf empirische Einsichten wollen die Nachrichtenagentur und die Behörde zusammen mit weiteren Partnern auch Konzepte für die Vermittlung von Nachrichten-Grundwissen in Schulen entwickeln und ein Medienlabor aufbauen, in dem neue Nachrichtenformate speziell für Jüngere entstehen. Hasebrink & Co. haben für die Studie in Face-to-Face-Befragungen untersucht, welche journalistischen und nicht-journalistischen Nachrichtenangebote Jugendliche (14 bis 17 Jahre), junge Erwachsene (18 bis 24 Jahre) und ältere Erwachsene (40 bis 50 Jahre) jeweils nutzen, wie gut sie informiert sind und welchen Einfluss das auf ihre Meinungsbildung hat.

Großes Informationsgefälle
: Wenn Hasebrink von "relevanten Teilen" der jüngeren Zielgruppen spricht, meint er allerdings nicht die Mehrheit. Etwa die Hälfte der Jugendlichen hält es laut der Studie nicht für wichtig, sich überhaupt über Neuigkeiten und aktuelle Ergebnisse zu informieren. Das Team des Leibniz-Instituts hat in allen untersuchten Altersgruppen vier Typen identifiziert, die sich im Hinblick auf ihr Interesse an Nachrichten, die Nutzung journalistischer und nicht-journalistischer Quellen und ihre Informiertheit unterscheiden. Zur Gruppe der "journalistisch Informationsorientierten" mit einem hohen Interesse an Nachrichten und umfangreicher Nutzung journalistischer Quellen gehört nur ein Viertel der 14- bis 17-Jährigen, aber immerhin knapp die Hälfte (44 Prozent) der 18- bis 24-Jährigen. Auffällig ist, welche Rolle in dieser Altersgruppe Bildung für Nachrichtennutzung und -kompetenz hat: Der Anteil der "gering Informationsorientierten" ist bei den Jugendlichen mit niedriger Bildung mehr als doppelt so hoch wie bei ihren Altersgenossen mit hoher Bildung (52 vs. 25 Prozent). Bei der Gruppe der 40- bis 50-Jährigen sind die "journalistisch Informationsorientierten" hingegen in der Mehrheit, und Bildungsunterschiede spielen nur noch eine geringe Rolle. Die Studie erlaubt allerdings keine Rückschlüsse darauf, ob sich in den vergangenen Jahren der Anteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen vergrößert hat, die sich für Nachrichten nicht interessieren und journalistische Angebote links liegen lassen.

Journalismus konkurriert stark mit anderen Informationsangeboten: Dass das Interesse an öffentlichen Angelegenheiten und Medien, die darüber berichten, bei Jugendlichen erst nach und nach einsetzt und insgesamt geringer ist als bei Erwachsenen, ist ein naheliegender und bekannter Befund. Die Studie des Leibniz-Instituts zeigt darüber hinaus, dass journalistische Angebote in der Wahrnehmung der Jüngeren heute stark mit anderen Informationsangeboten konkurrieren und oft nur auf verschlungenen Pfaden zu ihnen durchdringen. Während sich knapp die Hälfte der befragten Jugendlichen (46 Prozent) mehrmals pro Woche journalistischen Angeboten widmet, schaut deutlich mehr als die Hälfte (58 Prozent) auch auf nicht-journalistische Akteure. "Für frühere Generationen war es in einer überschaubaren Medienlandschaft leichter, sich zu orientieren", sagt Hasebrink. "Man wusste, dass man nur um 20 Uhr den Fernseher anmachen musste, um sich in der Tagesschau über das aktuelle Geschehen zu informieren." Solche im Alltag verankerten Routinen können heute nicht mehr vorausgesetzt werden. "Die Art, wie Journalismus an jüngere Zielgruppen herankommt, ist vielfältiger geworden." Das erschwere Jugendlichen und jungen Erwachsenen oft, eine Nachricht einzuordnen. Gelangt sie zum Beispiel über soziale Medien zu ihnen, erkennen sie ihre ursprüngliche Herkunft nicht ohne Weiteres und verbänden sie nicht unbedingt mit einer journalistischen Marke.

