Tausche Lanz, Maischberger und Illner gegen Stammtisch: Warum Polit-Talks Hans Werner Kilz stressen

 

Der frühere Chefredakteur von Spiegel und SZ fährt mit seiner Zweitkarriere als TV-Moderator auf Erfolgskurs. Beim Sonntags-"Stammtisch" im BR hat Hans Werner Kilz am Wochenende die 500. Ausgabe gefeiert. Warum er Politiker nicht im Verhörstil interviewen möchte, aber trotzdem bundesweit oft Schlagzeilen produziert, sagt Kilz im exklusiven Köpfe-Gespräch.

kress.de: Herr Kilz, ein Stammtisch ist ja eigentlich ein Ort, den viele Menschen zuletzt vermisst haben. Dort kann man Dampf ablassen, wird aber bei sehr abseitigen Ansichten auch rasch wieder eingefangen. Wie lange wird es Ihrer Ansicht nach dauern, bis sich die Leute aktuell wieder beruhigen und auch über scharfe Gegensätze hinweg zueinanderfinden? 

Hans Werner Kilz: Corona hat Spuren hinterlassen. Und der Diskurs im Netz wird sich weiter verschärfen. Unsere Gesellschaft hält das aus, aber es ist wichtig, dass die Menschen wieder im Gespräch zusammenfinden. Da sind Stammtische unentbehrlich. Wir sind keine Talkshow im üblichen Sinne: wir sind nicht monothematisch ausgerichtet, wir reden über viele Themen der Woche, über Politik, Katastrophen, Corona und auch über Familienzwist in Königshäusern. Wir laden immer nur einen Politiker ein, damit sich nicht zwei vor der Kamera zanken. Wir reden miteinander und lassen alle ausreden. Auch privat sind Stammtische wichtig, sie kommen jetzt wieder, die Menschen haben sie vermisst. Da fehlte ein wichtiges Ventil.

"Coronabedingt hat die Debattenkultur gelitten, und dies quer durch alle Medien."

kress.de: Sie sind ja beruflich darauf geeicht, Zwischentöne zu hören und Stimmungen einzufangen. Waren die Menschen in den vergangenen Monaten tatsächlich nicht nur besonders angespannt, sondern vielleicht dünnhäutiger?

Hans Werner Kilz: Natürlich hat coronabedingt die Debattenkultur gelitten, und dies quer durch alle Medien. Zusätzlich führte die Kommunikation über die sozialen Netzwerke zu einer enormen Verschärfung in den Diskussionen. Die Diskrepanzen im Land werden offen ausgetragen, und es geht auch nicht mehr ums Zuhören, nur noch um die eigene Meinung und die der jeweiligen Gemeinde. Da wird auch schnell mal Beleidigendes und sozial komplett Abträgliches reingeschrieben. Wenn das bloß gesagt wird und keiner hört es, dann ist so was gleich wieder vergessen. Hier aber bleiben solche Aussagen schwarz auf weiß bestehen - und wirken auf schädliche Art weiter. Deswegen ist ein sachlicher journalistischer Grundton umso wichtiger. Wie aufgeregt viele Leute zuletzt waren, merkt man doch auch im privaten Umfeld. Gerade junge Menschen haben eine derartige Erfahrung noch nie gemacht, wissen nicht, wie man mit einer Krisensituation umgeht.

"Aus der schlimmsten Corona-Endlosschleife sind wir zum Glück medial raus."

kress.de: Wie groß ist denn ihr Mitleid mit den ehemaligen Redaktionskollegen, die auch bei der Arbeit ja zuletzt fast nur ein Thema hatten - die Krisensituation als Dauerzustand?

Hans Werner Kilz: Aus der schlimmsten Corona-Endlosschleife sind wir zum Glück medial raus. Von daher galt mein Mitleid, wie Sie es nennen, sowohl Kollegen als auch Zuschauern oder Lesern in der ersten Phase der Pandemie. Ich bin selbst noch meiner früheren Zeitung verbunden, habe die Redaktion kürzlich besucht: bedrückende, gespenstische Stimmung, wenn die Räume leer sind und alle von zuhause aus arbeiten. Der frühere Zeit-Herausgeber Theo Sommer hat mal gesagt, dass sich eine Zeitung auf dem Flur macht. Wenn Kollegen weniger miteinander reden und sich nur noch am Bildschirm sehen, Konferenzen per Video ablaufen, muss die Zeitung nicht zwangsläufig schlechter werden. Aber sie wird journalistisch glatter, manchmal einfallsloser. Oft wirkt sie auf mich wie gebügelt. Das liegt auch am mangelnden Esprit bei der Vergabe der Themen. Wenn zehn Leute zusammensitzen und diskutieren, kommt immer die bessere Geschichte, die schönere Glosse heraus. Für Journalisten ist der persönliche Kontakt, der direkte Austausch lebensnotwendig.

