Warum Fleischhauer Böhmermann nicht mehr ernst nimmt

31.05.2021
 

Kolumnist Jan Fleischhauer nimmt sich in der aktuellen Focus-Ausgabe Jan Böhmermann vor. Fleischhauer hat sich viele Ausgaben von "ZDF Magazin Royale" auf dem neuen Sendeplatz im Zweiten angesehen und zieht ein überraschendes Resümee: Böhmermann will gar nicht mehr komisch sein - er strebe ins ernste Fach.

"Ich habe mir die ersten Sendungen angesehen. Meine Überraschung war groß. Was ist denn jetzt passiert, habe ich mich gefragt. Arbeitet Böhmermann neuerdings in der Bundeszentrale für politische Bildung?", schreibt Jan Fleischhauer in seiner aktuellen Der schwarze Kanal-Kolumne im Focus mit dem Titel "Mensch ist das witzig ;-)."

Fleischhauer zählt auf: In der Auftaktsendung von ZDF Magazin Royale auf dem neuen Sendeplatz nach der heute-show am Freitagabend sei es um Verschwörungstheoretiker gegangen und warum man diese nicht ernst nehmen dürfe. In der zweiten Folge sei die düstere Vergangenheit von Volkswagen Thema gewesen. In der dritten: die unheimliche Macht der Glücksspielindustrie. Es folgten Hartz IV und das schwere Los der Arbeitslosen sowie das vergiftete Erbe des Atommülls.

"Humor und politischer Bildungsauftrag vertragen sich schlecht", weiß Fleischhauer. Wenn der Sozialkundelehrer komisch sein wolle, gehe das meist schief. Da könne er noch so gut gelaunt sein und noch so hippe Anzüge tragen: Komik funktioniere nicht mit dem Lehrbuch in der Hand. Fleischhauer findet, dass der Witz in Böhmermanns Wesen anarchisch ist. "Wenn vor jedem Gag erst der Humor-TÜV anrücken muss, damit die Humorgranate auch garantiert in die richtige Richtung explodiert, ist es mit der Komik meist vorbei."

Fleischhauers Verdacht ist: Böhmermann will gar nicht mehr komisch sein. Er strebe ins ernste Fach. "Jemand, der nah dran ist, sagte mir, er wolle jetzt etwas bewirken. Das würde auch erklären, warum er in letzter Zeit so angestrengt wirkt."

Fleischhauer kritisiert, dass die Redaktion von Böhmermann Feinde erfindet oder noch einmal Themen durchnudelt, von denen man gedacht hätte, dass sie längst erledigt seien: "Also wird mit großem Aplomb Volkswagen der Prozess gemacht oder die Regenbogenpresse vorgeführt, weil sie es bei der Berichterstattung über die europäischen Königshäuser mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nimmt. Shocking!" kress.de hatte über Böhmermanns "Freizeit Magazin Royale" und seine Kritik an Medienhäusern wie Burda, Klambt, Funke und Bauer berichtet.

Fleischhauer untermauert seine These mit einem Hinweis auf den PR-Berater Hasso Mansfeld, der vergangene Woche auf Twitter eine Hilfsaktion gestartet habe: Witze für Böhmermann. Und es sei ja nicht so, dass die Zeiten schlecht für Satire wären. Annalena Baerbock und ihre Probleme mit den Nebeneinnahmen sind für Fleischhauer "reinstes Comedy-Gold". Auch aus Franziska Giffey und ihrem verunglückten Doktortitel ließe sich einiges machen. "Aber davon lässt man beim ZDF Magazin Royale die Finger, dann müsste man ja die Zielrichtung ändern. Lieber dreht man noch eine Runde Österreich-Bashing oder vermöbelt zum x-ten Mal die Nazis im Osten."

Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen

Wie bei vielen, die für die gute Sache streiten, sei Böhmermann jede Form der Selbstironie fremd, das sei seine große Schwäche, urteilt der langjährige Spiegel-Journalist Fleischhauer schließlich. Sich selbst auf die Schippe nehmen oder zumindest so tun können, als nehme man sich selbst nicht zu ernst, sei Böhmermann nicht gegeben. "Jedes Land hat die Komiker, die es verdient. England hat Ricky Gervais, wir haben Böhmermann", schreibt Fleischhauer weiter. Bei Böhmermann stehe jedem, der meint, er sei benachteiligt, ein Ehrenplatz am Tische des Herrn zu.

Interessanterweise hat Böhmermann nach Ansicht von Fleischhauer seinen größten Erfolg mit einem Auftritt gehabt, der im Widerspruch zu allem stehe, was er heute vertrete. Das Erdogan-Gedicht sei grauenhaft inkorrekt.

Hintergrund: Burda-Vorstand Philipp Welte hatte den langjährigen Spiegel-Journalist Jan Fleischhauer 2019 zum Focus geholt. "Unsere Zeitschriften leben von exzellentem Journalismus, für den exzellente Köpfe stehen. Deshalb freut es mich besonders, dass wir Jan Fleischhauer als einen meinungsstarken Kommentatoren des Zeitgeschehens für Focus begeistern konnten", sagte Welte damals. Fleischhauer ist für den Focus als Kolumnist tätig. Außerdem koordiniert er die Social-Media-Aktivitäten des Nachrichtenmagazins.

Zur Person: Fleischhauer fing 1989 nach dem Besuch der Henri-Nannen-Schule als Redakteur beim Spiegel an. Er wirkte u.a. als stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts und stellvertretender Leiter des Hauptstadtbüros. Vor 2001 bis 2005 war er Wirtschaftskorrespondent in New York. Seit 2008 war er Autor des Spiegel in Berlin.

Sie möchten exklusive Medienstorys, spannende Debatten und Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Inhalt konnte nicht geladen werden.