Warum ProSiebenSat.1-Chef Beaujean eine Fusion mit Mediaset, Springer oder RTL ablehnt

26.05.2021
 

Der ProSiebenSat.1-Vorstand lehnt eine Fusion mit dem italienischen Fernsehkonzern Mediaset ab. An einer deutschen Konzentration der Medienbranche, etwa durch ein Zusammengehen mit Axel Springer oder Bertelsmann/RTL, will Rainer Beaujean ebenfalls nicht mitwirken, sagt er im FAZ-Interview. Zugleich spricht Beaujean über die Politik-Talk-Offensive bei ProSieben und Sat.1.

"Es gibt keinen Mehrwert, weder im Programm noch im Produkt", sagt ProSiebenSat.1-Vorstandssprecher Rainer Beaujean im Interview mit der FAZ im Hinblick auf eine Fusion mit Mediaset. Fernsehen sei ein lokales Geschäft. Nicht einmal beim Einkauf von Hollywood-Spielfilmen gebe es Synergien: "Filmrechte werden pro Land verkauft. Hollywood schließt nicht den einen Vertrag für Europa", weiß Beaujean.

Die Mailänder Mediaset-Gruppe wird von der Familie des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gelenkt, ist mit gut 12 Prozent der Anteile größter ProSiebenSat.1-Aktionär und will eine europäische Medienholding aufbauen. "Globale Ideen scheitern oft an den Besonderheiten in den einzelnen Ländern. Wenn Sie mich umgekehrt fragen würden, warum ProSiebenSat.1 als deutlich größeres Unternehmen nicht Mediaset kaufen wollen würde, würde ich Ihnen antworten: Weil ich darin keinen Sinn sehe", erklärt Beaujean im Gespräch mit Henning Peitsmeier. Außerdem hänge Mediaset vollständig von den TV-Werbeerlösen ab. ProSiebenSat.1 dagegen hält auch Anteile an Datingportalen, Vergleichsplattformen und Online-Shops, die mit TV-Werbung ihre Geschäfte in Schwung bringen und dann mit Gewinn wieder verkauft werden können.

An einer deutschen Konzentration der Medienbranche, etwa durch ein Zusammengehen mit Axel Springer oder Bertelsmann/RTL, will Beaujean ebenfalls nicht mitwirken: "Neben einer abnehmenden Meinungsvielfalt gäbe es zahlreiche regulatorische Hürden, die zu überwinden wären. Einen solchen defensiven Schritt wollen wir deshalb nicht verfolgen, sondern uns voll und ganz darauf konzentrieren, unser Wachstum fortzusetzen."

Bei den Sendern ProSieben und Sat.1 gibt es jetzt neben Unterhaltung immer mehr Nachrichten und Polit-Talks. Annalena Baerbock ist nach ihrer Wahl zur Kanzlerkandidatin der Grünen zuerst bei ProSieben zum Interview angetreten. "Wir wollen diese Formate nicht mit erhobenem Zeigefinger machen, sondern Menschen in ihrer Persönlichkeit zeigen, respektvoll mit ihnen umgehen und gut informieren. Inzwischen haben wir auch Interviews mit den Kanzlerkandidaten von SPD und CDU ausgestrahlt. Das zeigt, die Politiker wollen zu uns, weil sie dadurch Zugang zur jüngeren Zielgruppe haben", betont Beaujean.

ProSiebenSat.1 baut eine Nachrichtenredaktion auf, die von 2023 an den Konzern versorgen soll. Zum Stand der Dinge sagt Beaujean im FAZ-Interview: "Nachdem wir uns entschieden haben, unsere Nachrichten künftig nicht mehr von Springer einzukaufen, sondern selbst zu produzieren, starten wir jetzt mit dem Aufbau unserer eigenen Redaktion." Die ersten Journalisten habe man bereits eingestellt. Man werde auch ein eigenes Hauptstadt-Studio haben, in direkter Nähe zur Bundespolitik am Potsdamer Platz.

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