Steingart zur Wahl in Sachsen-Anhalt: Medien sind in Falle getappt

07.06.2021
 

Gabor Steingart sieht "nahezu alle Medien" seit Wochen in die falsche Richtung rennen. Als aktuellen Beleg nimmt er den Wahlabend von Sachsen-Anhalt. Warum Steingart wenig Hoffnung hat, dass sich bis zur Bundestagswahl an den "Fehlurteilen" der Medien etwas ändert.

"Das menschliche Gehirn spielt uns die größten Streiche. Es neigt dazu, Ereignisse im politischen, im wirtschaftlichen und privaten Leben zu extrapolieren, also das einmal Gesehene, Gemessene und Gefühlte in die Zukunft zu verlängern", beginnt Gabor Steingart an diesem Montag seinen Morning Briefing-Newsletter.

Wenn eine Aktie sechs Monate hintereinander steige, glaubten die meisten Anleger, dass sie auch in Zukunft steigen werde. Auch die Medien sieht Steingart in die Falle tappen:

Wenn eine Partei in den Umfragen über einen längeren Zeitraum zulegt - wie die Grünen - oder über einen längeren Zeitraum abnimmt - wie die Union - dann prognostiziert eine Mehrheit der Kommentatoren, dass die Grünen bald das Kanzleramt übernehmen werden und die Union ihre besten Zeiten hinter sich hat.

Anlass für Steingarts Überlegungen ist der Wahlabend von Sachsen-Anhalt: Die AfD sei dort eben nicht stärkste Partei geworden, wie manche prognostiziert hätten. Die CDU habe stark zugelegt und nicht verloren, wie von vielen erwartet worden sei. Die FDP verschwinde nicht aus dem Landtag und das Wahlergebnis der Grünen sei nicht durch die Decke gegangen, zählt der ThePioneer-Gründer auf. "Nahezu alle Medien befinden sich seit Wochen in der 'Regressionsfalle'", so sein Ergebnis.

Steingart zitiert den Wissenschaftler Klaus Fiedler von der Universität Heidelberg, der zu dem Thema forscht. Dieser sagt demnach: "Intuitiv neigen Menschen dazu, von positiven Ergebnissen auf positive Eigenschaften und von negativen Ergebnissen auf negative Eigenschaften zu schließen. Das Prinzip der Regression verlangt aber das genaue Gegenteil." Fiedler weiter: "Was regressive Prozesse intuitiv so schwer zu verstehen macht, ist, dass sie dem vorherrschenden Trend zuwider laufen. "      

Auf die Politik bezogen heißt das für Gabor Steignart, dass politische Parteien ihrer historischen Mitte entgegen fallen oder steigen. "Die zuvor prognostizierten Extremausgänge von Wahlen fallen meist am Wahlabend in sich zusammen wie ein erkaltetes Soufflé."

Tipp: Gabor Steingart gehört zu den 20 Medienmachern, die beim European Publishing Congress 2021 am 15. Juni ihre Strategien erklären. Jetzt ein kostenloses Ticket sichern.

Steingart liest in seinem Morgen-Newsletter den Medien die Leviten: "Der anschwellende Abgesang auf die Union nach Merkel und die Überhöhung der Grünen sind Fehlurteile, die auch dann Fehlurteile bleiben, wenn sie von einer Mehrheit der professionellen Beobachter geteilt werden. Oder um noch einmal mit dem Psychologen Fiedler zu sprechen: Die 'Regressionsfalle' ist tückisch und schwer zu erkennen; selbst intelligente und in formalem Denken ausgebildete Menschen übersehen sie nur allzu oft. Sie zu meistern, verlangt eine ungewohnte Denkweise."

Deswegen hat Steingart wenig Hoffnung: Mit ihrem "stark ausgeprägten Herdentrieb" sieht er die Medien noch ein ums andere Mal in die "Regressionsfalle" tappen. Dem Journalismus würden sie so keinen Dienst erweisen: "Eine politische Berichterstattung, die den zur Gewissheit prolongierten Augenblick als Wahrheit verkauft, kann auf Dauer das Vertrauen des Publikums nicht rechtfertigen und wird auch bei den Spitzenpolitikern immer neue Traumata hervorrufen." Martin Schulz, Annegret Kramp-Karrenbauer und womöglich bald auch Annalena Baerbock wüssten, was hier gemeint sei.

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