Bertelsmann, Regionalzeitung oder cooles Startup: Passt Ihr Arbeitgeber wirklich zu Ihnen?

 

In einem Medienkonzern arbeiten, besser bei einem Regionalverlag oder gar einem Startup? Die wenigsten Medienprofis entscheiden sich am Anfang ihrer Karriere bewusst für eine bestimmte Art Arbeitgeber. Langfristig lohnt sich aber der Vergleich, rät Mediencoach Attila Albert.

Die Pauschalistin eines Monatsmagazins mit zehn Mitarbeitern hatte das Angebot erhalten, fest angestellt zu werden. Sie mochte den Titel und die Redaktion. Aber das Gehalt war niedrig, und Aufstiegschancen gab es praktisch keine. Eine berufliche Sackgasse, die sie besser meiden sollte? Der Produktmanager eines Medienkonzerns war frustriert, weil er sich ständig gebremst fühlte. Ihm schien, als würde jede Idee in Konferenzen zerredet, jedes Projekt zum politischen Streitfall zwischen Redaktion und Verlag. Ginge es in einem mittelständigen Medienhaus, etwa in einem Regionalverlag, unkomplizierter zu?

Nur die wenigsten Medienprofis machen sich zu Beginn ihrer Karriere viele Gedanken darüber, welche Art von Arbeitgeber am besten zu ihnen passen würde. Oft ergibt sich der erste Schritt eher pragmatisch: Eine freie Mitarbeit am Wohnort entwickelt sich zu einem Pauschalistenvertrag. Die erfolgreiche Bewerbung um ein Volontariat führt zur ersten Anstellung. Einige Jahre später stellen manche ein Unbehagen fest, das seine Ursache eigentlich gar nicht so sehr beim konkreten Arbeitgeber hat - sondern in der Art der Organisation (z. B. Mittelständler, Konzern) mit ihren speziellen Vor- und Nachteilen.

Für jeden ist etwas anderes ideal

Aus der Coaching-Praxis kann ich sagen, dass es keine objektiv beste Form gibt, die für jeden Medienprofi ideal ist. Mancher funktioniert als Einzelunternehmer am besten, weil er sich in einem Team ständig eingeengt fühlen würde und seinen Arbeits- und Tagesplan selbst gestalten möchte. Andere schätzen große Strukturen, um an komplexen Projekten mitzuarbeiten zu können, die sie allein nicht umsetzen könnten. Aber auch bei anderen Faktoren sind Prioritäten ganz unterschiedlich. Etwa bei Einkommenshöhe, Zusatz- und Sozialleistungen. der gewünschten Mindestausstattung (Mitarbeiter, Technik, Budgets).

Tipp: Die Rangliste der populärsten Arbeitgeber der Medienbranche finden Sie hier. Interessant ist der Vergleich mit denjenigen, bei denen sich Medienprofis am besten bezahlt fühlen.

Tendenziell lässt sich sagen: Je größer eine Organisation, desto mehr Möglichkeiten zur Entwicklung bietet sie durch Umfang und Breite ihrer Aktivitäten - zumindest theoretisch. Dagegen spricht die hohe interne Konkurrenz, die enorme Komplexität und Arbeitsteiligkeit. Praktisch arbeitet man selbst in einem globalen Konzern mit mehr als 100.000 Mitarbeitern (z. B. Bertelsmann, Disney) in einer kleineren Untereinheit und muss sich intern ebenso bewerben wie ein Externer. Größte Kritikpunkte hier oft: Das Gefühl der Fremdbestimmung durch eine wenig zugängliche Zentrale, viele interne Widerstände, die Firmenpolitik.

Das Familiengefühl schwindet mit der Größe

Typischer sind Konzerne mit mehr als 10.000 Mitarbeitern (z. B. Springer, Bauer, Burda) oder zumindest mit mehr als 5000 Mitarbeitern (z. B. ProSiebenSat.1, Ringier, Medien Union, Funke, SWMH). Sie bieten die Vorteile großer Unternehmen, etwa viele interne Wechsel- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Gleichzeitig sind sie komplex, oft intern sehr politisch und langsam. Früher stark von ihren Gründern oder deren Nachfolgern geprägt, boten sie lange ein fast familiäres Verbundenheitsgefühl. Das ist fast überall rückläufig, weshalb diese Unternehmen ihren eigenen langjährigen Angestellten oft fremd werden.

