Was Zeit-Online-Ressortleiter Philip Faigle zum führenden Deutschlandversteher macht

 

Mit aufwendigen Reportagen, Datengeschichten und Videos widmet sich das "Ressort X" von Zeit Online unter Führung von Philip Faigle seit nun zwei Jahren den Großthemen. Zuletzt haben sich 30.000 Bewerber gemeldet, um ins Leser-Gremium "Die 49" aufgenommen zu werden.

kress.de: Herr Faigle, wenn man den Namen "Ressort X" liest, denkt der Fernsehvielseher unweigerlich an "Akte X", aber auch an den Klassiker "Aktenzeichen XY... ungelöst". Wie kam es eigentlich zu dem Ressortnamen und warum macht er sich so geheimnisvoll?

Philip Faigle: Interessant, dass Sie an das Geheimnisvolle denken. Wir dachten bei der Ressort-Gründung eher an das x in der Mathematik – also an das Unbekannte. Das X soll ein Platzhalter sein für all die großen gesellschaftlichen Themen, denen wir uns im Ressort widmen wollen: Wohnen oder Mobilität, Ungleichheit oder Klassenunterschiede, Geschlechterrollen oder psychische Gesundheit.

"Wir publizieren alle Texte eines X-Schwerpunktes gleichzeitig – fast wie bei der Staffel einer Netflix-Serie oder einem gedruckten Magazin."

kress.de: Eingeführt wurde das Ressort vor nun rund zwei Jahren. Welche Themen-Mischungen haben sich besonders bewährt?

Philip Faigle: Die Mischung ist für uns in der Tat sehr wichtig. Denn wir publizieren alle Texte eines X-Schwerpunktes gleichzeitig – fast wie bei der Staffel einer Netflix-Serie oder einem gedruckten Magazin. So können unsere Leserinnen und Leser alle Texte auf einmal lesen oder im Verlauf der Woche. Meist eröffnen wir einen Schwerpunkt mit einer besonderen Idee oder Geschichte. Das kann – wie zuletzt – eine über Wochen recherchierte Annäherung an die Querdenker-Bewegung sein oder aber eine aufwändige Datenvisualisierung, die gemeinsam mit unserem Interaktiv-Team entsteht, und die anhand eines neuen Datensatzes das Thema groß aufzieht. Dazu veröffentlichen wir Reportagen, Essays, Interviews. Die Schwerpunkte sind wie ein monothematisches Magazin. Die einzelnen Stücke müssen sich ergänzen, ohne sich zu doppeln. 

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kress.de: Auf welche Einzel-Geschichten, aber auch Arten von Themen und Herangehensweisen haben Sie besonders viel Feedback erhalten und was leiten Sie daraus für die Zukunft ab?

Philip Faigle: Unser Schwerpunkt zu Klasse und Klassismus, den wir vor wenigen Wochen veröffentlicht haben, hat außergewöhnlich viele Leserinnen und Leser interessiert – und viele dazu bewegt, ein Z+-Abo abzuschließen. Im Zentrum des Schwerpunkts stand ein interaktiver Klassenrechner, mithilfe dessen sich die Leserinnen und Leser in einer gesellschaftlichen Lage verorten konnten. Bis heute verzeichnet der Rechner insgesamt mehr als 1,5 Millionen Aufrufe.

"Unser Anspruch ist es, relevant zu sein, ohne in die flüchtige Aktualität der Nachrichten zu geraten."

kress.de: Naturgemäß enthält Ihr Ressort Themenkomplexe, die in der Recherche und Anfertigung oft sehr aufwändig sind: Wie viel Schweiß kostet es Sie, auf so einer Strecke den Nachschub zu planen und rechtzeitig Neues anzustoßen?

Philip Faigle: Wir denken viel über das richtige Timing nach. Wenn wir einen X-Schwerpunkt planen, müssen wir uns immer fragen: Wie steht das Thema in zwei, drei Monaten da, wie in einem halben Jahr? An unserer Serie zum Thema Klasse haben wir zum Beispiel fast ein ganzes Jahr gefeilt, weil sich durch die Corona-Pandemie die Ausgangslage immer wieder geändert hat und neue Fragen akut wurden. Unser Anspruch ist es, relevant zu sein, ohne in die flüchtige Aktualität der Nachrichten zu geraten.

kress.de: Welchen Vorlauf haben Stücke im Ressort X im Durchschnitt und wie eng sind Sie in die Zwischenschritte bis zur Fertigstellung eingebunden?

