Wissenschaftler und Virenexperte Peter Kremsner: Von den Bild-Reportern bin ich positiv überrascht

28.05.2021
 

Corona hat auch sein Leben im vergangenen Jahr dramatisch verändert. Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universitätsklinik Tübingen und verantwortlich für die CureVac-Impfstudie, ist eine mediale Figur geworden. Im SWR-1 Podcast "Leute" spricht Kremsner über die Zusammenarbeit mit Journalisten. Besonders von den Bild-Reportern ist er positiv überrascht - Zeitungen abseits des Boulevards haben ihn dagegen enttäuscht.

"Was haben Sie über Journalisten und Journalismus in Deutschland gelernt?", fragt Wolfgang Heim im SWR1-Podcast "Leute" den Wissenschaftler und Virenexperten Peter Kremsner. Kremsner verantwortet die CureVac-Impfstudie, auf die viele Menschen große Hoffnungen setzen.

"Ich werde viel mehr als früher interviewt, zum Teil ist mir das schon zu viel. Und ich denke, man könnte schon, wie manche Kollegen, einen Beruf daraus machen und in Gesprächsrunden auftreten und nahezu täglich Interviews geben - auch im Fernsehen. Ich versuche das ein bisschen zu reduzieren", sagt Kremsner.

Was er gelernt hat: Dass die Journalistinnen und Journalisten von "Qualitätsjournalen und -Zeitungen", die er gerne lese, manchmal nicht ganz so toll vorbereitet seien, wenn sie in Interviews gingen. "Dagegen waren andere Boulevardblätter überraschend gut vorbereitet, wenn ihre Journalisten ankamen", betont Kremsner. Das sei jetzt keine Regel, aber es sei für ihn schon sehr interessant gewesen, dass man dort althergebrachte Meinungen revidieren konnte. Also, dass es nicht das Gute, Schlechte oder Böse in den Medien gebe.

"Von der Bild-Zeitung bin ich bei den vielen Interviews, die ich gegeben habe, sehr positiv überrascht worden, wie wunderbar vorbereitet die Reporter waren. Alle Zitate, die ich jemals dort gemacht habe, wurden mir wieder zur Veröffentlichung und zur Freigabe geschickt", berichtet Kremsner und beteuert, kein Bild-Leser zu sein.

Dass Wissenschaft durch Covid-19 jetzt eine so eminent wichtige Rolle spielt, auch in den Medien, ist für den Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universitätsklinik Tübingen durchaus bedenklich: Als Wissenschaftler werde man immer wieder suggestiv gefragt, da sei es sehr gefährlich, sich darauf einzulassen, sagt Kremsner im Interview in "SWR1 Leute". Er versuche das auch möglichst nicht zu machen, aber man werde immer wieder gefragt: "Was ist ihre Prognose, wie wird die Lage im Juni sein, wie wird es im nächsten Jahr aussehen". Das könne man einfach nicht sagen, so der Experte. Gelegentlich lasse er sich aber doch darauf ein und ich bereue es in dem Moment, in dem er es ausspreche. "Wenn jemand nach der CureVac-Zulassung fragt, muss man eigentlich antworten: Vielleicht ist es in drei Wochen soweit, vielleicht in drei Monaten oder drei Jahren, vielleicht aber auch nie" - das sei die wahre Antwort. Natürlich könne er spekulieren, wie wird die Inzidenz in drei Monaten sein, etc, aber man müsse sehr vorsichtig sein und sich nicht einlassen auf zu viel Spekulation.

Hintergrund: Die Corona-Berichterstattung in Bild ("1 Jahr Corona in Bild") hat das Bildblog intensiv untersucht. Dort schreiben die Autoren u.a. "Von solchen Fehltritten abgesehen, macht die 'Bild'-Redaktion in den ersten Monaten des Jahres 2020 aber gar keinen schlechten Job. Viele Artikel sind stark boulevardesk und emotional aufgeladen; die Berichterstattung ist rückblickend im Umfang und in ihrer Dringlichkeit der Bedrohung und der potenziellen Entwicklung allerdings durchaus angemessen. Selbst 'Bild'-Chef Julian Reichelt klingt ungewohnt versöhnlich." Später folge die Bild-Berichterstattung vor allem einem Grundsatz: Hauptsache dagegen. Auch die "Anti-Drosten-Phase" wird vom Bildblog aufbereitet.

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Der Deutsche Presserat hatte im vergangenen Jahr der Bild-Zeitung wegen ihrer Berichterstattung über eine Studie des Berliner Virologen Christian Drosten eine Rüge erteilt. Der Beschwerdeausschuss erkannte "mehrere schwere Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht" laut Pressekodex. Insgesamt sprach das Gremium zwölf Rügen aus, davon allein fünf gegenüber Bild oder Bild.de.

Nach Auffassung des Beschwerdeausschusses war die Formulierung, die Studie sei "grob falsch", von den zitierten Expertenmeinungen im Text nicht gedeckt. Weiter habe der Artikel nicht erwähnt, dass es sich bei der Drosten-Studie um eine Vor-Veröffentlichung handelte. Zudem zitierte die Redaktion die Studie "unsauber". Der Ausschuss rügte auch, dass die Redaktion dem Chefvirologen der Berliner Charité und Berater der Bundesregierung für eine Stellungnahme eine Frist von einer Stunde gesetzt habe - dies sei zu kurz gewesen. Zudem habe die Bild in dem Artikel unterstellt, Drosten habe womöglich Tatsachen unterdrückt.

Der Presserat ist die freiwillige Selbstkontrolle der Presse, also von Zeitungen, Zeitschriften und Onlinemedien. Zu den Sanktionen, die der Presserat verhängen kann, zählen ein Hinweis, eine Missbilligung und die Rüge als härteste Folge. Eine öffentliche Rüge bedeutet, dass die betroffene Redaktion diese in einer ihrer nächsten Ausgaben veröffentlichen muss.

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