Ängste nehmen deutlich zu: Das düstere Corona-Fazit von Führungskräfte-Beraterin Fürstenberg

 

Reinhild Fürstenberg hat gerade ihren eigenen Podcast "Die besten Chef*innen" gestartet. Im Köpfe-Interview mit kress.de sagt die Geschäftsführerin des Personal-Beratungsunternehmens Fürstenberg-Institut: "Nach über einem Jahr mit Homeoffice, Doppelbelastung, Isolationserfahrungen und Ängsten verschiedenster Couleur leiden mittlerweile auch diejenigen unter der fehlenden Perspektive, die vorher psychisch stabil waren."

kress.de: Frau Fürstenberg, soll nicht zynisch klingen: Aber einem Institut wie dem Ihren, das sich schon lange darauf spezialisiert hat, Firmen-Mitarbeitern wie Führungskräften zu helfen, die Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt die Gesundheit der Teams zu erhalten und zu verbessern, dürfte die vielen harten Pandemie-Themen ja so etwas wie eine Sonderkonjunktur beschwert haben. Land unter bei Ihnen?

Reinhild Fürstenberg: Die Belastungen der Menschen nehmen, je länger der Lockdown dauert, immer weiter zu – und damit auch die Beratungsanfragen von Mitarbeitenden unserer Kundenunternehmen. Außerdem "buchen" sehr viele neue Unternehmen die Mitarbeiter- und Führungskräfteberatung, weil sie damit ihrer Belegschaft besonders im Homeoffice eine echte Hilfe anbieten, um die jeweils individuellen Probleme bestmöglich anzugehen.

kress.de: Nachvollziehbar. Worum geht's denn hauptsächlich?

Reinhild Fürstenberg: Nach über einem Jahr mit Homeoffice, Doppelbelastung, Isolationserfahrungen und Ängsten verschiedenster Couleur leiden mittlerweile auch diejenigen unter der fehlenden Perspektive, die vorher psychisch stabil waren. Insofern: Ja, wir haben sehr gut zu tun. Da sich das deutlich gestiegene allgemeine Angstlevel in der Bevölkerung nicht so schnell wieder abbauen wird, werden weiterhin viele Menschen Stärkung benötigen. Für unser Team kann ich aber sagen: Wir ziehen sehr viel Kraft daraus, dass wir mit unserem Angebot, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in der aktuellen Krise helfen und einen wichtigen Beitrag zur mentalen Gesundheit leisten können.

kress.de: Man scheint sich ja selbst an den Ausnahmezustand zu gewöhnen. Doch wie groß schätzen Sie weiter den Beratungsbedarf, ja gelegentlich sogar den Grad von Hilf- und Hoffnungslosigkeit in Branchen wie den Medienbetrieben ein?

Reinhild Fürstenberg: Dass sich nach über einem Jahr in der Corona-Ausnahmesituation Müdigkeit breitmacht – dass viele Leute, es einfach satthaben, ist verständlich. Unser Eindruck ist, dass die Menschen tatsächlich branchenunabhängig "leiden". Das gilt auch für Medienunternehmen, viele gehören zu unseren Kunden.

"Insgesamt haben wir deutlich mehr Betroffene, die mit einer tiefen Erschöpfung, mit depressiven Verstimmungen oder auch handfesten Depressionen bei uns Beratung suchen. Daneben haben wir eine deutliche Zunahme im Bereich von Ängsten und von Suchtproblemen."

kress.de: Wie äußert sich das konkret?

Reinhild Fürstenberg: Insgesamt haben wir deutlich mehr Betroffene, die mit einer tiefen Erschöpfung, mit depressiven Verstimmungen oder auch handfesten Depressionen bei uns Beratung suchen. Daneben haben wir eine deutliche Zunahme im Bereich von Ängsten und von Suchtproblemen. Im Homeoffice gibt es zum Beispiel keinen Grund, nicht zu trinken, Kühlschrank und Hausbar sind ja direkt nebenan – und die Kolleginnen und Kollegen können die Fahne nicht riechen. Weitere Themen sind das Gefühl der Isolation, insbesondere bei Singles, die ausschließlich remote arbeiten – oder im Gegensatz dazu die Konflikte in Familie und Partnerschaft. Manche Paare hocken im Homeoffice den ganzen Tag aufeinander. Dabei kommt es häufiger als früher zu Eskalationen und damit leider auch zu Fällen häuslicher Gewalt.

"Vorteilhaft war sicher, dass viele Medienleute die digitale Zusammenarbeit und die Arbeit im Homeoffice schon vor Corona mehr gewohnt waren als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anderer Branchen."

kress.de: Journalismus, kreative oder investigative Arbeit, aber auch Netzwerken und Vermarkten muss aktuell unter Sonderbedingungen stattfinden. In wie weit treffen die Kontaktbeschränkungen die Medienleute und ihr Geschäft besonders hart?

