Wie radikal Vorstand Wolfgang Link ProSiebenSat.1 umkrempelt

 

Ernsthaftigkeit und eine Rückbesinnung auf alte TV-Stärken: Seit einem Jahr ist Wolfgang Link im dreiköpfigen ProSiebenSat.1-Vorstand fürs Kerngeschäft Entertainment zuständig. Im kress pro-Interview berichtet er, wie hoch sich Bewerbungen für die News-Sparte bei ihm stapeln - und warum er gerne Italienisch lernen würde.

kress pro: Herr Link, Coronabedingt kamen zuletzt viele TV-Themen auf Ihren Tisch, die man bei ProSiebenSat.1 nicht unbedingt als Erstes erwartet hätte - darunter viele Info- und Sondersendungen. Zum Teil waren das Formate, die mit gar nicht so viel Bauchgrimmen vielleicht sogar auf öffentlich-rechtlichen Sendern hätten laufen können. Wie wollen Sie diesen Rückenwind bei der Gruppe halten? 

Wolfgang Link: Diese Sondersendungen waren für die gesamte Gruppe ein irrsinniger Kraftakt. Umso mehr fühlen wir uns in der Entscheidung bestätigt, wieder einen eigenen News-Bereich aufzubauen. 

kress pro: Ihr Chefredakteur der Seven.One Entertainment Group, Sven Pietsch, war ja einer der wenigen, die fast wie abgeschirmt so gut wie ständig im Sender waren. 

Wolfgang Link: Er ist es nach wie vor täglich. Und hat ein sehr ausgeklügeltes System entwickelt, welche Redakteure wann vor Ort sein müssen oder aus dem Homeoffice arbeiten. Es war und ist ein Hin- und Hergeschiebe von Einsatzplänen, das Team hat bis heute einen wirklich tollen Job gemacht. Die vielen Sondersendungen und Newsflashes haben letzten Endes auch dazu geführt, dass viele den Wert von linearem Fernsehen noch einmal ganz neu bewerten.

kress pro: Wie denn genau? 

Wolfgang Link: Dass lineares Fernsehen nach wie vor funktioniert. Die Menschen suchen dort nach aktueller Information, aber wollen auch die großen Lagerfeuer-Sendungen, um mitreden zu können. Und sie wollen Live-Sport-Events sehen, deswegen haben wir im letzten Jahr auch wieder Rechte an der Bundesliga gekauft. Dazu kommt, dass sich die Menschen wieder mehr für Politik interessieren. Der Hunger nach News, was wirklich passiert in unserem Land und auch international, ist stark gestiegen, auch bei jüngeren Zuschauern - und das nicht nur in Coronazeiten. Diesem Hunger müssen und wollen wir gerecht werden, da haben wir als Unternehmen auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Und die nehmen wir ernst. 

kress pro: So was sagt man ja gerne, aber wie füllt man es tatsächlich mit Leben? 

Wolfgang Link: Neben unseren starken lang laufenden Infotainment-Marken wie "Galileo" oder "Taff" zeigen wir das erfolgreichste Frühstücksfernsehen Deutschlands. In der Newsberichterstattung wollen wir aber noch flexibler werden. Wir wollen die Nachrichten wieder inhouse produzieren. 

kress pro: Eine Rolle rückwärts. 

Wolfgang Link: Das sehe ich anders. Ab 2023 produzieren wir die Nachrichten für unsere Sender bei uns wieder selbst und bauen eine eigene Nachrichtenredaktion auf. Die Welt-Gruppe, die unsere Nachrichten im Moment produziert, macht das übrigens sehr gut. Aber wenn wir den News-Bereich hier bei uns in Unterföhring haben mitsamt Studios, sind wir flexibler und unabhängiger. So kann ich aus den News heraus auch einen Abstrahleffekt auf andere Programmflächen steuern. Und aus solchen Redaktionen entwickeln sich ja auch gern ganz neue Dinge - etwa neue Formate und Magazine. Daraus kann noch viel mehr entstehen.

Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen

kress pro: Inwiefern? 

Wolfgang Link: Wir wollen auch neue Entwicklungen etwa mit Protagonisten wie Jenke von Wilmsdorff oder Sendungen wie die vielbeachtete Rechtsradikalen-Doku von Thilo Mischke stark forcieren. Oder Ad-hoc-Entwicklungen wie zuletzt den Corona-Live-Talk bei ProSieben. Das sind alles Beispiele für Formate jenseits der klassischen News, die mir wichtig sind. Da wollen wir mehr machen. Und mit einer News-Redaktion im Haus geht das leichter.

kress pro: Unter dem früheren CEO Thomas Ebeling galt eine News-Redaktion im Konzern hauptsächlich als Kostenverursachungsfaktor. Den einstigen ProSiebenSat.1-Sender N24 verkaufte er dann an Springer. Was kam denn beim neuen Nachrechnen heraus? 

Wolfgang Link: Es war eine sehr andere Zeit und eine komplett andere Phase, in der sich das Unternehmen damals befand und in der Thomas Ebeling damals Entscheidungen treffen musste. 

kress pro: Das heißt, Sie können sich auch wieder einen eigenen Sender wie damals N24 vorstellen? 