Junge vermissen bei Nachrichten den Bezug zum eigenen Leben: Selbst von den Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit dem stärksten Bezug zu klassischen Medien, den "journalistisch Informationsorientierten", vermissen viele (knapp 40 Prozent) den Bezug journalistischer Nachrichten zu ihrem Alltag. Die Empfehlung der Forscher des Leibniz-Instituts an Medienschaffende lautet daher, die Alltagsrelevanz ihrer Angebote stärker zu reflektieren, deutlicher herauszuarbeiten und häufiger aus Sicht der Zielgruppe vernachlässigte Themen aufzugreifen. "Themen wie Umwelt, Regionales, Wissenschaft und Technik oder Kultur werden von den Jüngeren eher als relevant wahrgenommen als an etablierten Akteuren orientierte Berichte, etwa über die letzte Kabinetts- oder Bundestagssitzung", sagt Hasebrink. Den Ansatz, Jüngere durch vermeintlich auf ihr Alter zugeschnittene Nachrichtenangebote zu erreichen, sieht er aber eher skeptisch: Die Zielgruppe sei sehr dynamisch und reagiere empfindlich, wenn sie das Gefühl habe, nicht für voll genommen zu werden.

Influencer wahrnehmen und in der Berichterstattung berücksichtigen: Nicht-journalistische Quellen wie Institutionen, Organisationen oder prominente Einzelpersonen (Stars, Aktivisten, Influencer) spielen vor allem in der Gruppe der "nicht-journalistisch Informationsorientierten" eine wichtige Rolle für die Meinungsbildung. Das sind diejenigen, die zwar ein gewisses Interesse an Nachrichten haben, aber überhaupt keine journalistischen Quellen nutzen. "Journalisten haben nicht mehr das Monopol für Informationen über öffentliche Angelegenheiten, auch Influencer tragen dazu bei", sagt Hasebrink. "Es ist wichtig, wahrzunehmen und zu thematisieren, was in der Influencer-Szene passiert. Für jüngere Zielgruppen ist sie auch als Thema der Berichterstattung hoch relevant." Mit ihren jeweiligen Stärken wie Persönlichkeit, Witz oder Frechheit ergänzten Influencer das Spektrum der Informationsangebote, analysiert der Kommunikationswissenschaftler. Medien sollten aber nicht versuchen, sie zu kopieren, sondern ihre eigenen Stärken betonen.

Soziale Medien füttern, aber nicht nachahmen: Aus Sicht jüngerer Nutzer spielen journalistische Nachrichteninhalte in sozialen Medien eine vergleichsweise geringe Rolle, in Summe sind diese Medien für die Angehörigen dieser Altersgruppe aber dennoch zur wichtigsten Informationsquelle geworden. Das bestätigt auch die Studie des Leibniz-Instituts. Hasebrink warnt aber vor einem Fehlschluss: Jüngere, die sich aus journalistischen Quellen informieren, tun das praktisch nie ausschließlich über Facebook, Instagram & Co. "Unter denjenigen, die auf sozialen Netzwerken journalistische Nachrichten nutzen, gibt es buchstäblich niemanden, der parallel nicht auch zumindest ab und zu Nachrichten etablierter Medien wie Fernsehen oder Radio nutzt", sagt er. Auch die Jüngeren nutzen und schätzen Journalismus, weil und insofern er als solcher erkennbar ist. Aus dieser Erkenntnis zieht Hasebrink auch eine Folgerung für den Umgang von Medien mit den Netzwerken: "Journalismus sollte nicht der Versuchung erliegen, der medialen Logik von sozialen Medien zu sehr hinterherzulaufen", meint er. "Für Journalisten ist es vielleicht nur schwer auszuhalten, dass Katzenvideos, provokante politische Inhalte oder gut gemachte Gags dort millionenfach geteilt und gelikt werden. Ein nachhaltigerer und erfolgversprechender Weg, um die Erwartungen der Jüngeren zu erfüllen, ist es aber, sie durch Recherche und Tiefgang für das Konzept Journalismus zu gewinnen."