Reinhild Fürstenberg: Insbesondere Kreative leben doch auch vom direkten Austausch miteinander. Und auch von informellen Gesprächen, die sich via Zoom & Co sicher nicht in gleicher Form einstellen wie beim vertraulichen Lunch. Vorteilhaft war sicher, dass viele Medienleute die digitale Zusammenarbeit und die Arbeit im Homeoffice schon vor Corona mehr gewohnt waren als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anderer Branchen, insofern ging der Übergang nach meinen Beobachtungen für viele leichter. Ich plädiere allerdings nicht dafür, auf Dauer nur virtuell zusammenzuarbeiten. Hybride Arbeitsformen sind viel besser geeignet, den Zusammenhalt im Team und die Identifikation mit der Firma aufrechtzuerhalten. Nur noch im stillen Kämmerlein zu arbeiten und die ganze Zeit in digitalen Meetings zu hängen – vielleicht sogar mit ausgeschalteter Kamera – wird auf Dauer eine Entfremdung zum Unternehmen mit sich bringen. Hinzu kommt, dass die Medienbranche schon einige Jahre mehr Unsicherheiten erlebt als andere. Und nun noch Corona, was eine weitere Dynamik reingebracht hat. Da braucht es tolle Führungskräfte, die ihre Teams inspirieren und zusammenhalten. Und auch jede Kollegin und jeder Kollege sollte dazu beitragen.

"Suchen und halten Sie den Kontakt zu Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern."

kress.de: Was ist aktuell Ihr wichtigster Tipp an Führungskräfte, die teilweise ausgelaugten Teams nach gut einem Jahr unter Sonderbelastungen bei der Stange zu halten und wieder aufzurichten?

Reinhild Fürstenberg: Suchen und halten Sie den Kontakt zu Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir Führungskräfte müssen in dieser Zeit aktiver etwas dafür tun, unsere Leute zusammenzuhalten und zu inspirieren. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter merken es sehr genau, wenn wir sie gut im Blick haben. Dabei auch das Befinden regelmäßig abzufragen, damit man überhaupt erfährt, wo jede/r einzelne gerade steht, ist sehr sinnvoll. Wir machen das z.B. so, dass am Anfang eines Teammeetings jeder kurz sagt, wo er sich auf einer Skala von 1 bis 10 – eins ist sehr schlechtes, 10 ist sehr gutes Befinden – einordnet.

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kress.de: Wann muss man reagieren?

Reinhild Fürstenberg: Wenn Sie als Führungskraft feststellen, dass sich ein Teammitglied verändert – dass sich die betroffene Mitarbeiterin oder der betroffene Mitarbeiter zurückzieht, sich in Meetings kaum noch einbringt, vielleicht nicht bereit ist, die Kamera einzuschalten oder vereinbarte Arbeitsergebnisse ausbleiben: Dann sind das alles Warnsignale, die sie als Führungskraft sehr ernst nehmen müssen. Zögern Sie nicht und sprechen Sie die Person an, suchen Sie das Vieraugengespräch. Das geht auch digital.

"Ich möchte, dass Führungskräfte mehr gesehen werden – so wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch gesehen werden wollen. Mit dem, was sie ausmacht in ihrer Führung, was sie beschäftigt und herausfordert. Und vor allem mit dem, was sie menschlich bewegt."

kress.de: Seit Neuestem führen Sie selbst eine Podcast-Reihe. Was hat den Ausschlag dazu gegeben und was macht für Sie den besonderen Reiz des Mediums aus?

Reinhild Fürstenberg: Ich möchte, dass Führungskräfte mehr gesehen werden – so wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch gesehen werden wollen. Mit dem, was sie ausmacht in ihrer Führung, was sie beschäftigt und herausfordert. Und vor allem mit dem, was sie menschlich bewegt. Letztlich sind es doch gerade die Führungskräfte, die in dieser Zeit maßgeblich mit dazu beitragen, dass die Wirtschaft aufrecht erhalten bleibt. Aus dieser tiefen Motivation heraus, habe ich meinen eigenen Podcast "Die besten Chef*innen" gestartet, in dem ich alle zwei Wochen mit Top-Managerinnen und Top-Managern über ihre Art zu führen, Chancen und Herausforderungen sowie über Erfolg und Menschsein in der Businesswelt spreche.

kress.de: Und warum ein Podcast?

Reinhild Fürstenberg: Was für mich den besonderen Reiz des Mediums Podcast ausmacht: Die Corona-Pandemie hat uns auch gezeigt, wie wertvoll gute Gespräche sind. Deswegen genieße ich den direkten Austausch mit meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern sehr und kann daraus schöne Erkenntnisse für die Podcast-Hörerinnen ziehen, auch für mich ganz persönlich.

