stern-Chefredakteurin Gretemeier: Unsere Inhalte sollen noch diverser werden und mit Klischees brechen

21.05.2021
 

Anlässlich des Diversity-Tags hat Stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier einen selbstkritischen Blick in die eigenen Reihen geworfen und beschreibt, was sich beim Stern getan hat und was jetzt geplant ist.

Vor rund neun Monaten hat stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier im Editorial des stern dazu aufgerufen, dass der stern – und am liebsten die gesamte Medienbranche – diverser werden müsse: "Was uns fehlt, sind Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen innerhalb dieses Landes. Wir brauchen Diskurs, Reibung und neue Blickwinkel in unseren Teams", waren damals ihre Worte.

Im aktuellen Editorial des G+J-Nachrichtenmagazins fragt sich Gretemeier: Was hat sich seitdem beim stern getan?

"Seit dem Aufruf kommen weitaus mehr diverse Bewerbungen. Wenn ich in unser aktuelles Impressum schaue, sehe ich eine Handvoll Menschen mit Schwerbehinderungen, etwa ein Dutzend Kollegen und Kolleginnen der LGBTQ-Community – sind also lesbisch, gay, bisexuell, transgender oder queer – und ein weiteres Dutzend mit Migrationshintergrund. Unser Team besteht zur Hälfte aus Frauen und Männern, die in den verschiedensten Teilzeitmodellen arbeiten, auf allen Ebenen – auch in der Führung", so Gretemeier, die in einer Doppelspitze mit Florian Gless den stern führt.

Gretemeier verweist auch auf den vom stern ausgerichteten Nannenpreis, der sich in diesem Jahr stark verändert habe: "Nicht nur, dass die Kategorien neu sind und sich für alle Mediengattungen geöffnet haben. Auch die fünf Jurys bilden nun ab, wie divers die deutsche Medienbranche inzwischen ist. Unsere stern-Stimme Michel Abdollahi moderiert nicht nur im zweiten Jahr in Folge die Preisverleihung am 1. Juni, sondern auch unseren Daily Podcast 'heute wichtig'."

Deutschland ist bereits sehr vielfältig: Fast jede Zehnte gehört der LGBTQ-Bewegung an. Jeder vierte Deutsche hat Migrationshintergrund und 9,5 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger leben mit einer schweren Behinderung.

Der stern habe sich schon immer als Medium für die ganze Gesellschaft begriffen, hebt Gretemeier in ihrem Editorial hervor. "Wir wollen niemanden ausschließen und Geschichten aus jeder Perspektive Deutschlands erzählen, Diversität dabei nicht nur abbilden, sondern auch selbst verkörpern."

Man sei damit auf dem richtigen Weg – aber noch nicht am Ziel. Es braucht für Gretemeier eine kritische Masse, damit sich Minderheiten in Teams ganz selbstverständlich fühlten. Je bunter die Belegschaft, desto erfolgreicher die Firma. Gerade erst habe der stern dazu eine Studie herausgebracht. So umfassend sind Arbeitgeber mit Blick auf Diversität laut Gretemeier noch nie untersucht worden: "Zusammen mit dem Marktforschungsunternehmen Statista haben wir mehr als 2000 Firmen analysiert, 40.000 Beschäftigte befragt und einiges gelernt."

Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen

Was sich beim stern "verbessern" soll:  "Unsere Inhalte sollen noch diverser werden, und es ist uns wichtig, mit Klischees zu brechen. People of Colour sollten nicht nur zu Rassismus befragt werden, Menschen mit Behinderung nicht nur zu ihrer Behinderung. Wir wollen, dass sie im stern zu allen Themen sprechen und dass das in Deutschland zur Normalität wird", erklärt die Chefredakteurin.

Der stern will Sichtbarkeit für die viele Gruppen schaffen, die in den Medien nicht ausreichend berücksichtigt werden: "Wir wissen, dass eine Familie nicht Mutter und Vater voraussetzt und dass Liebe viele Formen kennt, trotzdem passiert es uns noch häufig, dass wir in unserer Sprache und mit unseren Bildern die gängigen Klischees bedienen, durch die andere Menschen ausgegrenzt werden."

Dahingehend will Anna-Beeke Gretemeier die Arbeit des stern-Teams immer wieder hinterfragen. "Es gibt so viele spannende Biografien und Facetten des Lebens, über die wir berichten wollen", verspricht sie.

Zur Person: Anna-Beeke Gretemeier ist Absolventin der Axel-Springer-Akademie, danach arbeitete sie bei "Bild.de" und beim Naturschutzbund. 2014 wechselte sie zu stern Digital. Seit 2017 war sie Chefredakteurin des Digitalangebots. Am 1. Januar 2019 übernahm sie zusammen mit Florian Gless die Chefredaktion des stern.

Sie möchten exklusive Medienstorys, spannende Debatten und Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.