Erhellend, gefährlich oder verstörend? Wie die Branche die Relotius-Offenbarungen einschätzt

02.06.2021
 

Dem Schweizer Magazin "Reportagen" ist ein Coup gelungen: Chefredakteur Daniel Puntas Bernet und Reporterin Margrit Sprecher veröffentlichten ein Interview mit Claas Relotius in epischer Länge. Der einstige Spiegel-Reporter spricht darin erstmals öffentlich über seine Fälschungen. Aus dem Branchenecho sticht besonders die SZ heraus, die in dem Skandal auch noch mal den Spiegel ins Spiel bringt.

Für Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier ist das der Kernsatz aus dem Relotius-Gespräch in "Reportagen":

"Ich hatte das Gefühl, beim Schreiben den Kontakt zur Realität zu behalten. Dass ich journalistisch jeden Realitätsbezug verliere, habe ich einfach ignoriert."

Niggemeier findet das Interview lang, erhellend und verstörend, wie er via Twitter mitteilt. 

Lorenz Meyer vom Bildblog meint: "Man kann auch stundenlang Münchhausen befragen, wie sich der Ritt auf der Kanonenkugel angefühlt hat: Es ist unterhaltsam, bringt aber keinen Erkenntnisgewinn. #Relotius-Interview."

Der Journalist Johannes Böhme befasst sich auf Twitter ausführlich mit dem Relotius Interview:

Was auffällt beim #Relotius-Interview: Die Interviewer scheinen zu glauben, dass all das, was in den psychiatrischen Akten steht, irgendwie einen ehrlichen Eindruck vom Innenleben dieses Mannes gibt. Aber natürlich geht es in der Therapie nicht primär um Wahrheitsfindung.

Psychiater sind nicht dazu da Fakten zu überprüfen, sondern ihren Patienten zu helfen. Nur weil etwas in einer Behandlungs-Akte steht, ist es weder automatisch wahr noch plausibel. Die Grundhaltung in der Therapie ist, anders als im Journalismus, eben nicht der Zweifel.

[...]

Ob Relotius wirklich nicht mehr zwischen Innen-und Außenwelt unterscheiden konnte, weiß auch der Psychiater nicht. Das Innenleben bleibt letztlich unüberprüfbar.

Es fällt vor allem auf, wie entlastend die Geschichte der psychotischen Realitätsverwischung ist - in der das betrügerische Schreiben als Therapie, als Selbstmedikamention verkauft wird. Das ist eine verführerische Erklärung - vielleicht sollten wir ihr gerade deshalb misstrauen.

An so viel kann er sich ja angeblich nicht erinnern, aber die Vorwürfe gegen Juan Moreno waren dann sehr präzise. Sein Anwalt hatte damals ja ebenfalls mit sehr kleinteiligen Spitzfindigkeiten argumentiert: Der Frage, ob seine Bürotür jetzt offen war oder nicht zum Beispiel.

Und gibt es irgendjemanden, der die angebliche jahrelange Vorgeschichte psychiatrischer Krankheit von ihm bestätigen kann? Das will er laut dem Interview so geheim gehalten haben, dass niemand davon wusste.

Und die brilliant manipulative Endphase beim Spiegel, in der er Juan Moreno beinahe zu Fall brachte, ist jetzt schon wieder vergessen? Diesem Talent, unwahrscheinliche Aspekte zu einer kohärenten Erzählung zu formen, wird einfach so wieder eine Plattform gegeben.

Es ist ja fast so, als hätten wir nichts dazu gelernt. Schon wieder sitzen die Leser da und haben Tränen in den Augen, dieses Mal nicht wegen syrischer Flüchtlingsjungen, sondern wegen des so innerlich gepeinigten Betrügers.

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"Nicht das Ausmaß der Fälschungen interessiert noch, sondern was der Fälscher, der seit seiner Enttarnung wenig gesagt hat, nun über sich weiß. Ob die deutsche Öffentlichkeit danach giert?", fragt Axel Weidemann in der FAZ. Das Interview sei ein Versuch zweier Journalisten, Fragen zu stellen, und der Versuch eines Täuschers, Antworten zu geben. Relotius halte - und davon gehe vielleicht die größte Gefahr für den Journalismus aus - daran fest, dass seine Geschichten trotz der Unwahrheit viel über seine Themen erzählten. Auch für Daniel Puntas Bernet und Margrit Sprecher, die das Interview mit Relotius geführt haben, sei es ein heikles Unterfangen. Zu fragen, einerseits mit dem Respekt vor einer möglichen Krankheit, andererseits so, dass klar werde, wenn diese als Ausflucht benutzt werde: "Denn Relotius schildert neben Episoden, in denen er ganz eigenen Wahnvorstellungen nachging, ohne sich hernach daran erinnern zu können, auch solche, in denen er völlig klar war - und dennoch tat, was er immer schon getan haben will: von Zwängen befreit, 'ungebremst' zu schreiben, um sich 'Klarheit' zu verschaffen", kommentiert Axel Weidemann in der Frankfurter Allgemeinen.

Für Laura Hertreiter, Süddeutsche Zeitung, ist das Relotius-Interview eine große Geschichte: "Es ist, so kennt man das von ihm, eine Geschichte von bestechender Stringenz und mit schillernden Details."

"Wie ist die Geschichte vom Betrüger aus psychischer Not, vom großen Realitätsverlust einzuschätzen?", fragt sich Hertreiter. Ihre Antwort: "'Viele Menschen haben seelische Probleme. Man muss deswegen keinen Medienskandal verursachen', sagt Relotius selbst. Er schildert seinen psychischen Zustand in diesem Interview auf eine Weise, wie es Betroffene selten tun, was bleibt in dieser Geschichte, ist einer, der Hilfe gebraucht hat, der sie noch immer braucht und das kompromisslos offenlegt. Nicht schuldfähig oder schonungslos ehrlich?"

Das Ende des SZ-Kommentars lässt aufhorchen: Die Wirklichkeit sei selten glasklar, sondern in der Regel kompliziert, widersprüchlich und vielschichtig, das habe Relotius seine Leser gelehrt, der seinen Geschichten immer eine faszinierende, fast literarisch anmutende Auflösung gebe, schreibt Hertreiter. Deshalb ist für sie "das Interessanteste an seiner Geschichte die Interviewfrage, ob nicht doch was dran sei an dem Vorwurf gegen den Spiegel, hinter den Fälschungen habe ein System gesteckt, eine Redaktion, die ihn in seinem Tun bestärkt und befeuert habe." Denn darauf habe Relotius ausweichend geantwortet, bevor er Kollegen und seinen Ressortleiter ausdrücklich lobte.

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