"Der Weg vom Ohr zum Herzen ist tendenziell kürzer."

kress.de: Sie richten sich an Führungskräfte. Landläufig wird ja gerne mal gewitzelt, dass Chefs oft am stärksten unter Zeitzwängen zu leiden schienen und am schlechtesten zuhören. Ist Audio überhaupt das geeignete Medium?

Reinhild Fürstenberg: Meine Erfahrung aus 30 Jahren Mitarbeiter- und Führungskräfteberatung ist, dass es sehr viele tolle Chef*innen gibt. Für die möchte ich auch eine Lanze brechen. Und tolle Chef*innen zeichnet auch gutes Zuhören aus. Aktuell verbringen wir ja so viel Zeit am Rechner, am Smartphone, aus Mangel an Alternativen vielfach auch noch vor dem Fernseher am Abend. Außerdem ist der Weg vom Ohr zum Herzen tendenziell kürzer, so mein Eindruck ;-). Ich habe total Lust auf dieses Medium und weiß, dass ich damit nicht allein bin. Und dass Führungskräfte nicht gut zuhören können – dieses Vorurteil können wir durch die Erfahrungen in der Führungskräfteberatung nicht bestätigen. Wir sehen mehrheitlich wohlwollende Chef*innen, die sich über alle Maßen um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen, fortlaufend an Lösungen arbeiten, oft zwischen vielen Stühlen Spagat machen und von oben und unten Druck bekommen. Wir sehen Führungskräfte, die ihre Ergebnisse erreichen und gleichzeitig Fehlzeiten im Team reduzieren sollen, aber trotzdem Verständnis für häufig kranke oder nicht gut leistende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Belange aufbringen sollen. Um nur einige positive Beispiele zu nennen.

"Für die Produktion haben wir das Podcast-Team der Funke-Mediengruppe an unser Seite."

kress.de: Wie muss man sich hinter den Kulissen die Arbeit an Ihren Podcast-Sendungen vorstellen: Wie wählen Sie Ihre Themen und Gesprächspartner aus, wie organisieren Sie sich im Vorfeld?

Reinhild Fürstenberg: Tatsächlich war die Entscheidung für den Podcast ein echter Schritt für uns. Hinter den Kulissen mussten tatsächlich viele neue Fäden gesponnen werden. Da kommt es uns sehr zugute, dass wir ein Hands-on-Team sind und gern Neues anpacken. Wir brainstormen gemeinsam die Themen und fragen geeignete Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner – eben tolle Chef*innen – an. Es kommen auch schon Interessierte auf uns zu, was uns sehr freut. Uns ist es wirklich ernst, das Thema gute und gesunde Führung und was dahinter steckt noch breiter in die Öffentlichkeit zu bringen – ich denke, das merkt man unserem Podcast an. Für die Produktion haben wir das Podcast-Team der Funke-Mediengruppe an unser Seite. Aber auch bei uns im Hamburger Institut haben wir schon ein kleines Studio aufgebaut, falls ein Gespräch digital geführt wird.

kress.de: Wie groß ist Ihre Scheu vor dem Mikro und den Momenten von Stille beim Aufnehmen?

Reinhild Fürstenberg:Diese Scheu habe ich nicht. Es ist tatsächlich bisher auch noch nicht vorgekommen. Aber selbst wenn – ich wäre offen, mich darauf einzulassen, was aus dieser Pause an neuen Themen und Gesprächswendungen entstehen kann.

"Wir machen einen Führungskräfte-Podcast. Ja. Aber gute Führung hat immer auch eine gesellschaftliche Dimension, in Hinblick auf die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen."

kress.de: Letzte Frage: Welchen Schub erhoffen Sie sich durch die Zusammenarbeit mit den Funke-Tageszeitungen und wie kam diese Kooperation zustande?

Reinhild Fürstenberg: Das Podcast-Team von Funke unterstützt uns sehr –  vor allem technisch. Und natürlich können wir von den Erfahrungen des Teams gut profitieren. Es ist wirklich eine schöne Zusammenarbeit, die uns allen viel Spaß macht. Wir möchten mit unseren Themen nicht nur all jene erreichen, die uns sowieso schon auf dem Schirm haben, sondern unsere Themen noch weitertragen. Wir machen einen Führungskräfte-Podcast. Ja. Aber gute Führung hat immer auch eine gesellschaftliche Dimension, in Hinblick auf die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen.

Hintergrund: Der Führungskräfte-Podcast von Reinild Fürstenberg, Gründerin und mit Marco Walker Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens Fürstenberg Institut in Hamburg, erscheint alle 14 Tage samstag. "Die besten Chef*innen" wird vom Podcast-Team der Funke Mediengruppe produziert. Hier kann man reinhören.

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