Wolfgang Link: Wir bauen jetzt eine eigene Nachrichtenredaktion auf, das ist für mich eine ganz wichtige strategische Säule für unser künftiges Content-Geschäft.

kress pro: Mit wie vielen Mitarbeitern planen Sie denn für die News-Abteilung, wie viele sind schon an Bord: Wie hoch stapeln sich die Bewerbungen auf Ihrem Tisch? 

Wolfgang Link: Sie stapeln sich tatsächlich, und das Recruiting läuft. 2023 wollen wir aus den neuen Studios, die im Rahmen unseres Umbaus entstehen, senden. Am Ende wird es eine circa 60-köpfige reine News-Redaktion. 

kress pro: Und die kommt dann auch so zum Einsatz, dass in News-Lagen nicht gerade eine Naturdokumentation oder ein Quiz läuft? 

Wolfgang Link: Wir wollen in der Lage sein, noch schneller mit News-Berichten auf Sendung zu gehen. 

kress pro: Sehen die Zuschauer draußen - geschult durch das eigene Medienverhalten in Coronazeiten - wieder genauer hin beim vermeintlich altmodischen Fernsehen und erwarten auch bei linearen Sendern schnelle Reaktionen als neuen Standard? 

Wolfgang Link: Corona hat schon noch einmal gezeigt, welche Kraft im Fernsehen steckt. Viele Zuschauer haben das klassische Fernsehen in Teilen wiederentdeckt und gemerkt, dass es hier viele starke Inhalte gibt - in der Unterhaltung genauso wie in der Information -, die wirklich high-class sind. Und dass sie diese Inhalte auch über all ihre Devices anschauen können. 

kress pro: Klappern gehört zum Geschäft. 

Wolfgang Link: Ich bin stolz auf das, was unsere Mitarbeiter jeden Tag leisten. Und der Erfolg ist ja auch mit Blick auf die Motivation wichtig. Zuletzt sind manche Kollegen ja ab und an sogar schon belächelt worden, wenn sie unter Freunden erzählten, dass sie beim guten alten Fernsehen arbeiten. Ich habe da immer widersprochen. Ich finde, dass wir derzeit mit die spannendste Zeit erleben. Mit allen Möglichkeiten, die sich uns für gutes Entertainment bieten: linear, zeitversetzt digital, im Streaming bei Joyn oder bei unseren vielen Audio-Angeboten - das Spielfeld ist deutlich größer geworden!

kress pro: Letzte Frage: Es gibt ja viele Kollegen, die haben die Randzeiten im Homeoffice durchaus genutzt, um im Lockdown auch privat für sich Neues zu entdecken. Wie gut steht es um Ihre Italienisch-Kenntnisse? 

Wolfgang Link: (lacht) Ich habe es noch nicht geschafft, Italienisch zu lernen, dabei habe ich das schon lange vor - ich fahre sehr gerne nach Italien in den Urlaub. Ansonsten muss ich mir in dieser Hinsicht keine Gedanken machen - falls Sie auf etwas anderes anspielen.

kress pro: Der italienische Medienkonzern Mediaset stockt seine Anteile immer weiter auf. Rufen die Mediaset-Kollegen auf Ihrem Handy noch nicht auf Italienisch an? 

Wolfgang Link: Ich habe mich zuletzt anderen Künsten verschrieben: Die wenige freie Zeit, die ab und an etwa wegen ausgefallener Abendveranstaltungen blieb, habe ich dazu genutzt, kochen zu lernen. Italienisch natürlich!

Interview: Rupert Sommer

...

Das umfangreiche Sechs-Seiten-Interview mit Entertainment-Vorstand Wolfgang Link unter der Überschrift "Wir können Krise" ist eines der Titelthemen in kress pro 3/2021 - jetzt im Oberauer-Shop bestellen: Ein guter Anlass, das komplette Gespräch, in dem es auch konkret um die Arbeit der TV-Redaktionen und der Vermarkter im Ausnahme-Modus geht, in ganzer Länge nachzulesen.

Weitere Themen im neuen kress pro 3/2021 sind unter anderem:

Wie gelingt die Nachfolge? Erben wie Elisabeth Furtwängler und Jacob Burda übernehmen mehr und mehr Verantwortung in den Medienunternehmen. Doch der Übergang ist nicht immer einfach.

Ranking: Die Marktführer der Redaktionssysteme.

Reichweiten-Schub: Wie der "Tagesspiegel" digital stärker wächst als die Konkurrenz.

Ein kress pro-Abo können Sie in unserem Shop ebenfalls abschließen. Es bietet Ihnen unlimitierten Zugriff auf mehr als 200 Best-Cases aus Vertrieb, Vermarktung, Personal, Redaktion und Strategie und mehr als 50 Strategie-Gespräche mit den Top-Leadern der Branche. 40 Dossiers sind zudem im Abo inklusive.

Sie sind bereits Abonnent? Dann loggen Sie sich bitte unter Mein kress ein und lesen das aktuelle E-Paper.

kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.