Philip Faigle: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt X-Geschichten, die entstehen in einem Tag, andere in einer Woche. Manche Recherchen dauern ein halbes Jahr oder sogar länger. Wir sind ein vergleichsweise kleines Team: Annabelle Seubert, Julia Kopatzki, Vanessa Vu, seit Kurzem auch Yasmine M’Barek und ich. Alle tragen Verantwortung dafür, dass am Ende die besten Geschichten stehen.

"X-Themen sind in der Regel so groß, dass wir selten die ersten sind, die darüber berichten. Umso wichtiger ist es, dass es uns gelingt, das Thema noch einmal neu zu denken."

kres.de: Mit welchen Arten von Themenvorschlägen bringt man Sie als freie Autorin oder freier Autor am schnellsten zu einer Reaktion, von welchen Themen wünschen Sie sich noch mehr Anregungen, eventuell auch von außen?

Philip Faigle: Wichtig sind für uns originelle Ideen und Zugänge. X-Themen sind in der Regel so groß, dass wir selten die ersten sind, die darüber berichten. Umso wichtiger ist es, dass es uns gelingt, das Thema noch einmal neu zu denken. Das kann eine besondere Protagonistin sein oder ein besonders guter Einfall. Für unseren Schwerpunkt zu Mobilität haben wir zum Beispiel fünf Menschen gebeten, eine Woche lang jede ihrer Bewegungen im Alltag aufzuzeichnen. So entstand ein detailliertes Bild deutscher Alltagsmobilität. Für unseren Schwerpunkt zur Jugend in Deutschland haben wir Hunderte Jugendliche aufgefordert, uns Sprachnachrichten zu schicken, die wir dann weitgehend ungefiltert veröffentlicht haben. Nach solchen Ideen suchen wir.

kress.de: Sie haben ja schon früher Sonderressorts mit recht speziellem Zuschnitt geleitet und immer wieder auch mit Stimmungsbildern aus dem Land gearbeitet. Welche Schlüsseleigenschaft ist eigentlich für einen Deutschlandversteher am wichtigsten?

Philip Faigle: "Deutschlandversteher" klingt gut. In Wahrheit fällt uns beinahe täglich auf, wie viel wir dazulernen können. Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Als wir vor der letzten Bundestagswahl sieben Lokalreporter baten, für uns über die großen Themen in ihrer Region zu schreiben, kamen diese mit Vorschlägen, die uns auf den ersten Blick manchmal  etwas klein erschienen. Viele der Reportagen über Lokalphänomene – die Privatisierung eines Flusses, der Streit um einen Nationalpark im Spessart ­– zählten dann am Ende aber zu den meistgelesenen Geschichten auf unserer Website. Wenn wir also in den vergangenen Jahren etwas verstanden haben, dann vielleicht, dass man erstaunlich viel über Deutschland lernt, wenn man sich für die Lebenswelt scheinbar gewöhnlicher Menschen interessiert. Man könnte das auch “Normcore”-Journalismus nennen. Überhaupt hilft Neugierde. Wir stellen zum Beispiel seit vier Jahren unseren Leserinnen und Lesern die fast schon naiv anmutende Frage, wie es ihnen so geht, und bitten sie, ihren Gemütszustand mit einem Wort zu beschreiben. Rund fünf Millionen Mal haben uns Menschen bisher geantwortet. Der riesige anonyme Datensatz beschäftigt mittlerweile Kognitionsforscher, und er hilft uns täglich, die Stimmung im Land besser einzuschätzen.

"Auf unseren Aufruf haben sich binnen weniger Wochen mehr als 30.000 Menschen angemeldet. Wir sind immer noch dabei, das mental zu verarbeiten."

kress.de: Aktuell läuft ja noch die Suche für Ihren Rat der 49, der die Soziodemographie des Landes widerspiegeln und der Redaktion zur Seite stehen soll: Welche Zugänge und Anregungen erwarten Sie sich von diesem neuen Leserrat konkret für Ihre Arbeit?