kress.de: Ohne Zweifel. Wie haben Sie denn zuletzt die Themen-Auswahl bei der Sendung gehandhabt, als es eigentlich nur ein zentrales Thema gab?

Hans Werner Kilz: Wir haben uns oft gefragt, ob wir beim nächsten Mal wieder so lange über die Pandemie reden sollten. Auf Abwechslung haben wir natürlich geachtet, aber in Wahrheit kommen wir an keinem Sonntag an dem Thema komplett vorbei. 

"Manche Plattformen oder Echokammern des Netzes könnten nicht beunruhigender sein, hier herrscht das klare Prinzip der Desinformation und der Verschwörung."

kress.de: Das Informationsbedürfnis war und ist groß und hat vielen Medien auch starke erhöhte Reichweiten verschafft. Trotzdem: Wie sehr beunruhigt es Sie, wenn Teile der Öffentlichkeit sich in den sozialen Medien abkapseln und dort die Abwendungen von sogenannten Qualitätsmedien eine Eigendynamik entwickelt?

Hans Werner Kilz: Manche Plattformen oder Echokammern des Netzes könnten nicht beunruhigender sein, hier herrscht das klare Prinzip der Desinformation und der Verschwörung. Das hat für mich nichts mit Journalismus zu tun. Aber dass guter Journalismus in besonderen Situationen einen schnellen Zugang zu zuverlässigen Informationen ermöglicht, hat Corona deutlich gezeigt. Die hohen Klickraten und Auflagen sind doch ein großer Vertrauensbonus. Was heißt das nun für die Zeitung? Da bin ich ja groß geworden und musste auch erst mal neue Erfahrung mit anderen Medien machen. Natürlich tut es weh, wenn man sieht, dass junge Leute keine Zeitungen mehr lesen. Es gibt aber auch die Meinung, dass die Liebe zu Printmedien wieder kommt. Mich freut es zu sehen, dass es der Süddeutschen Zeitung beispielsweise gelingt, zunehmend digitale Abos zu verkaufen. Viele informieren sich inzwischen ausschließlich über die Digital-Angebote im Netz. Ich persönlich glaube, es wird die gedruckte Zeitung auch noch in 20 Jahren geben, aber vermutlich mit geringerer Auflage. Sie wird für eine intellektuelle Elite sein. Wer sie bezahlt und nach welchem Geschäftsmodell sie finanziert wird, muss sich zeigen. Davon hängt beispielsweise auch ab, ob überall noch Auslandskorrespondenten arbeiten - Journalisten und Reporter am Ort des Geschehens sind durch nichts zu ersetzen.

Das Wichtigste aus den Medien - einmal am Tag: Jetzt den kressexpress bestellen

kress.de: Wenn man auf Ihren Karriereweg in die Chefredaktionen blickt, war zumindest bislang nicht unbedingt abzusehen, dass Sie auch mal ein gefragter Fernseh-Mann werden. Wie gut fühlen Sie sich in dem Medium angekommen und wie groß waren Ihre anfänglichen Berührungsängste?

Hans Werner Kilz: Ich hatte Respekt vor dieser Aufgabe, aber schon immer Lust, mal Fernsehen zu machen.

kress.de: Tatsächlich?

Hans Werner Kilz: Beim "Spiegel" habe ich damals im Mainzer Büro als Landeskorrespondent angefangen. Dort war ich auch für die ZDF-Berichterstattung zuständig. So hatte ich auch Harry Valérien kennengelernt und ihm gesagt, dass es mein Wunsch wäre, eines Tages mal "Das aktuelle Sportstudio" zu moderieren. Später war ich dann in meiner Funktion als Chefredakteur öfter im Fernsehen - bei "Talk im Turm" oder im "Presseclub". Nach dem Ausscheiden habe ich sogar mal ein Konzept für eine Sendung entwickelt.

kress.de: Was für eine denn?