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Deutlich persönlicher geht es in Medienhäusern unter 5000 Mitarbeitern (z. B. Madsack, Mediengruppe Pressedruck) oder gar unter 1500 Mitarbeitern (z. B. Spiegel, FAZ, Forum Media, Landwirtschaftsverlag Münster, Vogel Communications Group ) zu. Man kennt sich in diesen Unternehmen. Manches lässt sich schnell und ohne umständliche Dienstwege lösen. Persönliche Konflikte wiegen gleichzeitig schwerer, weil man sich kaum aus dem Weg gehen oder weniger durch diplomatisches Geschick lösen kann. Äußere Krisen und innere Umbrüche schlagen mangels Puffer schneller durch. Oft lassen sich Ideen schnell umsetzen, aber bei den Kleineren werden Kapital- und Personaldecke schnell dünn.

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Kleinste Arbeitgeber besonders persönlich

Eine letzte Gruppe, die hier genannt werden soll, sind Arbeitgeber unter 100 Mitarbeitern: Inhabergeführte Kleinverlage, Content-, Marketing- und PR-Agenturen, junge Startups und Einzelunternehmer (z. B. freie Texter), manchmal mit Partnern oder als Bürogemeinschaft organisiert. Hier hängt die Existenz oft nur an wenigen Auftraggebern und das eigene Glück an guten persönlichen Beziehungen. Überspitzt gesagt: Wer nicht mit seinem Eigentümer und den Kollegen befreundet sein könnte, bekommt schnell Probleme. Die Einkommen sind teilweise deutlich zu niedrig, Weiterbildungen und ein Aufstieg oft nur im Ausnahmefall möglich. Dafür gibt es Beweglichkeit und Pragmatismus sowie die Chance, projektbezogen bei großen Firmen anzudocken. Oft mit der Chance, sich später einmal dort zu bewerben.

Einige grundsätzliche Empfehlungen zum Schluss:

  • Versuchen Sie, möglichst unterschiedliche Unternehmensgrößen und -kulturen kennenzulernen. Für Berufsanfänger sind Praktika dafür üblich. Später und wenn Sie aktuell angestellt sind: Hospitanzen und Austauschprogramme (eventuell unter Einsatz einiger Urlaubstage) oder Probearbeiten im Rahmen einer Bewerbung,

  • Schieben Sie ein grundsätzliches Unbehagen in Bezug auf die Arbeitsweise, Gesprächs- und Streitkultur nicht beiseite. Aus pragmatischen Erwägungen kann man sich durchaus für einen Arbeitgeber entscheiden, der eigentlich nicht zu den eigenen Werten passt. Mehr als 1-2 solche Jahre machen aber sehr unglücklich.

  • Falls Sie bei unterschiedlichen Arbeitgebern ähnliche Schwierigkeiten hatten: Erwägen Sie die Möglichkeit, dass Sie sich bisher immer in einem Umfeld bewegt haben, das gar nicht ideal zu Ihnen passt. Entweder von Anfang an nicht (z. B.seit dem Volontariat) oder weil Sie sich inzwischen weiterentwickelt haben.

  • Lassen Sie sich nicht einreden, dass Sie eine bestimmte Arbeitsform (z. B. Teamarbeit) gut zu finden haben. Sie entscheiden selbst, was für Sie funktioniert, auch wenn "alle anderen" das angeblich nicht so sehen. Je klarer Sie sich darüber werden, was zu Ihnen passt, desto zielgerichteter suchen und entscheiden Sie.

Denken Sie beim Netzwerken und bei Bewerbungen also offen auch an Arbeitgeber, die grundsätzlich anders als Ihr bisheriger sind. Größer oder kleiner, internationaler oder regionaler, generalistischer oder spezialisierter. Gehen Sie Unternehmen aller Größen durch, sehen Sie sich deren Webseiten und Jobbörsen an. Es gehört Mut dazu, einmal etwas ganz anderes als zuvor auszuprobieren Aber nur dann haben Sie zumindest die Chance, dass das Ergebnis endlich einmal anders ausfällt.

Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.

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