Wie stark sich Doku-Filme jetzt im Bewegtbild-Markt behaupten und was die Lovemobil-Debatte zeigt

 

Das DOK.fest München hat sich zu einer der wichtigsten Adressen für TV-Dokus und Dokumentarfilme entwickelt - und zum Branchentreff für Produzenten, Sender, Kreative und Streaming-Riesen. Festivalchef Daniel Sponsel spricht im kress.de-Interview auch über die Lovemobil-Debatte und den gewaltigen Wirbel, den Doku-Filme zuletzt machten.

kress.de:  Herr Sponsel, Sie sind ja erfahrener Leistungssportler und die Qualen der Strecke gewöhnt. Aber mal ehrlich: Wie viel Schweiß kostet es, mit ständigem Blick auf die Infektionszahlen und neue Vorschriften ein Festival zu planen?

Daniel Sponsel: Na ja, dass mit dem Schwitzen bei Tätigkeiten im Home Office ist es so eine Sache. Tatsächlich war in der Vorbereitung der größte Stress die permanente Unsicherheit, was am Ende wirklich realisiert werden kann. Wir haben viel Zeit und Energie in die Planungen von Veranstaltungen investiert, die jetzt nicht stattfinden können.

kress.de: Eigentlich war für das DOK.fest München ja ein duales Konzept – auch mit Vorstellungen in "echten Kinos - geplant. Warum sind Sie nicht wie so viele mit großen Hoffnungen auf einen Traumsommer ein wenig später ins Jahr ausgewichen?

Daniel Sponsel: Wir haben schon im Spätherbst, als der zweite Lockdown startete, darüber nachgedacht, das Festival in den Sommer zu verlegen. Mit unserem Fenster Anfang Mai habe wir einen exklusiven Termin, der seit vielen Jahren gut ankommt. Der nationale und internationale Festivalkalender ist eng gesteckt, da ist es nicht so einfach einen alternativen Termin zu finden. Zu weit in den Sommer zu gehen hätte auch bedeutet, zu nahe an die Planungen für die Edition 2022 zu kommen. Darüber hinaus hätten wir das Team längerfristig benötigt, wofür uns die Mittel fehlen.

kress.de: Im vergangenen Jahr haben Sie und Ihr Team ja eine Herkulesarbeit gestemmt und das Festival ziemlich kurzfristig ins Digitale verlegt. Damit waren Sie Vorreiter – und dann auch lange Vorbild für andere ähnliche Veranstaltungen. Wie gut trägt so viel positiver Rückenwind über ein hartes Jahr?

 Daniel Sponsel: Das Feedback zu unserer kurzfristig realisierten Online-Edition auf der digitalen Leinwand war großartig, von allen Seiten: durch das Publikum, die Branche, die Förderer und die Partner. Wir haben für das Publikum auf diese Weise für wertvolle Dokumentarfilmkultur gesorgt und reguläre Erlöse für die Rechteinhaberinnen und Rechteinhaber erzielt, in einer Zeit, in der gar nichts ging. Leider ist die Situation jetzt beinahe wieder die gleiche – mit dem Unterschied, dass wir auf Erfahrungen aufbauen können.

kress.de: Zunächst gab es ja vermutlich Bedenken. Aber dann haben starke Filme sehr wohl ihr Publikum im Netz gefunden. Wie gut können Sie nun mit der Digital-Lösung nun leben?

Daniel Sponsel: Wie gut wir damit leben können, ist weniger die Frage – wir müssen damit leben. Das Umfeld hat sich weiterentwickelt, zahlreiche weitere Festivals und Kulturanbieter sind diesen Weg gegangen. Die Corona-Pandemie fungiert als Katalysator für vieles in unserer Gesellschaft und sie wird sich verändert haben, auch wenn die Krise überwunden ist.

"In der Summe erreichen wir dadurch, dass wir barrierefrei mit dem Programm deutschlandweit zu sehen sind, mehr Publikum."

kress.de: Finden sich so vielleicht sogar mehr Filmfans?