Jungen Menschen sind Fakten wichtiger als die Meinung von Journalisten: Wie die älteren Erwachsenen auch schätzen jüngere Nutzerinnen und Nutzer am professionellen Journalismus die Vermittlung von Fakten und die Analyse des aktuellen Geschehens, während die persönliche Meinung der Journalisten nur für einen kleinen Anteil relevant ist. Der informative Bericht stehe im Mittelpunkt des Interesses, sagt Hasebrink, Meinung werde nur als ergänzendes Element betrachtet. Wichtig sei es zudem auch, einen Kommentar als solchen zu kennzeichnen. "Medien sollten nicht der Versuchung erliegen, knackiger, peppiger und meinungsfreudiger zu sein, um speziell Jugendliche zu erreichen", rät er. "Sie erkennen Journalismus auch daran, dass dort abgewogener berichtet wird."

Wer Medien nutzt, kennt sich besser aus: An Journalismus und Nachrichten Interessierte kennen sich bei Fragen zu Gesellschaft und Politik sowie zeitgenössischen Themen besser aus als ihre übrigen Altersgenossen. So wusste eine große Mehrheit der 14- bis 17-jährigen, die journalistische Angebote intensiv nutzen, jeweils, wer Bundespräsident ist und was es mit der Fracking-Methode auf sich hat, während die meisten anderen Jugendlichen diese Frage nicht richtig beantworten konnten Das Wissen über Funktionen und Arbeitsweisen des Journalismus ist laut der Studie aber bei allen Jugendlichen eher gering.

Mitreden-Wollen ist entscheidendes Motiv für die Nachrichtennutzung: Sowohl Jugendliche als auch junge Erwachsene haben ein entscheidendes Motiv, um sich durch Nachrichten auf dem Laufenden zu halten: Sie wollen insbesondere im Freundeskreis, aber auch in der Familie, in der Schule und später auf der Uni oder bei der Arbeit mitreden können. Der Wunsch, dadurch der Rolle als Bürger oder Bürgerin gerecht zu werden oder einen Beitrag zur Demokratie zu leisten, wird zwar mit zunehmendem Alter größer, bleibt aber zweitrangig.

Gendern hat keine Top-Priorität
: Die Hamburger Medienforscher haben auch nach speziellen Aspekten der Berichterstattung gefragt. Sie wollten zum Beispiel wissen, wie wichtig Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Verwendung geschlechtersensibler Sprache dort ist. Bei den 14- bis 17-Jährigen beantworteten nur 14 Prozent der Jungen und 36 Prozent der Mädchen diese Frage mit "äußerst und sehr wichtig" (bei den jungen Erwachsenen ist der Anteil geringfügig höher). Das Thema hat für diese Gruppen offenbar nicht den Stellenwert, den es in der öffentlichen Diskussion gelegentlich einnimmt. Im Hinblick auf die Mediennutzungstypen liegt es den "umfassend Informationsorientierten" am meisten am Herzen, jenen Nutzerinnen und Nutzern also, die sowohl journalistische als auch nicht-journalistische Angebote stark nutzen. Immerhin für 42 Prozent hat es eine sehr hohe Priorität.

Hintergrund: Die dpa und die Hamburger Behörde für Kultur und Medien haben das Projekt UseTheNews vor einem Jahr gestartet. Weitere Partner sind unter anderem der Verband der Zeitungsverleger BDZV, die öffentlich-rechtlichen Sender SWR und NDR, die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein, der "Spiegel" und die Verlagsgruppen NOZ Medien und Funke. 
Für die Studie "Nachrichtennutzung und Nachrichtenkompetenz im digitalen Zeitalter" hat das Team des Leibniz-Instituts für Medienforschung jeweils 500 Personen aus den Altersgruppen 14 bis 17, 18 bis 24 und 40 bis 50 Jahre befragen lassen. Die Stichproben bilden ein strukturgleiches Abbild der deutschsprachigen Bevölkerung in Privathaushalten in den jeweiligen Altersgruppen hinsichtlich Alter, Geschlecht, Region und Bildung (je 50 Prozent formal hoch und formal niedrig). Die Feldarbeit durch die Gesellschaft für Innovative Marktforschung (GIM) erfolgte im Herbst 2020. Neben der quantitativen Forschung durch die Studie gab es auch acht Gruppendiskussionen mit 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Deren Ergebnisse hat die dpa hier veröffentlicht.

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