medium magazin-Chefredakteur Graf: Ich war selten nach einer Lektüre so wütend und frustriert

 

Wie es um die Führungskultur in deutschen Medienhäusern steht? Besorgniserregend. Das legt eine Recherche des medium magazins nahe, in der zahlreiche Betroffene ihre Erfahrungen mit Machtmissbrauch, Sexismus und Diskriminierung schildern. Chefredakteur Alexander Graf haben die Ergebnisse wütend gemacht, wie er im Editorial schreibt.

Eva Hoffmann und Pascale Müller, die beiden Autorinnen unserer Titelgeschichte, haben zugehört. Sie haben sich nach den Compliance-Vorwürfen gegenüber "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt auf die Suche gemacht. Denn eines ist klar: Allzu wohlfeil war die Selbstgefälligkeit, mit der die Affäre von der übrigen Branche beobachtet wurde: "War ja klar, dass es bei den Machos vom Boulevard so zugeht." Die Wahrheit ist: Toxische Führungskultur gibt es in der gesamten deutschen Medienlandschaft - egal, ob im distinguierten Feuilleton oder der Lokalsportredaktion, ob bei der Wochenzeitung oder der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt.

Uns ging es nicht darum, einen konkreten Fall veröffentlichungsreif zu recherchieren. Wir wollten ein grundlegendes Problem aufzeigen. 189 Journalistinnen und Journalisten haben ihre Erfahrungen geschildert. Mit 25 von ihnen haben die Reporterinnen ausführliche Gespräche geführt. Um ehrlich zu sein: Ich war selten nach einer Lektüre so wütend und frustriert.

Zitate aus der medium magazin-Titelgeschichte von Eva Hoffmann und Pascale Müller über Machtmissbrauch, Sexismus und Diskriminierung in deutschen Medienhäusern:

"Als Volontärin wurde ich vom Chefredakteur angefasst"

"Mein Chef wollte mit mir ein Wochenende verreisen, obwohl er Frau und Kinder hat"

"Jahrelange Anmache meines Ressortleiters"

"Gestandene Redakteure hatten Angst, in der Konferenz etwas zu sagen"

"Habe das Medium wegen Sexismus des Vorgesetzten verlassen"

"Plötzlich habe ich bemerkt, dass eine Hand auf meinem Hintern ist"

"Habe extreme Schlafstörungen entwickelt"

„Zuletzt stieg eine lesbische Kamerafrau in den Aufzug. Daraufhin stieg mein Team die nächste Etage komplett aus, obwohl wir da nicht hinmussten. Ich folgte verwundert, wobei angemerkt wurde, dass es nicht zu ertragen sei, mit einer Lesbe Aufzug zu fahren." 

Tipp: Das aktuelle medium magazin 2/2021 können Sie in unserem Shop bestellen.

Außerdem schreibt Chefredakteur Alexander Graf in seinem Editorial:

Ich habe in meinem Volontariat einen Fehler gemacht, der mich bis heute prägt. Mein Verständnis von Journalismus war damals ziemlich idealistisch: Ich wollte vor allem große Geschichten erzählen, wollte die Ambiguität unserer Welt in nuancierten Texten aufzeigen, wollte Menschen eine Stimme geben, denen sonst keiner zuhört. Zwei von diesen Menschen habe ich dabei tief enttäuscht.

Die beiden hatten erschütternde persönliche Schicksale zu erzählen. Ich traf sie also mehrmals, hörte ihnen stundenlang zu, kritzelte Notizblöcke voll, sprach mit etlichen Expertinnen - und schrieb ihre Geschichte nie auf. Ich bekam das Thema einfach nicht in den Griff. Bei jedem neuen Entwurf hatte ich das Gefühl, der Komplexität und Tiefe dieser Biografien nicht gerecht zu werden. Fast über ein Jahr verdrängte ich in einer Mischung aus Eitelkeit und Scham diese Erkenntnis, bis ich auf das wiederholte Nachfragen der Protagonisten schließlich eine verdruckste Mail samt Bitte um Entschuldigung schrieb.

Was mussten diese Menschen denken, wie mussten sie sich fühlen? Sie hatten sich mir, einem Unbekannten, vollkommen geöffnet - aber wozu? Ich glaube, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein bin. Als Journalistinnen und Journalisten bedienen wir uns regelmäßig der Geschichten anderer Leute. Wir tun das meist mit guten Absichten. Wir denken dann wirklich, dass unsere Reportagen vergessene Schicksale sichtbar machen. Dass wir mit unseren Recherchen Missstände aufzeigen. Und wenn die Geschichte mal nicht klappt, dann ist das halt so. Weiter geht's. Aber machen wir uns Gedanken darüber, wie sich unsere Protagonistinnen und Gesprächspartner anschließend fühlen? Dabei geht es noch nicht einmal nur um die großen emotionalen Geschichten oder nie veröffentlichte Texte. Immer wieder fragen mich Bekannte nach ihren Begegnungen mit Journalistinnen und Journalisten irritiert, ob das eigentlich so üblich wäre. Dass etwa der Reporter vor dem Recherchegespräch ganz engagiert und nahbar gewesen sei, anschließend aber nur noch nach mehrmaliger Nachfrage unwillig und knapp auf Mails geantwortet habe? Bei vielen hinterlässt das einen unangenehmen Beigeschmack.

Ich glaube, dass wir "Zuhören" nicht bloß als Mittel zum Zweck, sondern als elementare journalistische Fähigkeit begreifen müssen. Nicht nur als selbstbezogene Informationsaufnahme, sondern als Akt der Empathie und Aufrichtigkeit. Und vor allem nicht als Tätigkeit, die dann endet, wenn wir unsere Geschichte im Kasten haben.

Wir haben dem Zuhören deshalb ein Dossier gewidmet. Darin erzählt eine junge Frau, was sie im Umgang mit Medien erlebt hat. Wir fragen aber auch: Wie gelingt ein Dialog in Zeiten des Hasses? Und woher kommt angesichts von Podcast-Boom und Clubhouse-Hype eigentlich diese neue Sehnsucht danach, anderen zuzuhören?

Hintergrund: Das medium magazin erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.