Philip Faigle: Auf unseren Aufruf haben sich binnen weniger Wochen mehr als 30.000 Menschen angemeldet. Wir sind immer noch dabei, das mental zu verarbeiten. Das Projekt ist über Nacht sehr groß geworden, und beschäftigt mittlerweile ein redaktionsübergreifendes Team, das von unseren Politikchefinnen Ileana Grabitz und Lisa Caspari, meinem Kollegen Mark Heywinkel, der für ZEIT ONLINE neue Formate entwickelt, und mir geleitet wird. Unser Data Scientist Andreas Loos hat nun aus diesen 30.000 eine Gruppe von 49 Menschen errechnet, die in 20 Dimensionen – unter anderem Einkommen, Bildungsstand, Wohnort – fast perfekt die jeweiligen Anteile in der deutschen Bevölkerung abbildet. Wir werden also in der Lage sein, die Vielfalt Deutschlands in einer Gruppe abzubilden, die sich theoretisch in einem großen Raum treffen könnte oder die auf einen Bildschirm der Kommunikationsplattform Zoom passt. Wir sind schon jetzt begeistert davon, wie divers die Gruppe ist. Ein Taxifahrer ist dabei, eine Krankenpflegerin, die vor zwei Jahren von den Philippinen nach Deutschland kam, aber auch eine Immobilienmaklerin, ein Verkäufer im Autohaus, eine Bäuerin, eine Erzieherin, ein Sachbearbeiter und ein Arzt. Wir werden die 49 porträtieren, interviewen und sie regelmäßig zu ihrem Alltag befragen. Und wir sind gespannt, wie die 49 jedes einzelne Mitglied verändern werden. Schließlich treffen hier Menschen aufeinander, die so unterschiedlich denken und leben, dass sie sich im normalen Leben bestenfalls flüchtig begegnen würden.

"Als wir 'Deutschland spricht' gegründet haben, haben wir es etwas scherzhaft 'Tinder für Politik' genannt."

kress.de: Letzte Frage: Wie lange wird es Ihrer Einschätzung nach dauern, bis sich die erkennbare Dünnhäutigkeit in der Corona-gebeutelten Gesellschaft wieder etwas legt und das Grüppchen-Lager-Denken wieder zurückgeht?

Philip Faigle: Schwer zu sagen. Im Newsroom von Zeit Online haben wir vor vier Jahren "Deutschland spricht" entwickelt, eine Plattform, die mittlerweile auch international von Medienhäusern genutzt wird. Dort kann man sich anmelden und wird von einem Algorithmus mit einem Menschen zusammengebracht, der politisch ganz anders denkt als man selbst. Mehr als 60.000 Menschen haben wir in Deutschland bereits erreicht, weltweit gab es 170.000 Anmeldungen. Vor der Bundestagswahl in diesem Jahr kann man noch schneller, binnen weniger Tage, eine andere Person treffen – wenn man mag, sogar mehrere verschiedene Leute hintereinander. Als wir "Deutschland spricht" gegründet haben, haben wir es etwas scherzhaft "Tinder für Politik" genannt. Durch den veränderten Algorithmus wird das Projekt nun tatsächlich zu einer echten "Datingplattform" für politisch Andersdenkende. Das Projekt ist im besten Fall auch eine Antwort auf das wachsende Lagerdenken. Es ist unser Versuch, die Gesellschaft mit sich im Gespräch zu halten.

Zur Person: Philip Faigle ist Redakteur für besondere Aufgaben bei Zeit Online. Der Ökonom und Politikwissenschaftler leitet das Schwerpunkt-Ressort X und ist einer der Gründer von "Deutschland spricht" und der internationalen Debattenplattform "My Country Talks". Zuvor verantwortete er die Sonderressorts #D17 und #D18, die Deutschland neu erklären wollen. Er war mehrere Jahre lang Mitglied des Investigativ- und Datenteams. Faigle wurde bereits mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet - darunter mit dem Georg von Holtzbrinck Preis für Wirtschaftspublizistik und dem Grimme Online Award. Sein Chefredakteur bei Zeit Online ist Jochen Wegner.

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