Hans Werner Kilz: Ich wollte eine medienkritische Sendung machen - auf dem Hintergrund der Erfahrungen, die ich beim "Spiegel" und bei der "Süddeutschen" gesammelt habe. Ich hatte die Idee auch dem damaligen BR-Intendanten Ulrich Wilhelm vorgetragen. Der fand das Konzept spannend - als aufklärerische Mischung aus Bildungsfernsehen, Information und Medienkritik. Aber daraus ist leider nichts geworden. 2018 ist der BR dann auf mich zugekommen und hat mir die "Stammtisch"-Moderation angeboten. Man hat mich einfach senden lassen, ohne zu proben. Das fand ich einen enormen Vertrauensvorschuss. Menschen, die mich gut kennen, bestätigen mir, dass ich nach und nach auf dem Bildschirm zu meiner Rolle gefunden habe, mit mir identisch bin. Freut mich! Vor den Sendungen habe ich nie Bammel. Der Tag davor, der Samstag, ist problematischer: Da muss ich auf Fußball verzichten und den "Sonntags-Stammtisch" vorbereiten. Aber das hat auch Vorteile.

"Ich habe sogar extra noch ein 'FAZ'-Abo abgeschlossen."

kress.de: Welche denn?

Hans Werner Kilz: Ich bleibe bestens informiert. Ich habe sogar extra noch ein "FAZ"-Abo abgeschlossen. Die Printausgabe natürlich, damit ich drin rumstreichen kann.

kress.de: So weit geht Ihr Wissendrang also - auch zur früheren Konkurrenz.

Hans Werner Kilz: Aber ja. Natürlich lese ich die "Zeit", die "Süddeutsche" und den "Spiegel", den ich als ehemaliger Chefredakteur lebenslang kriege. Die unterschiedlichen Sichtweisen in den Kommentaren sind mir wichtig, bereiten gut auf den Stammtisch vor.  Wir reden in der Sendung über die unterschiedlichsten Themen, über die Zukunft der Rente, die brachliegende Musik- und Theaterkultur, über Kanzlerkandidaten und auch über Fußball. Aus meiner Zeit beim "Spiegel" stammt der Satz: "Zehn Jahre Redakteur in der Wirtschaftsredaktion entsprechen 20 Semester Volkswirtschaftsstudium." Als Journalist ist man ja bestens halbgebildet.

"Ich bin kein Freund einer Interview-Führung im Verhörstil."

kress.de: Was den "Stammtisch" ausmacht, ist auch der Stil Ihrer Gesprächsführung, die sich von den abendlichen Polit-Talks abhebt.  

Hans Werner Kilz: Ich bin kein Freund einer Interview-Führung im Verhörstil. Ich glaube, bei vielen Fernsehsendungen geht es den beteiligten Journalisten zu sehr um das eigene Image. Wichtiger wäre, von Gästen etwas zu erfahren. Nicht der Journalist steht im Vordergrund, sondern der Gesprächspartner. Daran halten wir uns am Stammtisch, wir wollen unterhalten und informieren. Penetrantes Nachhaken in der Art "Geben Sie doch endlich zu, Herr Spahn, dass Sie Fehler gemacht haben", ist nicht mein Stil. Das ständige Unterbrechen mögen die Zuschauer nicht. Wir erhalten viele Zuschriften mit dem Tenor: "Tausche Stammtisch gegen Lanz, Maischberger und Illner." Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Aber bei so mancher abendlichen Polit-Talkshow fühle ich mich als Zuschauer gestresst.

kress.de: Inwieweit schlagen aber trotzdem weiterhin zwei Herzen in Ihrer Brust? Sie müssen doch parallel zum eigenen Moderieren gleich immer noch die mediale Wirkung mit einschätzen, etwa was nun etwa die "SZ" oder der "Spiegel" als Zitat aus Ihren Sendungen holen könnte - quasi als Außensicht auf sich selbst. 

Hans Werner Kilz: Im Herzen bin ich natürlich immer Journalist geblieben. Ich freue mich, wenn wir mit der Stammtisch-Kulisse nachrichtlich in der "Tagesschau" vorkommen. Mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der kürzlich zu Gast war, wurden wir sogar in der "heute-show" zitiert. Klasse! Vielleicht nervt es die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk manchmal, wenn ich nach den Sendungen frage, ob auch drei, vier aktuelle Meldungen aus dem Gesagten gemacht werden. Da denke ich natürlich noch immer in Schlagzeilen und Überschriften.