Daniel Sponsel: Wir können unsere Film nicht dort präsentieren, wo sie hingehören, auf der großen Leinwand. Anderseits gibt es zahlreiche Leute, die aus den verschiedensten Gründen den Weg nicht in das Kino finden. In der Summe erreichen wir dadurch, dass wir barrierefrei mit dem Programm deutschlandweit zu sehen sind, mehr Publikum. Das ist besonders wertvoll für internationale Filme, die möglicherweise keinen deutschen Verleih haben und auch nie im Fernsehen laufen werden: Sie sind in Deutschland und nur auf unserem Festival zu sehen sind.

kress.de: Festivals leben allerdings auch vom Austausch und der Begegnung. Wie wollen Sie das Publikum, das sonst im Foyer hitzig weiterdiskutierte, in diesem Jahr vernetzen und zum Debattieren bringen?

Daniel Sponsel: Wir wollen aus dieser Situation das Beste machen, in diesem Jahr mit noch mehr Rahmenprogramm und der Möglichkeit für die Filmemacherinnen und Filmemacher, sich in unserem virtuellen Festivalzentrum zu begegnen. Dazu gibt es mittlerweile bewährte Tools, die wir über das Jahr schon bei anderen Veranstaltungen ausprobieren konnten.

kress.de: Weil neben dem Spazieren eh nicht viel mehr bleibt als Fernsehen –  sind schlechte Zeiten also gute Zeiten auch für Dokumentarfilme?

Daniel Sponsel: Wenn Sie so wollen, sind die Voraussetzungen und die Notwendigkeit, relevante Dokumentarfilme zu zeigen, immer gegeben. Und auf der Seite des Publikums gibt es immer zahlreichen Menschen, die sich für alle Aspekte des Lebens zu interessieren.

"Die gesamte Produktions- und Auswertungskette ist dabei, sich neu zu sortieren."

kress.de: Wie können die Filmemacher künftig davon profitieren, dass teilweise auch auf Netflix oder bei Amazon Doku-Formate ziemlich gut laufen, weil sie auch ein Fenster in die Welt sind?

Daniel Sponsel: Die gesamte Produktions- und Auswertungskette ist dabei, sich neu zu sortieren. Dabei wird es Leute geben, die auf der Strecke bleiben, und andere werden davon profitieren. Ich hoffe sehr, dass es weiterhin mutige Produzentinnen und Produzenten gibt, für die es sich lohnt, diese außergewöhnlichen Filme zu realisieren.

"Die Debatte sensibilisiert uns alle wieder einmal dafür, wie hoch die Erwartungshaltung an Dokumentarfilme ist und wie schmal der Grat ist, die vorgefundene Wirklichkeit im eigenen Sinne zu bearbeiten und zu gestalten, um einen Film zu machen, der gut ankommt."

kress.de: In der Fachwelt gab’s allerdings kürzlich bekanntlich wieder viel Wirbel um die "echte oder vermeintliche "Echtheit" von Dokumentarischem – etwa an der Debatte um "Lovemobil" in der ARD. Schaden solche Diskussionen der Branche oder lenken Sie Aufmerksamkeit auf spannende Fragen?

kress.de: Es ist schon bemerkenswert, dass ein Dokumentarfilm auf diese Weise in die Schlagzeilen kommt. Der Gewinn eines Oscars oder die Meldung von mehr als einer Million Zuschauerinnen und Zuschauer für einen Film wären mir in der Presse lieber. Andererseits sensibilisiert diese Debatte uns alle wieder einmal dafür, wie hoch die Erwartungshaltung an Dokumentarfilme ist und wie schmal der Grat ist, die vorgefundene Wirklichkeit im eigenen Sinne zu bearbeiten und zu gestalten, um einen Film zu machen, der gut ankommt.

kress.de: Natürlich muss der Festivalchef auch ein wenig über den Dingen schweben: Aber einen Lieblingsfilm und unbedingten Anspieltipp haben Sie doch schon für uns, oder?

Daniel Sponsel: Ich muss von Amtswegen natürlich neutral sein. Aber in diesem Fall möchte ich unbedingt unseren Eröffnungsfilm empfehlen: "Hinter den Schlagzeilen". Das ist Dokumentarfilm at its best: Die Ereignisse rund um die Veröffentlichung des Ibiza Videos – ein äußerst relevantes und in dieser Zeit der Medienskepsis besonders wichtiges Thema, zwei engagierte Journalisten als Protagonisten und ein Filmende mit Nachhall in der Politik.

kress.de-Tipp: Das DOK.fest München findet von 5. bis 23. Mai statt - in einer digitalen Online-Screening-Version. Alle Tickets und Informationen zu den Filmen wie dem Highlight-Beitrag über die Aufdeckung des Ibiza-Skandals durch Süddeutsche Zeitung und Spiegel gibt es hier.

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