"Warten wir mal ab, welche neuen Pandemien kommen und wie wir sie überleben."

kress.de: Am Sonntag steht für Sie die Jubiläumssendung an, die 500ste Ausgabe. Wie weit reicht aktuell der Blick in die Zukunft - was planen Sie jetzt schon längerfristig für die 750. und 1000. Ausgabe?

Hans Werner Kilz: Warten wir mal ab, welche neuen Pandemien kommen und wie wir sie überleben. Aber klar: Wir sind in einem Bundestagswahljahr. Und da werden natürlich viele Politiker aus Berlin in die Sendung kommen. Zuletzt hatten die ein Problem mit dem Reisen, weil sie sich selber schützen wollten oder ihren Wählern nicht erklären konnten, dass sie Masken tragen und Kontakte meiden sollen, selber aber ins Studio nach München reisen.

kress.de: Hätte man das Anreiseproblem nicht anders lösen können?

Hans Werner Kilz: Unsere Sendung ist live, auf Leinwand zugeschaltet wird bei uns niemand, alle Teilnehmer müssen am Stammtisch sitzen. Aber nach Bayern kommen viele sehr gerne.

kress.de: Wie gut haben Sie sich als gebürtiger Wormser und langjähriger Berufs-Hamburger im Süden eingewöhnt?

Hans Werner Kilz: Ich bin kein Bayer, aber ich habe dieses Land nach 25 Jahren wirklich lieben gelernt. Es ist angenehm, in München zu leben. Weil ich gerne nach Italien oder in die Berge fahre, bin ich hier wunderbar aufgehoben. Als ich vom "Spiegel" zur "Süddeutschen" kam, dachte ich schon nach wenigen Tagen: Mensch, das ist ja alles viel entspannter hier. Ein Verleger hat mich auf dem Hof angesprochen und gefragt, ob wir gleich mal ein Bier trinken gehen. Die Bayern haben ein völlig anderes Verhältnis zur Freizeit, da geht es freitags raus aus der Stadt, im Winter in die Berge zum Skifahren, im Sommer an den Gardasee. Beim "Spiegel" haben wir noch den ganzen Freitag bis samstagfrüh gearbeitet. Also: Ich kann es hier sehr gut aushalten. Wir haben in den Sendungen bislang 5000 Liter Bier ausgeschenkt, ein paar tausend mehr können es von mir aus schon noch werden.

Hintergrund: Der "Sonntags-Stamnmtisch" mit dem Untertitel "Bayerisch - Bissig - Bunt" läuft jeweils sonntags um 11.00 Uhr im BR-Fernsehen. Es diskutieren dabei in der Kulisse des Gasthofs "Brunnerwirt" aus der Serie "Dahoam ia Dahoam" immer ein Moderator sowie zwei Stammgäste mit zwei prominenten, vorzugsweise bayerischen Gästen. Erster Moderator der Reihe war langjährige Burda-Journalist Helmut Markwort. 2019 übernahm Hans Werner Kilz die Moderation. Die Quote zeigt stetig nach oben - aktuell sind es überwiegend über 10%, bei oft 200.000 Zuschauern in Bayern, bundesweit wurde mehrfach die Marke von 500.000 überschritten. Der Sonntags-Stammtisch steigerte sich von einer Jahresquote von 5,7% im Jahr 2007 bis auf 10,3% im Jahr 2020.

kress.de-TippSie arbeiten in der Medien- und Kommunikationsbranche? Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.de und legen in der Personen-Datenbank "Köpfe" ein Profil an. Ihren Köpfe-Eintrag können Sie mit einem Passwort bequem selbst pflegen und aktualisieren. Mit Ihrem Profil können Sie sich auf kress.de - beispielsweise mit Kommentaren - präsentieren und sind zudem - wenn gewollt - auch im Netz leicht auffindbar. Wir als Redaktion verknüpfen die Kopf-Profile mit Personalmeldungen und präsentieren am Wochenende die populärsten Köpfe der Woche.  

Alle Neuzugänge bei den "Köpfen" finden Sie hier.

Sie möchten exklusive Medienstorys, Jobkolumnen und aktuelle Top-Personalien lesen? Dann bestellen Sie bitte unseren kostenlosen kressexpress. Jetzt für den täglichen Newsletter anmelden.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.